Verbot für Minderjährige?

Gefährliche Schönheit

23. April 2008 Am Abend nach der Operation hatte die Patientin Schmerzen und Fieber. Sie rief bei dem Schönheitschirurgen an, der ihr Fett am Bauch abgesaugt hatte. Aber in der Praxis war niemand zu erreichen. Am nächsten Tag verabreichte ihr der Arzt ein fiebersenkendes Mittel. Aber das reichte nicht. Am Ende musste die Patientin in die Klinik, wo sich der diensthabende Chirurg schnell an die Arbeit machte. Die infizierten Hautstellen waren heiß und rot und warfen Blasen. Das infizierte Gewebe wurde herausoperiert, bevor die Erkrankung zu großflächigen Hautverlusten und möglicherweise zum Tod der Frau geführt hätte.

Nicht immer wird das Opfer einer Schönheitsoperation auf diese Weise in letzter Minute gerettet. Marcus Lehnhardt von der Ruhr-Universität Bochum hat in einer Untersuchung zur kosmetischen Fettabsaugung (Liposuktion) zwischen 1998 und 2002 bei 70 Fällen schwerer Komplikationen allein 23 Todesfälle ausgemacht - durch Gasbrandinfektionen, Thrombosen, Embolien, Hohlorganperforationen und eben die nekrotisierende Fasziitis, eine Infektionskrankheit der Haut und Unterhaut.

Kein Wunder: So mancher Schönheitschirurg geht nicht mit einer sterilen Kanüle unter die Haut. Lehnhardt beklagt „die mangelnde Ausbildung der Operateure und hygienische Probleme“. So habe in einem Fall ein Zahnarzt Fett abgesaugt. In einer Fachzeitschrift wird gar berichtet, ein Operateur habe in der heimischen Küche der Patientin die Liposuktion vorgenommen - die ebenfalls zu einer nekrotisierenden Fasziitis führte.

Die Gefahren rufen die Politik auf den Plan

Ausnahmefälle, sicher. Aber die zunehmende Beliebtheit von Schönheitsoperationen führt auch zu mehr Komplikationen. Laut Schätzungen ist die Zahl der Schönheitsoperationen auf weit mehr als 400.000 im Jahr gestiegen. Und wenn auch Lehnhardt seit 2005 kaum mehr von Todesfällen durch Liposuktionen gehört hat, so bieten allein die Vielzahl der Eingriffe - Faltenbehandlung, Laserbehandlungen des Gesichts, Brüsteverkleinerung, Brüstevergrößerung, Korrekturen von Nase, Augenlid und Ohren - auch viele Möglichkeiten, dass etwas schief geht.

Der um sich greifende Drang zur gefährlichen Schönheit ruft nun auch die Politik auf den Plan. Die große Koalition will den Missbrauch bei Schönheitsoperationen angesichts der vielen Nebenwirkungen eindämmen. Die CDU-Politikerin Gitta Connemann, die einen entsprechenden Antrag von Bundestagsabgeordneten mit eingebracht hat, verlangt eine Gesetzesintiative gegen rein kosmetische Eingriffe bei Jugendlichen. Am Mittwoch hörte der Gesundheitsausschuss des Bundestags dazu Fachleute an.

„Mediale Inszenierung einer zunehmenden Akzeptanz“

Auf dem Tisch der Gesundheitspolitiker lag eine 125-Seiten-Studie, der Abschlussbericht des Forschungsprojekts „Schönheitsoperationen: Daten, Probleme, Rechtsfragen“. Den Auftrag zu der Studie von Dieter Korczak vom Institut für Grundlagen- und Programmforschung in München hatte die Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn Ende 2005 erteilt. Ziel war es, verlässliche Informationen über das Ausmaß von Schönheitsoperationen und die dabei entstehenden Probleme zu gewinnen und so die Frage zu beantworten, ob der Gesetzgeber auf dem Gebiet eingreifen muss.

In der Studie wurde zur wissenschaftlichen Analyse des Anbieterverhaltens und der Verbrauchernachfrage ein Adressensatz von 2129 Praxen, Kliniken, Krankenhäusern und gewerblichen Einrichtungen angelegt, die im Jahr 2006 ästhetische Operationen angeboten und ausgeführt haben. 225 Ärzte und Einrichtungen beteiligten sich an einer Erhebung der Forschungsgruppe und stellten Daten zur Verfügung. 620 Frauen und Männer, an denen von 2004 bis 2006 ein ästhetischer Eingriff vorgenommen worden war, beteiligten sich an einer Befragung. In der Zusammenfassung konstatieren die Wissenschaftler: „Der medialen Inszenierung einer zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz von ,Schönheitsoperationen' steht die außerordentliche Zurückhaltung von Ärzten und Patienten zur Teilnahme an unserer Untersuchung gegenüber.“

Weniger als erwartet

Dabei widerlegt die Untersuchung so manche Vorurteile. Die Zahl der jährlich ausgeführten Schönheitsoperationen ist niedriger als meist in den Medien verbreitet. Eine Hochrechnung ergibt für 2005 eine Gesamtpatientenzahl von 421.000 Personen. Auch widersprechen die Autoren der Annahme, dass sich Jugendliche oder junge Erwachsenen proportional öfter operieren ließen. Allerdings wird vermerkt, dass die Gruppe der 20 bis 29 Jahre alten Frauen die höchste Rate bei Brustvergrößerungen aufweist. Da Brustimplantate nach zehn bis 15 Jahren erneuert werden sollten, ist damit eine lebenslange Operationslaufbahn vorgegeben.

In Deutschland gibt es erstaunlich viele gewerblich organisierte Anbieter, sei es, dass sich Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie oder Ärzte anderer Fachdisziplinen gewerblich organisieren, sei es, dass sich durch Klinikketten ein Markt etabliert. Für Ärzte bieten sich auf dem Gesamtmarkt von etwa 700 Millionen Euro gute Verdienstmöglichkeiten. Die Kosten für den Eingriff werden überwiegend aus laufendem Einkommen oder Vermögen bezahlt; trotz massiver Werbung werden Ratenkreditangebote zur Finanzierung selten angenommen.

Die Liste der Klagen ist lang

Medizinische Indikationen liegen vor allem bei Ohrkorrekturen, Brustverkleinerungen, Brustaufbau nach Tumoroperation und Bauchdeckenstraffungen vor. Der psychosoziale und ästhetische Hintergrund von Schönheitsoperationen lässt sich nach der Studie in sechs Faktoren aufgliedern: Scham, Selbstzweifel, Körperkontrolle, Narzissmus, Anti-Aging und soziale Akzeptanz. Die Befragten sind meist mit den Ergebnissen zufrieden. Aber 22 Prozent der befragten Frauen und acht Prozent der Männer klagten nach einem ästhetischen Eingriff etwa über Schwellungen, Blutergüsse, Taubheitsgefühl oder Narben.

Auch die Liste der Klagen, die die Stiftung Warentest bei einer Online-Umfrage zum Thema gesammelt hat, ist lang: suggestive Beratung der Ärzte über den Behandlungserfolg, lückenhafte Voruntersuchungen, ambulante Eingriffe trotz der Gefahr von Nachblutungen. Jeder vierte Befragte war mit dem Ergebnis unzufrieden. Jede zehnte Operation sei rechtswidrig ohne schriftlichen Vertrag vorgenommen worden. Dieses Fazit zog der „Verbraucherzentrale Bundesverband“ am Mittwoch vor dem Gesundheitsausschuss.

Sogenannte Schönheitschirurgen

Muss also der Gesetzgeber mehr zum Schutz, auch Minderjähriger, vor Schönheitsoperationen unternehmen? Die Empfehlung der meisten Gutachter lautete: Ja! Viele verlangten ein Verbot kosmetisch-chirurgischer Eingriffe für Minderjährige, die nicht medizinisch begründet seien. Zudem müsse sichergestellt sein, dass ein adäquat ausgebildeter Facharzt das Skalpell an Brust, Bauch oder Nase legt.

Das ist bis heute nicht immer der Fall. „Kosmetische Eingriffe fallen nicht unter die Sozialgesetzgebung und müssen daher auch vom ,Kunden' selbst bezahlt werden“, erklärt dazu die Deutsche Gesellschaft für Plastische- und Wiederherstellungschirurgie. „Leider können sich viele Anbieter dieser Eingriffe daher den sonst üblichen medizinischen Kontrollen entziehen.“ Sogenannte Schönheitschirurgen hätten häufig keine entsprechende fachärztliche Ausbildung „und erhöhen so das Operationsrisiko“.

Meinungen der Politik gehen weit auseinander

Das ist auch der Grund dafür, dass es kaum verlässlichen Zahlen über solche Eingriffe gibt. Ob tatsächlich jede zehnte Schönheitsoperation in Deutschland an Patienten vorgenommen wird, die jünger als 20 Jahre sind, wie in dem Antrag von CDU und SPD zitiert, ziehen manche Ärzte in Zweifel. „Diese Zahl hat mit der Realität nichts zu tun, abgesehen von der immer noch erheblichen Hürde der Elterneinwilligung“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie, Joachim Graf von Finckenstein.

Mehrere Gutachter empfahlen, die Operateure müssten eine Haftpflichtversicherung nachweisen - die man wiederum an den Nachweis einer fachärztlichen Ausbildung koppeln könne. Der „Deutsche Frauenrat“ empfahl, auch auf europäischer Ebene für eine strengere Gesetzgebung zu sorgen, „um Umgehungsgeschäfte im europäischen Ausland zu verhindern“.

Die Meinungen der Politiker über ein Verbot von Schönheitsoperationen für Minderjährige gehen weit auseinander. Während sich der SPD-Politiker Karl Lauterbach, der Eltern auch schon das Rauchen im Auto verbieten wollte, dafür stark machte, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Annette Widmann-Mauz (CDU): „Ich glaube, es ist ein weitgehender Eingriff in das Elternrecht.“ Allerdings müssten Minderjährige und ihre Eltern davor geschützt werden, dass sie in falsche Hände gerieten.

Von einem unerträglichen Medienhype um den Schönheitskult sprach die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Cornelia Goesmann. Notwendig sei ein klarer ordnungspolitischer Rahmen. Sie lobte die Abgeordneten für die Absicht, nur noch ausreichend qualifizierten Ärzten plastisch-chirurgische Eingriffe erlauben zu wollen. Die Ärztekammern hätten dafür die Grundlagen geschaffen. Den Facharzt erkenne man an der Zusatzbezeichnung „Ästhetische Chirurgie“. Goesmann stellte aber auch klar: „Jede Operation stellt einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar, und für eine plastisch-ästhetische Operation gibt es keine Erfolgsgarantie.“ Ob mit oder ohne Facharzt.



Text: ami./kai./wer. / F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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