Karrieresprung

Lernen im Bedarfsfall

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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06. September 2002 Der Brief an den französischen Geschäftspartner ist fertig. Fehlt nur noch eine dieser ellenlangen Verabschiedungs-Floskeln, auf die unsere Nachbarn in ihrer Korrespondenz so großen Wert legen. Von den Kollegen weiß niemand Rat, ein entsprechendes Wörterbuch ist nicht zur Hand.

Abhilfe könnte in Zukunft das Internet schaffen. Der britische E-Learning-Anbieter NETg hat bereits eine Lösung entwickelt, mit der Mitarbeiter Wissenslücken schließen können, die im Arbeitsalltag auftreten. Dazu hat er einen Teil seines virtuellen Kursangebots in kleine Lernstückchen zerlegt.

Der Nutzer gibt seine Frage in die Suchmaske ein. Eine Suchmaschine durchforstet darauf hin die gesamte Kursbibliothek von NETg und stellt ihm die entsprechende Lektion zur Verfügung. Innerhalb von fünf bis acht Minuten hat er sie abgearbeitet - ein Wissenshäppchen für zwischendurch gewissermaßen. Für den deutschsprachigen Raum bietet NETg gegenwärtig rund 35.000 Lerneinheiten aus den Bereichen EDV/IT, Soft Skills und Fremdsprachen.

Geringe Halbwertszeit

Learning on demand heißt das Prinzip, das Experten zufolge schon bald fester Bestandteil der beruflichen Weiterbildung sein wird. Denn: Der Forderung nach lebenslangem Lernen steht die Tatsache gegenüber, dass die Halbwertszeit von Wissen rasant abnimmt. Das gilt insbesondere für den Bereich der Informationstechnologie. Was Mitarbeiter heute in einer Software-Schulung lernen, gilt schon bald als die Version von gestern. Wissen zu bunkern scheint folglich nicht mehr zeitgemäß.

Zudem birgt das bedarfsorientierte Lernen aus lerntheoretischer Sicht Vorteile. Denn: Die neu erworbenen Kenntnisse können im Job unmittelbar angewendet werden und verhaften sich somit besser im Gedächtnis. Voraussetzung dafür ist freilich eine solide Wissensbasis. Andernfalls bleiben die Lernhappen, was sie sind: Isolierte Wissensfragmente, die der Mensch umso schneller wieder vergisst, als ihm der nötige Kontext fehlt. „Learning on Demand ist für das Lückenschließen und den Ausbau von Kenntnissen geeignet“, versichert auch Kerstin Stengel, Marketing Managerin von NETg. Genutzt wird die Wissen-per-Klick-Lösung gegenwärtig von Firmen wie Bosch und Siemens Hausgeräte, SAP oder Nestlé.

Help Desk zum selber bauen

Ein Werkzeug, mit dem sich Unternehmen selbst eine On Demand-Lösung für IT-Fragen bauen können, hat der Memminger E-Learning-Spezialist Pro Consult entwickelt. Ein Projektmitarbeiter arbeitet damit eine Software durch und zeichnet die einzelnen Schritte per Screenshot auf („recording“). Das Programm erkennt die dazu gehörigen Kontextinformationen und generiert daraus automatisch einen Übungstext, der um firmenspezifische Informationen ergänzt werden kann.

Kenntnisse in Programmieren oder Didaktik braucht es dazu angeblich nicht. Stößt der Nutzer im täglichen Umgang mit der Software auf ein Problem, erkennt das Programm die aktuelle Situation und blendet auf Wunsch die zugehörige Lerneinheit ein. „Damit lassen sich Schulungszeiten und -kosten deutlich verringern“, verspricht Pro Consult-Geschäftsführer Alexander Kübel.

Verlage spielen mit

Auch die Verlage rüsten sich für die Ad-hoc-Problembewältigung im Arbeitsalltag. Financial Times Prentice Hall, eine Tochter der Verlagsgruppe Pearson Education, hat kürzlich die ersten Bände ihrer Reihe xpresso digitalisiert. Die schmalen Büchlein vermitteln im Crash-Kurs, wie man Präsentationen erstellt, Budgets plant oder Krisen meistert.

In der elektronischen Version kann der Mitarbeiter je nach Zeitbudget eine Präsentation von 60, 20 oder nur 5 Minuten Dauer wählen. Am Ende gibt's eine Checkliste mit den wichtigsten Lerninhalten zum Ausdrucken. Einen Anspruch auf Tiefe verfolgt das Lernprogramm nicht. „Es geht um praxiserprobtes, sofort umsetzbares Wissen“, sagt Maik Fiedermann von Pearson Education.

Defizite selbständig ausgleichen

Die individualisierten Lernangebote gehen einher mit einem veränderten Anforderungsprofil an den Arbeitnehmer. Er muss heute nicht mehr von vornherein alles wissen, wohl aber seine Schwächen erkennen und versuchen, diese selbständig auszugleichen. Um ihm das zu erleichtern, hat sich die Initiative L3, ein Konsortium von rund 20 Firmen unter der Führung von SAP, gegründet.

Ziel der vom Bundesbildungsministerium geförderten Initiative ist es, die organisatorische und technische Infrastruktur für einen Marktplatz des Wissens im Internet zu schaffen. Bildungswillige Bürger sollen dort aus Hunderten von Präsentationen, Videos und Lernprogrammen verschiedenster privater und öffentlicher Anbieter zugreifen können. Die Motivation für das selbstbestimmte Lernen am Bildschirm müssen sie freilich selbst aufbringen.

Text: @ober

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