Porträt

Eine Region meldet sich krank

Von Peter Böhm, Temirtau

360.000 Menschen infizierten sich im vergangenen Jahr in Osteuropa

360.000 Menschen infizierten sich im vergangenen Jahr in Osteuropa

01. Dezember 2004 Wenn Narben Geschichten erzählen könnten, wäre Alexander Paskos Körper ein dickes Buch. Sie sind überall: Dünn und in einer Reihe auf Armen und Beinen, vereinzelt, wie zufällig gesetzt, auf dem Kopf und auf seinem Rücken. Sie erzählen von einem Leben, das er mehr als vier Jahre am Abgrund gelebt hatte. Von Drogensucht und Verzweiflung. Von mehreren Suizidversuchen und absichtlichen Verstümmelungen.

Einmal an Ostern - in welchem Jahr, weiß der Sechsundzwanzigjährige nicht mehr - feierte er mit Freunden. Irgendwann stand er auf einem Tisch, in der Hand ein Glas seines Blutes, das er mit den Worten „Christus ist auferstanden“ zum Mund führte, um es auszutrinken. Das hat er einer lokalen Zeitung erzählt. Heute ist ihm das peinlich.

„Ich wollte leben“

„Damals war ich ziemlich verrückt.“ Und so gibt sein vernarbter Körper auch Zeugnis von einer Vergangenheit, die er hinter sich gelassen hat. Vor fünf Jahren, nachdem der Zwanzigjährige erfahren hatte, daß er HIV-positiv ist, änderte er sein Leben. „Eines Morgens wachte ich auf und dachte mir: ,Was tust du da eigentlich?' Mir wurde klar, daß ich leben wollte.“

Aids ist in Osteuropa und Zentralasien angekommen. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef verbreitet sich das Virus dort schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Achtzig Prozent der Neuinfizierten sollen unter 30 Jahre alt sein. Damit ist Aids für junge Leute zum Gesundheitsproblem Nummer eins geworden. Defizite sieht Unicef vor allem bei der Aufklärung. Nur jede zehnte junge Frau in Tadschikistan etwa habe überhaupt schon einmal von der Krankheit gehört. Nach Angaben des kasachischen Regierungsbüros zum Kampf gegen das Virus (RCA) benutzen nur 30 Prozent der unter Fünfundzwanzigjährigen ein Kondom.

Ground Zero der Epidemie

Alexander Pasko ist einer von 1.107 offiziell registrierten HIV-Positiven im kasachischen Temirtau, 200Kilometer südlich der Hauptstadt Astana. RCA nimmt jedoch an, daß ihre Zahl fünf- bis zehnmal höher liegt - und das sei auch im ganzen Land so. Weil Ende der neunziger Jahre in der heruntergekommenen Industriestadt Temirtau mehr als drei Viertel aller kasachischen HIV-Positiven lebten, wird sie auch „Ground Zero der Aids-Epidemie in Zentralasien“ genannt.

Inzwischen jedoch hat sich in Kasachstan, wie in fast allen Ländern der Region, der Übertragungsweg geändert: Mit HIV infizieren sich nicht mehr in der Mehrheit Rauschgiftsüchtige, die sich immer wieder mit derselben Nadel Heroin oder andere Opiate spritzen, sondern Menschen, die ungeschützt Sex haben.

Gesellschaft der Ausgestoßenen

Alexander Pasko ist von seiner Sucht losgekommen. Eine Selbsthilfegruppe hat ihm vor sieben Jahren geholfen. Daraus wurde 1998 die regierungsunabhängige Organisation Schapagat, die mit Spenden aus dem Westen finanziert wird. Schapagat verteilt Spritzen und Kondome und klärt in Schulen und Vereinen auf. Pasko ist einer von sieben Sozialarbeitern. Er besucht Wohnungen, in denen Süchtige leben oder sich treffen, und geht zum Straßenstrich der Stadt. Wer ihn bei seiner Arbeit begleitet, merkt schnell, daß er sich in dieser „Gesellschaft der Ausgestoßenen“, wie er sie nennt, frei bewegt, ohne sich fremd zu fühlen.

An diesem Morgen kommt zuerst ein Mann, Ende Zwanzig, ins Schapagat-Büro, bringt eine Plastiktüte mit gebrauchten Spritzen und behauptet: „Aids, das ist doch alles Quatsch. Das gibt es doch gar nicht!“ Anderthalb Stunden später steht eine 22Jahre alte Prostituierte vor Pasko und sagt, das Rauschgift mache es ihr leichter, ihr Leben zu leben.

Kurz danach besucht Pasko ein junges Mädchen, das, kaum daß es seine Wohnung betritt, anfängt, die klebrig-braune Opiummasse von der Zellophan-Folie zu kratzen, mit zwei in Wasser gelösten Beruhigungstabletten aufzukochen und in einer Spritze aufzuziehen. Ruhig redet er mit dem Mädchen, nimmt Grüße für jemanden entgegen und erzählt selbst von gemeinsamen Bekannten.

„Drogen wurden verkauft wie Brot“

Schon mit dreizehn Jahren hat Pasko Marihuana in Kilogramm-Portionen an die Soldaten der lokalen Garnison verkauft. Mit vierzehn fing er an, sich das in Temirtau verbreitete Rauschgift, das aus Rohopium zusammengebraut wird, zu spritzen. Seine Sucht habe er mit Diebstählen und Erpressungen finanziert: „Damals wurden in Temirtau Drogen verkauft wie Brot. Mit einemmal waren sie Mode. Jeder wußte, wo man sie kaufen konnte. Nebendran gingen Mütter mit ihren Kindern oder stand die Polizei und schaute weg.“

Noch erstaunlicher jedoch als Paskos Geschichte ist, was er mit keinem Wort erwähnt: Wie die Stadt Temirtau ein paar Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ihren Zusammenbruch erlebte. Temirtau ist eine typische, künstlich auf einem Reißbrett geplante Stadt, die vor genau 60 Jahren nur deshalb gebaut wurde, weil die Sowjetunion den Stahl aus ihren Hochöfen brauchte.

Wegen der Kohlegruben außerhalb des 25 Kilometer entfernten Karaganda wurden viele Arbeiter gebraucht. Auch Paskos Eltern kamen damals aus der Ukraine, um das neue Stahlwerk und die dazugehörige Stadt zu bauen, mit ihren weiten Alleen, an denen lange Reihen von Plattenbauten stehen.

„Weggehen oder sich dem Schicksal fügen“

Nach dem Ende der Sowjetunion jedoch fiel die aus vielen Nationalitäten zusammengewürfelte Stadt auseinander. Das Hüttenwerk entließ ein Drittel der Belegschaft, die übrigen Arbeiter bekamen die Löhne nur noch unregelmäßig ausgezahlt. Fast ein Drittel der 240.000 Einwohner, allen voran Deutsche und Russen, verließen Temirtau, ganze Viertel mit vollends ausgeweideten Wohnblocks blieben am Rande der Stadt zurück. Der Strom wurde knapp, fließendes Wasser immer seltener.

In den Jahren 1995 und 1996 war es besonders schlimm. In einer Gegend, in der im Winter das Thermometer auf unter minus 30 Grad sinkt, wo fast keine Zentralheizung funktioniert und man sich auch auf die Elektrizität nur selten verlassen kann, halten es nur die wenigsten aus. Alexander Pasko jedoch beschwert sich nicht, er erwähnt diese Zeit nicht einmal, genausowenig wie die meisten anderen Bewohner. Das käme ihnen nicht in den Sinn. Es gab ja sowieso nur zwei Möglichkeiten: weggehen oder sich in sein Schicksal fügen.

Der Krankheit ein Gesicht gegeben

Pasko blieb in Temirtau und suchte nach Möglichkeiten, sich abzulenken - von all den Schwierigkeiten, die ihm das Leben, aber auch seine Krankheit brachte. Er schreibt Gedichte und komponiert Lieder für seine eigene Heavy-Metal-Band. „Ich wollte mich nicht unterkriegen lassen.“ Und er wollte über seine Krankheit reden.

So hat er einige Zeitungsinterviews gegeben und eine Gruppe gegründet: Mit Texten gegen das Schweigen über Aids wurden sie ziemlich bekannt. Pasko hat der Krankheit in Temirtau ein Gesicht gegeben. Vielleicht, sagt Pasko, wäre er in einem anderen Land Musiker geworden oder Schauspieler. „Doch mit zwanzig endete mein Leben schon in einer Sackgasse.“

Keine Frau habe es damals längere Zeit bei ihm ausgehalten. Das änderte sich erst, als er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Mit ihr hat er einen dreijährigen Sohn, der offenbar gesund und nicht mit HIV infiziert ist.

Paare wollen auf gleicher Seite der Gesellschaft stehen

Als Pasko wieder aus der Sackgasse herauswollte, vergrub er sich zunächst für ein paar Wochen in seiner Wohnung. Er machte den Entzug, hörte viel Musik und trainierte noch mehr mit seinen Hanteln. Wichtig für ihn war damals seine Freundin, mit der er bis zu ihrer Schwangerschaft ohne Kondom schlief und die sich sogar sein Blut in eine Wunde schmierte, um sich zu infizieren. Vergeblich, wie sie heute weiß.

„Sie sagte, sie wolle auf derselben Seite der Gesellschaft stehen wie ich“, erzählt Pasko. Solche Fälle sind in Temirtau nicht selten, wie die Psychologin Soja Ruschnikowa sagt, die für Schapagat arbeitet: „Zum einen, weil viele Paare zusammen Kinder haben wollen, und zum anderen wohl auch, um das Schicksal ihres Partners zu teilen.“ Pasko ist froh, daß seine Frau gesund geblieben ist. Auch er will möglichst gesund bleiben und treibt viel Sport.

Medikamente kosten rund 12.000 Dollar im Jahr

Der Sechsundzwanzigjährige hofft, daß sich vieles zum Guten wenden wird. Kasachstan sei ja viel näher an Europa, als viele im Westen glaubten. Tatsächlich ist Zentralasien mit der EU-Ost-Erweiterung nahe an West-Europa herangerückt. Die Gemeinschaft hatte sich deshalb schon Ende Februar auf einer Konferenz in Dublin ehrgeizige Ziele für die Region mit den hohen Ansteckungsraten gesetzt.

Bis Ende 2005 sollen allen, die nach injizierbaren Drogen süchtig sind, Programme zur Behandlung angeboten werden, und bis 2010 soll für alle Infizierten eine antiretrovirale Therapie zur Verfügung stehen. Ob davon bald in Temirtau etwas zu sehen sein wird, ist jedoch fraglich. In diesem Jahr wird Kasachstan zum erstenmal auch Geld vom „Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria“ bekommen - insgesamt 22 Millionen Dollar.

Fitneßstudio für HIV-Infizierte

Die Aids-Medikamente für einen Patienten kosten derzeit aber noch rund 12.000 Dollar im Jahr. Für die etlichen tausend HIV-Infizierten gibt es da nur wenig Hoffnung. Davon läßt sich Pasko jedoch nicht abschrecken. Er würde gerne ein Fitneßstudio für HIV-Infizierte eröffnen, und er möchte eine große Familie haben. „Ich hoffe wirklich, solange zu leben, bis ein Heilmittel gegen Aids gefunden wurde. Ich will auf jeden Fall meinen Sohn aufziehen - und später auch ein Enkelkind.“

Text: F.A.Z. vom 01.12.2004
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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