Stammzellenforschung

„Wir hätten weltweit führend sein können“

Frustriert: Kölner Stammzellenforscher Jürgen Hescheler

Frustriert: Kölner Stammzellenforscher Jürgen Hescheler

20. Mai 2005 Der renommierte Stammzellenforscher Jürgen Hescheler hat den jüngsten Erfolg südkoreanischer Kollegen mit maßgeschneiderten embryonalen Stammzellen als „Meilenstein“ bezeichnet. „Es ist allerdings eine wahnsinnige Enttäuschung und frustrierend für deutsche Wissenschaftler, die hier vor einigen Jahren weltweit führend waren“, sagte der Direktor des Instituts für Neurophysiologie an der Universität Köln der Nachrichtenagentur dpa.

Eine Blockade sei die restriktive deutsche Gesetzgebung, die das therapeutische Klonen verbietet. „Es bewahrheitet sich immer stärker, das Deutschland hier komplett den Boden verloren hat.“ Am Donnerstag war bekannt geworden, daß die südkoreanischen Forscher weltweit erstmals für schwer kranke Patienten individuelle Stammzellen geklont hatten.

Zur therapeutischen Nutzung nicht mehr weit

Hescheler sagte dazu: „Das ist ein Meilenstein im Hinblick auf die klinische Anwendung der Zellen. Neu ist, daß mit sehr hoher Effizienz durch therapeutisches Klonen identische embryonale Stammzellen erreicht wurden.“ Zugleich betonte der Forscher: „Wenn die Südkoreaner mit derselben Geschwindigkeit weitermachen, ist es bis zu einer therapeutischen Nutzung nicht mehr weit.“

Besonders „frustrierend“ sei für ihn, daß die Südkoreaner sich nun auf dem Weg zu einer Anwendung für den Patienten seiner eigenen Kölner Forschungen bedienen könnten, die im vergangenen Herbst einen großen Durchbruch gebracht hatten. Hescheler hatte Ende 2004 als weltweit erster gezeigt, daß Herzmuskelzellen, die sein Team aus humanen embryonalen Stammzellen gezüchtet hatte, voll funktionsfähig waren. „Wir hätten hier weltweit an der Spitze sein können.“ Um seine Forschung voranzutreiben, benötigt Hescheler nach eigenen Angaben aber neue embryonale Stammzellen, die er laut Gesetz nicht über therapeutisches Klonen gewinnen darf.

„Südkoreaner bedienen sich unserer Technik“

„Ich gehe davon aus, daß die Südkoreaner sich nun unserer Technik bedienen werden, um höher differenzierte Zellen zu erhalten“, sagte der Kölner Forscher. „Unsere Patienten können wir dann wohl bald ins Ausland schicken.“ Das südkoreanische Forscherteam hatte 185 Eizellen junger Spenderinnen entkernt und mit je einer Hautzelle von elf unheilbar kranken Patienten verschmolzen.

Hescheler zufolge bedeutet der südkoreanische Erfolg Hoffnung etwa für Patienten mit Herzinfarkt, Querschnittslähmung, Schüttellähmung oder Knochen- und Knorpelerkrankungen: „Alle Krankheiten, bei denen Zellen zugrunde gehen, wären behandelbar.“

Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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