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Karrieresprung Gemeinschaftsaufgabe Kinderbetreuung Von Herta Paulus
Klein-Annas Kindergarten macht Ferien und jetzt das: Frühmorgens meldet sich die Tagesmutter mit Triefnase und Fieberschüben krank. Noch zwei Stunden, dann beginnt ein wichtiger Kundentermin. Absagen und zu Hause bleiben heißt in solchen Fällen die einzige Alternative für viele Eltern. Nicht so für die Mütter und Väter unter den 650 Mitarbeitern beim Arznei- und Körperpflegehersteller Weleda in Schwäbisch Gmünd. Hier reicht ein Anruf beim Generationen-Netzwerk und Annas Betreuung ist geritzt. Alt hilft jung Ein pensionierter Weleda-Mitarbeiter springt als rettender Engel in die Bresche. Der Service des Netzwerks, das als Konsequenz einer Mitarbeiterbefragung seit März 2004 vorangetrieben wird, beschränkt sich nicht allein auf die Kinderbetreuung, sondern auf alles, was das Leben leichter macht. Vom Wäschedienst, der Betreuung von Haustieren, Reinigung und Gartenpflege, Winterdienst, Einkäufe, Fahrdienste und EDV-Hilfe reicht das Angebot der Wahlverwandtschaft, die aktuell aus zehn Mitarbeiterinnen und 17 Weleda-Pensionären besteht und in das Unternehmen eingebunden ist. Eine Kontaktperson aus der Personalabteilung wird stundenweise für ihre Koordinationsaufgaben freigestellt. Das Generationen-Netzwerk überzeugte auch die Jury des Wettbewerbs Erfolgsfaktor Familie 2005, die dem Unternehmen den Innovationspreis zusprach. Notfallbetreuung rechnet sich Kein Problem mit der Ad-Hoc-Absage der Tagesmutter hat auch die Commerzbank-Mitarbeiterin in Frankfurt. Dank der seit 1999 bestehenden Zusammenarbeit mit dem PME-Familienservice kann sie ihren Sprössling in einem solchen Fall in die zehn Fußminuten vom Commerzbank-Hochhaus gelegenen Ausnahmebetreuung Kids&Co bringen. Geöffnet ist diese von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends, bei Bedarf auch länger und am Wochenende. Steht eine Dienstreise an, nach München oder Düsseldorf etwa, kann sie ihr Kind auch einfach mitnehmen und in eine der dort vom Familienservice betriebenen Einrichtung bringen. An 12 Standorten ist diese Notfallbetreuung garantiert. Das wird natürlich genutzt, bestätigt Barbara David, Mitarbeiterin im zentralen Stab Personal/Diversity bei der Commerzbank. Rund 210.000 Euro investierte die Bank in 2003 allein an ihrem Standort Frankfurt in Kids&Co und vermied dadurch weit höhere Kosten. Denn ohne die Notfallbetreuung wäre ein Arbeitsausfall in Höhe von 351.000 Euro angefallen, ergaben die unternehmensinternen Berechnungen. Unternehmen setzen auf Kooperation Mehr und vielfältiger sind die Aktivitäten der Unternehmen beim Thema Kinderbetreuung in den letzten Jahren geworden. Eine eigene, auch während der Schulferien ganztags geöffnete Waldorf-Kindertagesstätte wie die Weleda AG leisten sich zwar nur sehr wenige Firmen. Dem Kölner Institut der Wirtschaft zufolge unterhalten nur knapp zwei Prozent der deutschen Firmen eigene Betreuungseinrichtungen. Diese Zahl spiegelt aber in keiner Weise das tatsächliche Engagement der Betriebe wider. Mehr und mehr Unternehmen kommen auf uns zu und ergreifen auch Maßnahmen, berichtet Stefan Becker von der Beruf&Familie GmbH, einer Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die sich die Förderung einer familienbewußten Personalpolitik in Unternehmen und Institutionen als Ziel gesetzt hat. Eine Einrichtung alleine stemmen, und damit vor allem die hohen Betriebskosten im Alleingang tragen, wollen oder können aber nur die wenigsten. Müssen sie auch nicht, wie das Beispiel der jüngst eröffneten Kinderkrippe der Commerzbank zeigt, die sowohl Kindern aus dem Stadtteil wie auch anderen Betrieben per Belegrechtseinkauf offen steht. Ein Modell mit Vorbildcharakter, meint Becker. Vielfalt statt Monotonie Doch deren gibt es mittlerweile einige, auf den unterschiedlichsten Ebenen. So fördern etwa der Stromanbieter GGEW Bensheim sowie die örtliche Sparkasse den Aufbau und Betrieb einer Tageselternbörse, andere Firmen wie etwa der Medizintechnikhersteller B.Braun in Melsungen konzentrieren ihre Hilfe vorrangig auf die Unterstützung von Eltern-Kind-Initiativen. Wieder andere Firmen üben den Schulterschluß und errichten zusammen mit den Kommunen neue Einrichtungen. In Stuttgart beispielsweise entstanden so sieben betriebsnahe Kinderhäuser, die als öffentliche Einrichtung auch Kindern aus den umliegenden Wohngebieten offen stehen. Betrieben werden sie vom Stuttgarter Verein Kind e.V., dem 22 Unternehmen angehören. Die laufenden Kosten werden durch kommunale Zuschüsse und Elternbeitrage abgedeckt. In Kooperation zwischen Firmen, Kommunen, Ländern und Eltern hat sich eine Vielfalt neuer Kinderbetreuungsformen entwickelt, stellt Harald Seehausen von der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung (FAIF) fest. Der Trend geht hin zum Verantwortungs- und Finanzierungsmix. Vor allem die Betreuung in Notsituationen sowie die Betreuung der unter drei Jahre alten Kinder rücken immer mehr in den Fokus. Hier sind viele Firmen aktiv, ohne das an die große Glocke zu hängen, berichtet Becker. Denn, so seine Erfahrung, oft hilft es schon, auch nur die richtige Stelle benennen zu können, an die sich die Mitarbeiterin wenden kann. Apropos richtige Stelle: Als potentielle Anlaufpunkte kristallisieren sich in immer mehr Gemeinden die von der noch amtierenden Familienministerin Renate Schmidt Anfang 2004 initiierten lokalen Bündnisse für Familie heraus, die sich in den Themenfeldern Vereinbarkeit von Familie und Beruf, familienfreundliches Lebensumfeld und flexible Kinderbetreuung engagieren. Gut 200 Bündnisse gibt es bereits, in denen sich bislang 1.200 Unternehmen als Partner beteiligen. Text: @rwi |
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