10. Oktober 2003 Katja Ebstein! Unfaßbar, es ist Katja Ebstein. Ja, diese Katja Ebstein, die Sängerin und Schauspielerin, die in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Erfolge feierte. Sie geht auf die Sechzig zu und sieht aus wie damals, schlank, glatt, feuchte Lippen, langes rotglänzendes Haar. Nur die Brille ist kleiner. An diesem Mittwoch abend steht sie in Berlin im Rampenlicht des Tempodroms, von einem "Moderator" als "Überraschungsgast" begrüßt. Sie singt nicht, sie erzählt von der Wende in ihrem Leben. Wie sie einmal während einer Theaterprobe vom Ballett einen Schnupfen aufschnappte - "die sind immer so anlehnungsbedürftig" -, wie sie Antibiotika nahm und davon krank wurde. Wie sie nach eineinhalb Jahren wieder gesund war - mit Vitaminen. Unser Gesundheitssystem sei krank. Als Künstler müsse man dagegen aufstehen und seine Meinung sagen wie damals in der Friedensbewegung gegen den Atomkrieg. Zum Schluß sagt sie: "Begrüßen Sie jetzt mit mir den Mann, der sich unser aller Gesundheit zur Lebensaufgabe gemacht hat, Dr. Matthias Rath." Die Zuhörer im Rund klatschen begeistert.
Rath ist nicht so schlank wie Katja Ebstein, aber das sieht man nicht so unter dem weiten rostroten Pullover. Wenn er mit seinem Publikum scherzt, ist er ganz ein jovialer Straßenhändler, der mit Mutterwitz seine Apfelsinen und Bananen anpreist: Eßt mehr Obst, und ich bleibe gesund. Zur Einstimmung auf seinen langen, langen Vortrag aber schreitet er gedankenschwer über die Bühne zum Pult. Sein massiger Kopf mit dem weißen Haar ist auf der Leinwand hinten groß zu sehen. Die Getreuen sind wieder zu Hunderten gekommen wie zuvor in Zürich, Wien, München und Hamburg. Sie erwarten kämpferischen Ernst und Erlösungspathos von ihrem Menschheitsretter, vom "Pionier der Zellularforschung".
Die Getreuen sind aufgefordert mitzumachen
Nicht für jeden ist Dr. Raths Heilsbotschaft auf Anhieb zu entwirren, aber die allermeisten hier im Tempodrom kennen die Lehre schon am Schnürchen. Sie geht etwa so, wie dieser Tage auch wieder in ganzseitigen Zeitungsanzeigen zu lesen ist: Dr. Rath ist der Galileo unserer Zeit. Wir stehen an einer Zeitenwende, und wenn erst alle an Dr. Rath glauben, wird die Welt zum Paradies. Im einzelnen: Dr. Rath hat "entdeckt", daß Vitamine und "andere Zell-Vitalstoffe" die schlimmsten Krankheiten heilen oder verhindern können, Krebs etwa und den Herztod. Das Geld seiner Getreuen steckt er nach eigenen Angaben in "Forschungszentren", eine "Gesundheitsstiftung" und eine von seiner Frau geleitete "Akademie" in Wittenberg, an der "Berater" ausgebildet werden. Sie alle arbeiten an der "weltweiten" Verbreitung seiner Lehre.
Die Getreuen sind aufgefordert mitzumachen, daheim vom Wohnzimmer aus, in Freundeszirkeln bei gemeinsamer Lektüre der "Bibel", Raths Buch "Warum kennen Tiere keinen Herzinfarkt . . . aber wir Menschen", im Sportverein und im Kegelclub beim Verteilen der Rath-Traktate. Bald müsse es in allen Gemeinden "Gesundheitszentren" und in allen Schulen "Gesundheitsunterricht" geben, "weltweit" müsse die Bewegung werden. Dann wird wohl allenthalben in hoher Dosierung verabreicht werden, was Rath in Berlin gekonnt sentimental als Vermächtnis seiner Eltern präsentiert: Werte! Geben statt nehmen! Sein statt haben! Daß die Eltern einfache Leute waren, Gärtner, als Dr. Rath 1955 in Stuttgart das Licht der Welt erblickte, macht den Zeitenwender für seine Anhänger nur noch größer.
Internethandel ist nicht zu kontrollieren
Seine Pillen verkauft Rath seit Jahren aus dem niederländischen Almelo via Internet, etwa "Vitacor Plus", 42 Euro, 90 Tabletten, Verzehrempfehlung dreimal täglich eine, oder "Epican Forte, für die Zellfunktionen", 48,50 Euro, 180 Tabletten, Verzehrempfehlung dreimal täglich zwei. In Deutschland gelten die Pillen wegen hoher Dosierung einzelner Stoffe als Arzneimittel, die nicht vertrieben werden dürfen. Der Internethandel ist aber nicht zu kontrollieren. Juristisch eingreifen könnten die Behörden nur, wenn jemand in Deutschland mit den Pillen aus Holland Zwischenhandel triebe.
Aber Dr. Rath hat noch mehr Feinde, mächtige Feinde - das "Pharma-Kartell". Das "weltweite" Kartell wolle Dr. Rath und seine noch kleine Schar vernichten, weil er den Konzernen mit seinen billigen Vitaminen das "milliardenschwere Geschäft mit der Krankheit" verderben könnte. "Der zweitstärkste Profit der Pharma-Industrie sind die letzten drei Monate der Krebspatienten mit der Chemotherapie und all den Begleitmedikamenten, die sie erträglich machen sollen", schleudert Rath in Berlin seinem Publikum entgegen. Das "Kartell" geht nach Rath auf den amerikanischen Ölmagnaten John Rockefeller zurück, der um die Wende zum 20. Jahrhundert seine Milliarden in eine scheinbar wohltätige Stiftung gesteckt habe. In Wirklichkeit aber hätten dort gekaufte Wissenschaftler "künstliche Moleküle", also synthetische Arzneimittel, hergestellt und patentieren lassen. Rockefeller sei mit den Patenten noch reicher geworden. Im Zentrum des "Kartells", dieser "weltumspannenden Macht", stehe heute David Rockefeller, der Enkel des Ölmilliardärs. Dr. Rath deutet auf die grobe Graphik, die hinter ihm auf die Leinwand gegeben wird: "Globaler politischer Einfluß der Pharma-Industrie" steht oben, drei dicke rote Pfeile zeigen auf Bilder von George W. Bush, Donald Rumsfeld und Tony Blair.
An jedem Finger zehn Anwälte
"Die pharmazeutische Industrie war nicht nur der größte Nutznießer des Irak-Kriegs" heißt es in einer Zeitungsanzeige Raths. Der Krieg habe auch dazu gedient, von der brutalen Unterdrückung "einer der größten Entdeckungen in der Geschichte der Medizin" abzulenken, daß nämlich Herzkrankheiten mit "natürlichen Mitteln" zu heilen seien. "Ist die Pharma-Industrie eine Terror-Organisation?" fragt Rath in Berlin und muß die Antwort nicht mehr geben. Rath, der David gegen den Goliath, hat die "Verschwörung von Pharma-Macht und politischer Macht" auch in der "berühmtesten Zeitung der Welt", der "New York Times", aufgedeckt. "Die haben's gedruckt", sagt er seinem Berliner Publikum, "und warum?" Weil es "in Amerika noch Leute gibt, die zwar auch Geld verdienen, aber dabei nicht Millionen von Patienten" ins Verderben reißen wollten. Daß es sich bei der "Enthüllung" in der "New York Times" um eine Anzeige Raths handelte, geht im Berliner Vortragsgetöse unter. Als er an anderer Stelle auf den "Unsinn" kommt, der in den Zeitungen über Vitamine zu lesen sei, sagt er: "Es wird die Zeit kommen, in der Journalisten nicht mehr ungestraft solches Zeug schreiben können." Jubel unter den Getreuen, die großteils so alt wie Katja Ebstein sind, auch wenn sie nicht so gut aussehen.
Fragt man in der Berliner Charité, beim Gesundheitsministerium, beim Bundesinstitut für Risikobewertung oder dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam nach Dr. Rath, ist die erste Reaktion ein Stöhnen: "Ach, der wieder!" Er sei ja tatsächlich Arzt und habe so bei vielen schon Vertrauensvorschuß. Er habe auch tatsächlich mit dem amerikanischen Chemie-Nobelpreisträger und "Vitamin-Guru" Linus Pauling zusammengearbeitet. Man tue sich schwer, gegen Rath anzugehen, weil der an jedem Finger zehn Anwälte habe. Rath habe jedenfalls nicht in einer einzigen klinischen Studie wissenschaftlich hieb- und stichfest nachgewiesen, daß seine Pillen die behaupteten Wirkungen haben.
Ein geschlossenes System zur Erklärung der Welt
Solche Einwände hätten am Mittwoch abend unter den Vitamin-C-Guerrilleros im Ebstein-Alter nur Empörung und Hohngelächter hervorgerufen: Klar, alle gekauft, alle Teil des Pharma-Kartells. Wir aber haben doch eben gehört, wie frühere Krebs- und Herzpatienten von ihrer wundersamen Genesung dank Vitaminen berichteten. Sie wurden gesund, als die Schulmediziner sie schon aufgegeben hatten. Rath: "Die künftigen Ärzte werden an den deutschen Universitäten zur billigen Verkaufstruppe der Pharma-Industrie herangezogen."
Die "Lehre" Dr. Raths ist bei seinen Anhängern mit rationalen Mitteln nicht zu knacken. Sie haben ein geschlossenes System zur Erklärung der Welt gefunden, kennen jetzt ihren Platz darin und wissen, daß sie zu den Auserwählten gehören, welche die Bösen vernichten und die Unschuldigen retten müssen. Da muß man doch nachher draußen wieder zehn Bücher für die Missionierung Ungläubiger kaufen. Da muß man doch am 9. November nach Bonn zum Demonstrieren kommen, wenn die "Codex-Alimentarius-Kommission" ihre regelmäßige Tagung hat. Die wurde 1962 von der Weltgesundheitsorganisation und den Vereinten Nationen gegründet und stellt Lebensmittelstandards auf, um Verbraucher in aller Welt vor unredlichen Praktiken zu schützen. Rath aber sieht in dem "Codex" eine Institution des "Pharma-Kartells", eigens dafür ersonnen, "Gesundheitsinformationen zu Vitaminen und Naturtherapie" zu verbieten. Seine Fanatiker werden am 9. November gewiß in Bonn sein und pillengestärkt viel Vitaminrummel machen. Ob Katja Ebstein auch wieder dabei ist und erzählt, warum sie in diesem Alter noch so taufrisch ist?
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2003, Nr. 235 / Seite 9