Von Charlotte Higgins, San Francisco
15. Oktober 2006 Deborah Voigt betritt verspätet, aber schwungvoll ihr Lieblingsrestaurant in der Nähe der Oper von San Francisco, und jeder in Sichtweite begrüßt sie im Chor mit einem Hi, Debbie. Voigt ist der Idealtypus der Dame in seiner amerikanischen Ausprägung: fröhlich und unverstellt im Auftreten, schlank, von durchschnittlicher Größe, sorgfältig geschminkt, das blonde Haar elastisch und sorgfältig frisiert.
Und doch: Im Jahr 2003 wurde Voigt - eine der berühmtesten dramatischen Sopranistinnen ihrer Generation - aus einer Produktion von Richard Strauss' Ariadne auf Naxos am Royal Opera House in London entlassen, weil man sie für zu dick befand. Sie selbst machte die Sache im Jahr darauf öffentlich: Als ein britischer Journalist sie fragte, warum man sie nie in Covent Garden habe erleben können, beschloß sie, mit der Wahrheit herauszurücken. Daß die Medien in Europa wie in den Vereinigten Staaten sich darauf stürzen würden, konnte sie damals noch nicht ahnen.
Panik vor Stühlen mit Lehnen
Tatsächlich litt die inzwischen 46 Jahre alte Sängerin vor etwas mehr als zwei Jahren an Fettleibigkeit - jener Art von extremem Übergewicht, bei der ihre Gesichtszüge in einer weichen Unbestimmtheit verschwunden waren und sie in Panik geriet, wenn man ihr einen Stuhl mit Lehnen anbot. Ich fühlte mich nicht wohl, sagt sie. Meine Knie fingen an weh zu tun. Ich hatte die Kleiderübergrößen weit hinter mir gelassen. Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich es kaum glauben.
Einige Monate später hörte man wieder von ihr: Sie habe sich, so ließ sie wissen, einen Magen-Bypass legen lassen - ein radikaler operativer Eingriff, bei dem der Magen verkleinert wird; innerhalb von zwei Jahren können Patienten bis zu 80 Prozent ihres Übergewichts verlieren. Inzwischen hat Voigt Kleidergröße 40 bis 42; sie, die zu ihren schwersten Zeiten 150 Kilo wog, bringt nun noch etwas über 63 auf die Waage.
Zurück nach England
Und nun, sieh an, hat man sie auch eingeladen, nächstes Jahr ins Royal Opera House zurückzukehren - in einer Produktion von, ausgerechnet, Ariadne auf Naxos. Als der Anruf kam, sagt sie, mußte ich schon lachen. War sie nicht versucht, den Leuten zu sagen, sie sollten sich zum Teufel scheren? Wenn ich jetzt sagen würde, ich singe in diesem Opernhaus nicht, weil eine Handvoll Leute damals so entschieden hat, das wäre töricht. Ich bin eine international tätige Sängerin, ich will in England auftreten, und das ist das große Opernhaus dort. Also gehe ich wieder hin.
Eine Frage stellt sich jeder: Kann sie noch singen? Eine Stimme existiert ja nicht für sich allein, sondern hängt ab von der Muskulatur, von Bauch und Unterleib. Voigt sagt: Ich glaube nicht, daß sich meine Stimme verändert hat, aber ich höre sie ja nur von innen, also kann ich nur darüber reden, wie sich das Singen anfühlt. Mit jeden 10 Kilo, die ich verlor, fühlte ich mich immer weniger rund und immer weniger in der Lage, den Klang zu unterstützen. Kein Wunder: Mein Stützsystem - sie deutet auf den leeren Raum um ihre inzwischen schlanken Hüften herum - verschwand ja allmählich. Wenn man 60 Kilo schwerer ist, holt man Atem, und schon arbeiten die Muskeln, darüber muß man nicht extra nachdenken. Jetzt muß ich mir Gedanken machen darüber, wie alles zusammenpaßt. Sie hält inne. Was das Timbre, den Umfang betrifft? Ich glaube nicht, daß sich meine Stimme verändert hat. Vielleicht ist sie ein wenig heller, mehr silberhell als golden.
Dicke singende Frauen
Was sie aber weiter überrascht, ist die Aufregung über ihre Entlassung: Ich hätte nie gedacht, daß daraus so eine große Geschichte wird. Tatsächlich aber läßt sich einfach begreifen, was das Faszinosum an dem Covent-Garden-Debakel (Voigt) ist. Läßt man die Besessenheit unserer Kultur von dem Übergewicht, die Deborah Voigts Geschichte direkt füttert, mal beiseite, so sind da die vielfältigen Besonderheiten der Oper. Diese ist, ob zu Recht oder nicht, bekannt geworden für dicke singende Frauen. Doch obgleich manche Opernhäuser anders vorgehen, kommt es immer seltener vor, daß Frauen völlig gegen ihren Typ besetzt werden.
Einige finden, es sei an der Zeit, daß Sängerinnen auch körperlich zu einer Rolle passen müssen; schließlich ist das Publikum vom Kino an Realismus gewohnt. Andere halten daran fest: In der Oper kommt es vor allem auf die Stimme an. Wieder andere, darunter auch Voigt, weisen darauf hin, wieviel Sexismus im Spiel ist: In einer Kritik schrieb jemand darüber, wie übergewichtig ich sei. Aber es hieß auch, der Tenor habe Schultern wie ein Football-Spieler. Davon, daß er einen Bauch hatte wie eine Schwangere im neunten Monat, war nicht die Rede.
Keine Diät war erfolgreich
Daß die Leute glauben, sie habe sich der Magenoperation unterzogen, weil sie entlassen wurde, das nimmt Deborah Voigt hin. Aber: Ich habe mich mit dem Problem mein ganzes Leben lang auseinandergesetzt. Beim Arzt war ich vor dem Covent-Garden-Debakel; der Eingriff war danach. Das ist nicht die Art Prozedur, der man sich unterzieht, weil jemand sagt, man habe zu breite Hüften. Dafür ist sie zu gefährlich. Um Gewicht zu verlieren, so sagt sie, hatte sie viele Jahre lang alles mögliche versucht - Diäten, mehr Bewegung -, aber es half nichts, wenigstens nicht auf Dauer. Und nun, nach der dreieinhalbstündigen Operation in einer Klinik in Manhattan? Leider bin ich immer noch ein ,foodie' - jemand, der süchtig ist nach Essen, sagt sie und stochert in ihrem Hühnchen-Nudel-Salat. Zu McDonald's geht sie immer noch, gelegentlich. Aber ich nehme einen Fish-Mac und die obere Hälfte des Brötchens ab, und ich esse nur die Hälfte.
Früher, so sagt sie, habe ich Essen benutzt, wie ein Alkoholiker den Alkohol benutzt. Wenn ich traurig war, habe ich gegessen; wenn ich glücklich war, habe ich gegessen. Wenn ich einsam war, habe ich gegessen. Selbst mit dem verkleinerten Magen könnte sie sich sabotieren, wenn sie das wollte. Ich könnte alle 15 Minuten ein Snickers essen und wieder zunehmen. Vor der Operation sagen sie einem auch: Dies ist keine Kur, es ist ein Werkzeug. Es ist ein Mittel, mit dessen Hilfe man eine Menge Gewicht verlieren und schnell Resultate sehen kann. Und hoffentlich lernt man dabei auch noch, das eigene Verhalten zu verändern.
Jeden Morgen ein Fitnessprogramm
Für sie bedeutet das, jeden Morgen ein Fitnessprogramm zu absolvieren. Im Augenblick hat sie dabei noch einen zusätzlichen Anreiz: Nach ihrem Engagement als Amelia in Verdis Un Ballo in Maschera in San Francisco zieht es sie weiter nach Chicago, wo sie Strauss' Salome darstellen soll, eine Rolle, zu der der berüchtigte Tanz der sieben Schleier gehört. Die Lyric Opera of Chicago wirbt für ihren Star mit einem Bild, auf dem Voigt auf einem Sockel steht - nackt bis auf ein langes Stück Stoff und mit einer spektakulären Perücke. Es ist eine Kombination von exzellenter Beleuchtung und einer Körperverrenkung, sagt sie dazu.
Salome sei eine Rolle, so fährt sie fort, die man ihr vor der Operation niemals angeboten hätte, auch wenn sie anerkanntermaßen eine der bedeutendsten Strauss-Interpretinnen ist. Ich weiß nicht genau, ob ich mich selbst mit 60 Kilo mehr als Salome gerne gesehen hätte. Sie fügt aber hinzu: Es hat mich immer gestört, wenn die Leute sagten, jemand sei in einer Rolle nicht glaubhaft, weil wir nie glauben würden, daß der Tenor sie lieben könnte. Als Frau, die immer einen Freund oder Ehemann oder Liebhaber hatte: Das stimmt einfach nicht. Es gibt da draußen immer Menschen, die einen lieben, welchen Körperumfang man auch hat.
Andererseits weiß sie auch, daß sie durch ihren Gewichtsverlust mehr Karrierechancen hat - daß man sie womöglich bitten wird, in die Haut all der Salomes und der Toscas zu schlüpfen oder in die Haut von Strauss' Helena, die als die schönste Frau der Welt gilt. Paradox ist, daß sie sich selbst noch als eine Dicke sieht. Gestern abend bei der Probe wollte ich mich in die Kulissen setzen, und sie kamen mit einem Klappstuhl, der nicht sehr stabil aussah. Ich brachte kein Wort heraus.
© Copyright Guardian Newspapers Limited 2006. Aus dem Englischen von Bertram Eisenhauer.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.10.2006, Nr. 41 / Seite 16
Bildmaterial: AP, Cinetext / Anna Meuer, picture-alliance / dpa