Demenzgerechtes Wohnen

Leben in einer anderen Welt

Von Christiane Harriehausen

11. Juni 2007 Noch immer bekommen viele an Demenz erkrankte Patienten und deren Angehörige nicht die Unterstützung, die sie benötigen. Schon heute leben rund 1,2 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland, und Fachleute gehen davon aus, dass es bis zum Jahr 2040 bereits zwei bis drei Millionen sein werden. „Das bedeutet, dass es im Personenkreis der über Fünfundachtzigjährigen möglicherweise jeden Zweiten treffen wird“, sagt Wolf Dieter Oswald, Professor für Psychogerontologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Die meisten Demenzkranken werden zur Zeit noch von ihren Angehörigen gepflegt, doch deren Zahl nimmt ab. Langfristig wird das zu einem Betreuungsproblem führen. „Da die Menschen älter werden, zugleich aber auch die Rentenkassen leer sind und die Pflegeversicherung an ihre Grenzen gestoßen ist, kann es nur darum gehen, Alzheimer und Demenz so lange wie möglich hinauszuschieben“, sagt Oswald. Ziel müsse es sein, die älter werdenden Menschen geistig und körperlich so fit wie möglich zu halten. In Österreich habe man sich des Themas schon viel intensiver angenommen als hierzulande. „Dort gibt es bereits fast tausend sogenannte ,SimA-Gruppen', die von der öffentlichen Hand finanziell gefördert werden.“

An traditionellen Wohnungen orientiert

„SimA“ steht für Selbständigkeit im höheren Lebensalter. Das Konzept basiert auf einer Langzeitstudie, die von Oswald im Jahr 1991 begonnen wurde. In dieser Studie konnte erstmals in Deutschland wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass die Gesundheit und Selbständigkeit älterer Menschen durchaus gefördert und langfristig erhalten werden kann. Allerdings müssen dafür auch die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden.

In Nürnberg wurde im vergangenen September das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz eröffnet. Die Einrichtung hat eine ganz besondere Architektur: Zu dem Zentrum gehört ein neu errichtetes Wohngebäude, das aus drei Kuben besteht, in denen sechs Hausgemeinschaften mit jeweils zwölf Bewohnern leben. Die Gebäudeteile sind unterschiedlich gestaltet: vom „Patio-Typ“ mit einem lichten Innenhof über den „Janus-Typ“, der Geborgenheit vermitteln soll, und die rustikalere „Bauernstube“. Der Berliner Architekt Eckhard Feddersen hat sich bei den Grundrissen an einer traditionellen Wohnung orientiert. Zugleich haben sie eine große offene Küche, in der sich die Gemeinschaft treffen kann.

„Nur über Sinnlichkeit, nicht über Intellekt

Die Türen zu den Zimmern der Bewohner sind gut beleuchtet und erinnern an Hauseingänge mit eigenen „Briefkästen“. Für den verstärkten Bewegungsdrang der Patienten gibt es einen kreisförmig angelegten Flur. „Bei Demenz kommt man nur über die Sinnlichkeit an den Menschen heran, nicht über den Intellekt“, sagt Architekt Feddersen, der sich schon seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. Demenz sei zwar noch nicht heilbar. „Der Verlauf der Krankheit ist aber so unterschiedlich wie die Betroffenen selbst. Daher müssen die Bedürfnisse nach Pflege und Betreuung dem Stadium der Krankheit angepasst werden.“

Genau das ist auch das Ziel der Diakonie Neuendettelsau, die für das Zentrum zuständig ist. „Wir wollen die Situation von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen erheblich verbessern“, sagt Hermann Schoenauer, der Rektor der Diakonie. Darum habe man auch als Kooperationspartner die Deutsche Alzheimergesellschaft, die Angehörigenberatung Nürnberg und das Klinikum Nürnberg gewonnen. „So können wir erstmals eine lückenlose Versorgung anbieten.“ Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Rundgänge ohne verschlossene Türen

„Das Kompetenzzentrum in Nürnberg hat Vorbildcharakter“, sagt Wolf Dieter Oswald. Zwar werde bei Neubauten zunehmend an das Thema Demenz gedacht, aber diese Entwicklung stehe noch ganz am Anfang. „Bisher überwiegen in Deutschland noch immer Verwahrkonzepte, die alles andere als zeitgemäß sind.“ Gerade bei Menschen mit Demenz sei es wichtig, ihnen nicht das Gefühl zu vermitteln, eingesperrt zu sein. Rundgänge, die Bewegung ermöglichen, ohne an verschlossene Türen zu stoßen, seien ebenso sinnvoll wie Therapie-Gärten.

In Nürnberg kann man inzwischen von ersten Erfolgserlebnissen berichten. Wie der Leiter der Einrichtung, Wolfgang Brockhaus, berichtet, hat sich der Zustand einzelner Demenzpatienten innerhalb weniger Wochen so verbessert, dass sie wieder verstärkt am Gemeinschaftsleben teilnehmen können. Das Konzept, die Bewohner aus ihren Zimmern zu locken und zugleich für sie eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, geht also auf.



Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite 12
Bildmaterial: Wolfgang Eilmes

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche