Medizin-Nobelpreis 2005

Die Revolution begann mit einem Selbstversuch

Von Simone Humml

Magenbakterium Helicobacter pylori

Magenbakterium Helicobacter pylori

03. Oktober 2005 Seine Erkenntnisse schlugen dem Australier zunächst auf den Magen: Ein Selbstversuch brachte Barry Marshall die endgültige Gewißheit, daß ein Bakterium namens Helicobacter pylori die Hauptursache für Magengeschwüre und Entzündungen der Magenschleimhaut (Gastritis) ist. Er schluckte größere Mengen der Bakterien - und bekam prompt eine schwere Gastritis.

Damals bezahlte er seinen Forscherdrang mit Übelkeit und Magenkrämpfen. Am Montag bekam er dafür zusammen mit dem Entdecker der Bakterien, Robin Warren, die wichtigste Auszeichnung auf dem Gebiet der Medizin zugesprochen: den Nobelpreis.

Schlimme Folgen: Krebs oder Magendurchbruch

Robin Warren und Barry Marshall

Robin Warren und Barry Marshall

Der Beweis leitete eine Revolution in der Magenheilkunde ein. Zuvor waren die Erkrankungen des Verdauungsorgans in erster Linie auf Streß und falsche Ernährung zurückgeführt worden. Heute werden sie zumindest in den reichen Ländern mit Antibiotika behandelt.

Derzeit ist etwa die Hälfte der Erdenbürger mit dem Bakterium infiziert - besonders viele Menschen in den Entwicklungsländern. 10 bis 15 Prozent der Infizierten bekommen im Laufe ihres Lebens ein Magen- oder Darmgeschwür. Im schlimmsten Fall führt das Bakterium zu tödlichem Magendurchbruch oder Krebs.

Ein Zufall kommt zu Hilfe

Warren hatte die Erreger bereits 1979 auf den Schleimhautproben einiger Patienten erspäht. Aber erst Jahre später fanden die beiden Mediziner gemeinsam heraus, daß Proben von Magengeschwüren große Mengen von Helicobacter pylori enthielten. Die Anzucht der Keime im Labor gelang den beiden australischen Forschern 1982 indes durch einen Zufall: Die Kulturplatten standen wegen der Osterfeiertage länger im Brutschrank als üblich, so daß sich die langsam wachsenden Erreger genügend stark vermehren konnten.

Schon zu Beginn dieses Jahrhunderts war das Bakterium europäischen Forschern zwar aufgefallen, sie hatten es jedoch nicht kultivieren können. So war der Fund in Vergessenheit geraten, zumal Mediziner lange der Meinung waren, daß Bakterien in der Magensäure nicht überleben könnten. Helicobacter pylori jedoch neutralisiert die Magensäure in seiner Umgebung.

Oft wurden nur die Symptome behandelt

Bis weit in die achtziger Jahre hinein wurden Patienten mit einer Reihe von Medikamenten behandelt, die häufig nur die Symptome von Gastritis sowie Geschwüren an Magen und Zwölffingerdarm linderten. Die Beschwerden kamen jedoch meistens wieder. Vielen Patienten wurde deshalb geraten, ihren Lebenswandel zu ändern - wenn nötig mit Hilfe psychotherapeutischer Behandlung.

Die australischen Forscher attackierten den „Magenteufel“ Helicobacter pylori hingegen direkt mit Antibiotika. Und das wirkte. „Heute verlieren die Leute ihr Geschwür und ihren Psychotherapeuten“, sagt Professor Wolfgang Rösch vom Frankfurter Krankenhaus Nordwest. Mehr als 80 Prozent der Patienten würden mit einer derzeit eingesetzten Kombinationstherapie dauerhaft geheilt.

Schätzungen: Jeder dritte Deutsche infiziert

Auch der Pathologe Manfred Stolte vom Klinikum Bayreuth hält die Entdeckung für nobelpreiswürdig: „Zuvor war die Gastritis ein chronisches, unheilbares Leiden. Jetzt kann sie mit einer Sieben-Tage-Therapie geheilt werden, egal ob Ärger mit der Schwiegermutter, Schwerarbeit, Rauchen oder Streß.“ Zum Nachweis reicht heute ein einfacher Atem- oder Stuhltest.

In den Magen gelangt das Bakterium vor allem über Essen oder Trinkwasser, das mit Fäkalien verschmutzt ist. Die These, daß schon ein Begrüßungskuß als Übertragungsweg ausreicht, wurde zwar diskutiert, aber wieder verworfen. Die Weltgesundheitsorganisation stufte den Keim 1994 als einen Auslöser für Magenkrebs ein. Drei Jahre später entzifferte der amerikanische Genetiker Craig Venter dessen Erbgut.

Nach Schätzungen ist etwa jeder Dritte Deutsche mit Helicobacter pylori infiziert, oft jedoch ohne Symptome zu haben. Auch Kinder, die immer wieder Bauchschmerzen haben, können befallen sein. Wodurch die Krankheit ausbricht, ist noch ungeklärt. Wie bei allen Infektionskrankheiten hänge dies davon ab, wie aggressiv der Erreger und wie anfällig der Mensch sei, sagte Stolte. Das heißt: Unter Umständen können also doch eine hohe nervliche Belastung und auch starkes Rauchen den Ausbruch der Krankheit fördern.

Text: dpa
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb

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