Mehr Zivilcourage gefordert

Neurologe: Ärzte scheuen Diagnose Kindesmisshandlung

Eine Ärztin zeigt auf ein Foto, auf dem ein misshandeltes Mädchen zu sehen ist

Eine Ärztin zeigt auf ein Foto, auf dem ein misshandeltes Mädchen zu sehen ist

09. Oktober 2008 Erst schlagen die Eltern zu, dann schauen die Ärzte nicht genau hin: Kinderkliniken und Praxen schreckten zu häufig vor der harten Diagnose Kindesmisshandlung zurück, warnt der Frankfurter Kinderneurologe Gert Jacobi. Bis 1998 war er 30 Jahre lang leitender Arzt an der Frankfurter Uni-Klinik. Neben dem Wissen über Krankheitsbilder fehlten den Medizinern Skepsis und Zivilcourage gegenüber den Eltern, sagt Jacobi, der als Pionier beim Erkennen von Misshandlungen gilt. Nun hat er mit Rechtsmedizinern und Juristen ein entschiedeneres Eingreifen bei Kindesmisshandlung angemahnt.

„Ich wünschte, meine Kollegen wären weniger leichtgläubig“, sagte Jacobi bei einer Tagung des Frankfurter Kinderschutzbundes und der Kinderhilfe-Stiftung am Mittwochabend. Ein von ihm herausgegebenes neues Fachbuch will Ärzten, Sozialarbeitern und Richtern helfen, Misshandlungen zu erkennen und richtig zu handeln. Mitautorin Constanze Niess vom Frankfurter Zentrum für Rechtsmedizin kennt Fälle, in denen Brandmale von Zigaretten als Windpocken-Narben durchgingen. Die Rechtsmediziner würden zu selten alarmiert. Nötig sei Teamarbeit, sagt Rechtsmedizinerin Niess. „Das wünsche ich mir auch für den südhessischen Bereich, für den wir zuständig sind.“

„Es wird immer weniger obduziert“

Seit 1995 lagen auf den Tischen der Frankfurter Rechtsmedizin 15 tödlich misshandelte Kinder. Gerichtsmediziner Hansjürgen Bratzke berichtet, auch bei toten Kindern werde nicht genau genug hingeschaut: „Es wird immer weniger obduziert.“ Manche Misshandlung, etwa bei erstickten Säuglingen, werde darum nicht erkannt. Erschwerend sei, dass die Polizei wechselnde Beamte in Fällen gequälter Kinder einsetze. „Es werden immer wieder Anfängerfehler gemacht“, sagt Bratzke. Für den Frankfurter Kinderschutzbund-Vorstand und Rechtswissenschaftler Ludwig Salgo ist das kein lokales Problem. „Wir wissen über die Todesfälle sehr wenig“, sagt er mit Blick auf Deutschland. Nötig wäre aber eine Fehler-Analyse und eine gemeinsame Strategie aller Beteiligten.

Öffentlich stark beachtete Fälle von Misshandlung haben den Experten zufolge zuletzt aber auch hilfreiche Trends ausgelöst. Die Zahl gemeldeter Verdachtsfälle steigt. Die Frankfurter Rechtsmediziner sind 2008 bereits 14 Mal angefordert worden, um Verletzungen eines lebenden Kindes zu begutachten, darunter viermal von einem Jugendamt. In den vergangenen Jahren hatten sie im ganzen Jahr nur zehn solcher Einsätze. Niess berichtet von guten Kontakten zu Ämtern im Großraum Frankfurt. Jacobi rät Kollegen, Kinder- Röntgenärzte einzubeziehen. Sie können erkennen, ob Knochenbrüche von Misshandlungen stammen.

Geschätzte 180.000 misshandelte Kinder - im Jahr

Die Zahl der jedes Jahr in Deutschland misshandelten Kinder schätzt Jacobi auf bis zu 180.000. Selbst hat er über 200 schwer gequälte Kinder behandelt und begutachtet. Was ihn treibt, ist nicht die Lust an der Kollegenschelte, sondern die Lehre aus diesen Schicksalen: Komme ein solches Kind zum Arzt, hat es so gut wie nie das erste Mal gelitten. „Kindesmisshandlung ist ein Wiederholungsereignis“, mahnt Jacobi.

Text: FAZ.NET mit lhe
Bildmaterial: dpa

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