22. Januar 2006 Einst mußten Hölderlin und Hegel in Schwaben und in jungen Jahren in aller Herrgottsfrühe aufstehen und büffeln, damit aus ihnen gute Theologen und anständige Pfarrer mit einem Auskommen würden. Das lief dann in beiden Fällen zwar auf andere, aber noch viel intellektuellere Lebensläufe hinaus. Weil die beiden wachen Köpfe so früh aufstehen mußten?
Aus Baden-Württemberg kommt dieser Tage eine Idee zur Förderung des kindlichen Wohlergehens durch nachhaltiges Ausschlafen. Das war aber nicht etwa die famose Idee, das abendliche Fernsehgucken der Kinder einzuschränken und die durch die Sendungen schon halb irre gewordenen Kleinen früher ins Bett zu schicken.
Nein, es kam, und zwar aus dem Munde eines Politikers, der Vorschlag, die Schulen doch einfach eine halbe, besser sogar: eine ganze Stunde später beginnen zu lassen, als das jetzt üblich ist.
Eltern und Kinder freuen sich
Weltweit mit bildungsscharfem Auge gesehen fand sich dann auch prompt ein Land, mit dem man sich wieder vergleichen konnte, in diesem Fall also ein Land, wo die Kinder später in die Schule gehen müssen als hierzulande - England zum Beispiel.
Über den Vorstoß aus Schwaben freuten sich wahrscheinlich erst einmal gerade die Eltern, die selber um, sagen wir: neun Uhr im Büro auftauchen müssen oder die grundsätzlich gerne länger schlafen - die nennen sich selbstbewußt Morgenmuffel und weisen generös darauf hin, daß es ihnen gar nichts ausmacht, abends länger aufzubleiben, länger als all die anderen, die morgens zwischen sechs und sieben aus dem Bett federn.
Über die Idee aus Schwaben freuten sich auch die Kinder, die abends zu spät ins Bett gehen - wahrscheinlich und in den meisten Fällen, weil sie eben zu lange vor dem Fernseher hängengeblieben sind, wahrscheinlich und in den wenigsten Fällen, weil sie zu lange gelesen haben - und die deswegen am nächsten Morgen müde aus der Wäsche in den Tag gucken und dann im Klassenzimmer auf der Bank einschlafen.
Rechtzeitig ins Bett
Die Gegenseite, die mit der Acht-Uhr-Regelung zufrieden ist, sagt, ein späterer Unterrichtsbeginn - vorausgesetzt, man nähme nicht einfach schulterzuckend den Verlust von Unterrichtsstunden in Kauf - würde bedeuten, daß die Schüler länger in der Schule bleiben müßten, und zwar hungrig, weil die Schulen in den meisten Fällen keine Kantine zu bieten haben, wo die Kinder ihr Mittagessen einnehmen könnten.
Die Umstellung der Uhr auf eine Winter- und eine Sommerzeit kommt nun doch schon der Seele der Langschläfer im Jahreskreislauf entgegen. Selbstredend lernen müde Gehirne langsamer und schlechter als ausgeschlafene Gehirne, was jeder aus eigener Erfahrung wissen kann, so wie müde Glieder langsamer und schlechter reagieren als ausgeschlafene Glieder.
Die Wissenschaft vom Gehirn und die Wissenschaft vom Schlaf können deshalb zu diesem Acht-Uhr-Schulfall auch nichts Wesentliches beitragen, was ein frühes Aufstehen belohnen und ein spätes Aufstehen rechtfertigen würde. Also bitte, liebe Kinder, liebe Eltern: Geht doch einfach rechtzeitig schlafen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.01.2006