Wechselprämien für Manager

Aufreger Handgeld

Von Christoph Hus

Aufreger: Das angebliche Willkommensgeld von 12 Millionen Euro für EADS-Vorstand Jean-Paul Gut (zweiter von links) erregte die Franzosen

Aufreger: Das angebliche Willkommensgeld von 12 Millionen Euro für EADS-Vorstand Jean-Paul Gut (zweiter von links) erregte die Franzosen

01. Juni 2007 

Zuletzt kochte in Frankreich die Volksseele. Nicht einmal Arbeitgebervertreter bewahrten Ruhe: "Ich schnaube vor Wut", schimpfte Laurence Parisot, Präsidentin des Arbeitgeberverbandes. Anlass für die Aufregung war eine Zeitungsmeldung über Jean-Paul Gut, Vorstand beim Luftfahrtkonzern EADS: Der Manager habe ein Angebot der staatlichen Investitionsgesellschaft des Emirats Qatar erhalten - und die wolle ihm ein Begrüßungsgeld von 12 Millionen Euro zahlen, um ihm den Antritt seines neuen Jobs zu versüßen. Die Nachricht bestätigte das weit verbreitete Bild von der raffgierigen Manager-Kaste.

Auch wenn EADS und Jean-Paul Gut die Meldung schleunigst dementieren ließen: Wechselprämien für Manager, im Fachjargon auch Handgeld genannt, gehören zum Alltag, wenn Unternehmenslenker den Job wechseln. In manchen Branchen sind sie sogar in unteren Hierarchieebenen üblich, zum Beispiel bei Investmentbanken: Will ein Institut der Konkurrenz einen Spezialisten abwerben, hat es kaum eine Chance, wenn es kein Willkommensgeld anbietet. "Solche Zahlungen sind heute wesentlich weiter verbreitet als noch vor zehn Jahren", sagt Michael Kramarsch, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Towers Perrin. Doch ob und in welcher Höhe sie Wechselprämien zahlen, darüber sprechen Unternehmen nicht gern. "Dazu möchten wir uns nicht äußern", heißt es bei der Schweizer Großbank UBS. Und auch ein Sprecher der Deutschen Bank gibt sich wortkarg: "Kein Kommentar."

Ursprung wenig spektakulär

Harry Roels wurde der Wechsel von Shell zu RWE mit 1,5 Millionen Euro versüßt

Harry Roels wurde der Wechsel von Shell zu RWE mit 1,5 Millionen Euro versüßt

Die Schweigsamkeit hat einen einfachen Grund: Unternehmen wollen verhindern, dass die eigenen Manager öffentlich im Zusammenhang mit Wechselprämien als raffgierig an den Pranger gestellt werden. Wie schnell das geschieht, hat vor einigen Jahren der Essener Energiekonzern RWE erfahren. Anfang 2003 hatte der Niederländer Harry Roels den Vorstandsvorsitz bei RWE angetreten. Zuvor hatte der Manager bei Shell gearbeitet. Als bekannt wurde, dass ihm RWE für den Wechsel ein Handgeld in Höhe von 1,5 Millionen Euro gezahlt hatte, brach öffentliche Entrüstung los: Gewerkschafter und Anlegerschützer empörten sich über die Sonderzahlung. Erst im Geschäftsbericht für das Jahr 2003 erklärte sich RWE. Die Zahlung stand "im Zusammenhang mit dem Verlust von Ansprüchen bei seinem vorherigen Arbeitgeber", hieß es dort in drei dürren Zeilen.

Trotz aller Aufregung: Der Ursprung von Wechselprämien ist wenig spektakulär. Seit jeher übernehmen Unternehmen Kosten, die Arbeitnehmern aus einem Arbeitsplatzwechsel entstehen. Viele Firmen zahlen beispielsweise die Provision für einen Immobilienmakler und die Kosten des Umzugs. Erst in den vergangenen Jahren sind in Deutschland echte Wechselprämien für Spitzenmanager hinzugekommen. Deren Zweck: Sie sollen Unternehmenslenker dafür entschädigen, dass ihnen aus einem Wechsel finanzielle Nachteile entstehen. "Wer ein Unternehmen verlässt, kann dadurch einen großen Teil seiner Vergütung verlieren", sagt Towers-Perrin-Chef Kramarsch. So kommt es oft vor, dass ein Manager den Anspruch auf eine Altersversorgung aufgibt, weil er seinen Arbeitgeber zu schnell wieder verlässt. Genauso verbreitet sind Fälle, in denen wegen des Arbeitsplatzwechsels ein Bonus platzt oder eine Aktienoption verfällt. "Wer zu einem neuen Arbeitgeber wechselt, will solche Nachteile natürlich ersetzt haben", sagt Kramarsch.

Kompensation für Sonderzahlungen

Diese Praxis beobachtet der Towers-Perrin-Chef inzwischen in vielen Industriebranchen. Noch weiter verbreitet ist sie bei Investmentbanken: Hier erhalten Mitarbeiter des Kapitalmarktgeschäfts meist nur dann einen Bonus, wenn sie während des kompletten vergangenen Jahres bei ihrem Arbeitgeber tätig waren. Verlassen sie das Unternehmen vor Ablauf dieser Frist, fällt die Sonderzahlung komplett aus. Ein Wechsel kann deshalb mit großen finanziellen Nachteilen verbunden sein - zumal der Bonus bei Investmentbankern einen wesentlichen Teil des Gesamtgehalts ausmacht. Diesen Nachteil muss ein neuer Arbeitgeber ausgleichen, wenn er Kandidaten für sein Unternehmen begeistern will. Eine Sonderzahlung - meist in Höhe des entgangenen Bonus - ist die Konsequenz. "Wer solche Zahlungen nicht anbietet, zieht im Wettbewerb um die begehrten Kandidaten den Kürzeren", heißt es bei einer deutschen Großbank hinter vorgehaltener Hand.

Bei vielen Unternehmen haben Wechselprämien deshalb in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, berichtet Sörge Drosten, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kienbaum. "Variable Vergütungssysteme, bei denen Unternehmen den Erfolg ihrer Manager mit Aktienoptionen belohnen, kommen inzwischen in fast allen großen Unternehmen zum Einsatz." Damit ist eine immer größere Zahl von Unternehmen gezwungen, solche Zahlungen zu kompensieren, wenn sie wegen eines Arbeitsplatzwechsels ausfallen. Hinzu kommt eine steigende Wechselbereitschaft von Topmanagern: "Sie begünstigt diese Entwicklung zusätzlich", sagt Drosten. Manche Unternehmen zahlen Wechselprämien selbst dann, wenn sie damit keinen finanziellen Nachteil eines neuen Angestellten kompensieren wollen. Die Zahlung verfolgt in solchen Fällen lediglich das Ziel, einen unentschlossenen Kandidaten für einen neuen Job zu begeistern. "Je besser die Konjunktur läuft, desto schwieriger wird es, einen geeigneten Kandidaten für eine offene Position zu finden", sagt Berater Kramarsch. "Unternehmen müssen deshalb ihr Waffenarsenal erweitern, um im Kampf um Talente nicht zu den Verlierern zu gehören." Der Anwerbebonus ist oft so hoch wie eine Jahresgrundvergütung. Obwohl immer mehr Unternehmen Wechselprämien zahlen und sie in vielen Branchen bereits zum Alltag gehören: Anders als Fußballvereine werden Unternehmen über diese Praxis auch in Zukunft nur ungern sprechen, prophezeit Berater Kramarsch: "Sie wollen es vermeiden, dass Konkurrenten einen allzu genauen Einblick bekommen, mit welchen Mitteln sie um Manager werben." Und auch die Betroffenen selbst sollen möglichst wenig darüber wissen, zu welchen Zugeständnissen potentielle Arbeitgeber bereit sind. Denn wer weiß, wie viel Handgeld ein Unternehmen schon einmal gezahlt hat, verlangt bei den Verhandlungen um den eigenen neuen Job eine noch höhere Summe.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Sorglos in den Ruhestand! Hier bekommen Sie umfassende Informationen über die private Altersvorsorge - ganz leicht und übersichtlich!Verlagsinformation

Sorglos in den Ruhestand! Hier bekommen Sie umfassende Informationen über die private Altersvorsorge - ganz leicht und übersichtlich!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche