Von Brigitte Roth
07. Juli 2003 Als der Freund losfahren wollte, um Bettchen und Wickelkommode zu kaufen, hatte Kerstin Albert ein ungutes Gefühl. Es war, als hätte sie einen Stein im Bauch. Dabei hatte die Frauenärztin am Tag zuvor versichert, es sei alles in Ordnung. Im achten Monat schwanger, führte die damals Achtundzwanzigjährige die plötzlich fehlenden Kindsbewegungen zwar auf Überanstrengung zurück, hielt ihren Partner dennoch vorsichtshalber vom Möbelkauf ab. Die Vorahnung wurde dann bittere Wahrheit, als die Gynäkologin in einem Frankfurter Krankenhaus den Satz aussprach: "Ihr Kind ist tot."
Auch die moderne Medizin ist manchmal am Ende, zum Beispiel bei Mutterkuchenschwäche, Fehlbildungen, Nabelschnurknoten oder wenn das Kind wegen eines schweren Herzfehlers nicht lebensfähig ist. In Deutschland kommen jährlich mehr als 3000 Kinder tot zur Welt. Viele sterben im Mutterleib, obwohl sie die riskanten ersten Monate schon hinter sich haben. Jede vierte Schwangerschaft in Deutschland endet - oft unbemerkt - mit einer Fehlgeburt im ersten Schwangerschaftsdrittel. Wenn ein Kind während der Schwangerschaft oder kurz danach stirbt, stehen Mütter und Väter mit ihrer Trauer oft einsam da. Ärzte und Hebammen wenden sich überfordert ab, im Freundeskreis sind nur gesunde Kinder ein beliebtes Gesprächsthema, die verlorenen aber tabu.
Gabriela Ristow-Leetz, die ihr totes Mädchen vor elf Jahren in einer Hamburger Klinik zur Welt brachte, wünscht sich mehr Mitgefühl: "Das fehlt oft. Ein tröstendes Wort, das wäre schön." Die Vierzigjährige leitet die Treffen der Frankfurter Selbsthilfegruppe "Zurück ins Licht". Sie hört häufig von Frauen, ihr totgeborenes Kind sei zu einem Fall degradiert worden, über den man nicht gerne spricht. Oft fallen Sätze wie "Beim nächsten Mal klappt's bestimmt", "Sie sind doch noch jung" oder bei einer Fehlgeburt "Das war doch sowieso noch nichts Richtiges". Auch wer sich sonst stark fühlt, ist daher gut beraten, eine Person des Vertrauens mit in die Klinik zu nehmen, also den Partner, Freunde oder Angehörige.
Inzwischen gibt es aber in Deutschland auch viele Krankenhäuser, in denen die Betroffenen gut aufgehoben sind. Zum Beispiel in der Frauenklinik des Frankfurter Universitätsklinikums. Der Leiter des Schwerpunkts Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Frank Louwen, redet mindestens eine Stunde lang mit den Eltern, versucht ihnen Schuldgefühle zu nehmen und beantwortet Fragen: Warum ist die Schwangerschaft so verlaufen? Wie werde ich mit den seelischen Schmerzen fertig? Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen werden am Frankfurter Universitätsklinikum regelmäßig geschult, um auf Frauen mit einer Fehl-, Früh- oder Totgeburt besser eingehen zu können. Darüber hinaus steht Louwen ständig in Kontakt mit Beratungsstellen im Rhein-Main-Gebiet und gibt deren Adressen weiter - vom feministischen Frauengesundheitszentrum über das katholische Bildungswerk bis zur "Initiative Regenbogen". Eine Psychologin ist von Anfang an bei allen Gesprächen dabei, oft wird religiöse Unterstützung hinzugezogen.
Der Frankfurter Professor schätzt, daß weniger als zehn Prozent der Frauen, die ihr Wunschkind verloren haben, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei wäre das nach seiner Ansicht bei gut der Hälfte der Betroffenen erforderlich. Studien aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und auch aus Deutschland belegen, daß eine Nachbetreuung in Form von Gesprächen für das Wiedererlangen des seelischen Gleichgewichts für die Eltern außerordentlich wichtig ist. Hilfestellungen sind aber auch vor einem Klinikaufenthalt unentbehrlich, damit sich eine Frau auf das, was sie erwartet, gut vorbereiten kann. Eine wichtige Rolle kommt gut informierten Hebammen und der Selbsthilfe zu. Der "Initiative Regenbogen - Glücklose Schwangerschaft e. V." gehören in Deutschland 56 Gruppen an, die sich regelmäßig treffen. Darüber hinaus hält der Verein sogenannte Kreißsaal-Ordner mit allen erforderlichen Informationen bereit, die gegen eine Gebühr von zehn Euro angefordert werden können. Wie viele Kliniken davon Gebrauch machen, darüber liegen der Initiative allerdings keine Zahlen vor.
Ein ebenso heikles wie kompliziertes Thema ist die Bestattung. Bundesrecht ist nur, daß ein tot zur Welt gekommenes Kind von 500 Gramm an standesamtlich gemeldet werden muß. Die gesetzliche Regelung der Bestattung hingegen fällt in die Kompetenz der Länder. Nach Auskunft von "Regenbogen" werden in Bremen alle Kinder von der zwölften Woche an bestattet. In Niedersachsen gilt das für ein Kind von einer Größe von 35 Zentimetern an. Was mit den Kindern geschieht, die - je nach Bundesland - nicht bestattungspflichtig sind, ist schwer zu ermitteln. Im schlimmsten Fall werden sie mit dem Klinikorganmüll "entsorgt", im günstigsten finden sie ihre letzte Ruhe auf besonderen Grabfeldern oder in individuellen Grabstätten.
Viele, aber längst nicht alle Eltern geben ihren totgeborenen Kindern aber einen Namen. Es fällt später leichter, über Thomas oder Mira zu sprechen als über "es". Weil das Leben so kurz wie das Aufblitzen eines Sternes war, nennen "es" Paare auch "Sternenkind" oder "Sternchen". Den Müttern und Vätern bleiben kaum Erinnerungen. In vielen Kliniken ist es deshalb üblich, die Kinder hübsch anzuziehen und zu fotografieren. Wenn Eltern noch nicht in der Lage sind, die Bilder anzusehen, bekommen sie diese in einem verschlossenen Umschlag mit nach Hause - für später, wenn sie nicht mehr unter Schock stehen.
Oft scheitern Partnerschaften an dem zerbrochenen Glück, weil jeder schweigt oder die Art zu trauern unterschiedlich und für den anderen unverständlich ist. In einer Gruppe mit Gleichgesinnten dreht sich alles um das verlorene Kind, um Wut, Ohnmacht, Fassungslosigkeit, Kummer und Depressionen der Frauen und Männer, die die Klinik nicht als Mütter und Väter verlassen konnten. Bei diesen Treffen können sie offen reden. Es gibt sogar Paare, die berichten, daß das Schreckliche sie zusammengeschweißt habe.
Früher oder später stellt sich die Frage, ob ein Paar noch ein Kind möchte. "Nein, ich will keinen Ersatz für Josefina schaffen", sagt eine Frau. Andere wollen unbedingt wieder schwanger werden, haben aber große Angst: "Vor jedem Ultraschall hab' ich gezittert." Auch das kommt in der Selbsthilfegruppe zur Sprache und macht Mut, wenn es doch ein gutes Ende gab. Die Tochter von Gabriela Ristow-Leetz ist inzwischen neun Jahre alt.
Text: rig., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2003, Nr. 154 / Seite 9