Depression

Die Krankheit, die man nicht haben darf

Von Martina Lenzen-Schulte

Wenn das Denken um Schwierigkeiten kreist, die nicht mehr realistisch eingeschätzt werden können

Wenn das Denken um Schwierigkeiten kreist, die nicht mehr realistisch eingeschätzt werden können

13. November 2009 „Vor allem die Schwere, die darin besteht, das Ganze nicht in die Öffentlichkeit zu tragen“: Mit der Hellsichtigkeit, die großes Leid mitunter verleiht, legte Teresa Enke den Finger in die Wunde unserer öffentlichen Wahrnehmung. Einen Tag nach dem Freitod ihres Mannes Robert Enke bekannte die Witwe des Nationaltorwarts, dass nicht zuletzt die Angst vor der Stigmatisierung ihren Mann davor zurückschrecken ließ, sich öffentlich zu einer Erkrankung zu bekennen, an der auch vier Millionen andere Deutsche leiden. Hätte er der Einweisung in eine Klinik, in eine Umgebung, die ihm vor dem Suizid mehr Schutz geboten hätte, womöglich zugestimmt, wenn er keine Schamgefühle hätte haben müssen? Diese Spekulationen helfen Robert Enke nicht mehr. Sie machen aber bewusst, dass es trotz immenser Anstrengungen noch nicht gelungen ist, die Depression vom Stigma einer Krankheit zu befreien, die man nicht haben darf.

Die von seiner Frau offenbarte Krankheitsgeschichte belegt, dass Enke schon viele Hürden im Kampf gegen die Depression genommen hatte. Er war deswegen seit dem Jahr 2003 in Behandlung und wusste also, welches seelische Leiden seine Stimmungstiefs verursachte. Das ist schon das erste Handicap für viele Erkrankte. „Über die Hälfte derer, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, wissen es nicht einmal“, sagt Professor Detlef Dietrich, der Ärztliche Direktor des Ameos-Klinikums in Hildesheim. Es ist eben nicht immer die klassische Niedergedrücktheit, das Stimmungstief, das eine Depression ausmacht.

Öffentlichkeitsarbeit gegen Depression

Antriebslosigkeit, aber auch unverständliche Gereiztheit können ein Symptom sein. Manche leiden an Schlafstörungen, bei anderen sind es sogar körperliche Beschwerden, die das seelische Tief übertünchen. Das Denken kreist um Schwierigkeiten, die nicht mehr realistisch eingeschätzt werden können, Hoffnungslosigkeit versperrt von vornherein jeden Lösungsansatz. In Deutschland und anderswo gibt es inzwischen zahlreiche Initiativen, mit denen Angehörige und Ärzte, aber auch Seelsorger, Lehrer und die Medien für eine Aufklärung gewonnen werden sollen, mit der die Diagnoserate verbessert werden könnte.

Professor Dietrich fungiert dabei als Repräsentant der European Depression Association und hatte als solcher die Koordination des diesjährigen Europäischen Depressionstages am 17. Oktober in Deutschland übernommen. Er hatte zuvor von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Hannover eines der rund 50 regionalen Bündnisse gegen Depression geleitet. Diese Bündnisse sind aus dem „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ hervorgegangen und inzwischen unter dem Dach des „Deutschen Bündnisses gegen Depression e.V.“ zusammengefasst. In dem Nürnberger Modellprojekt hatte man nachweisen können, dass nicht zuletzt Öffentlichkeitsarbeit entscheidend dazu beitragen kann, die Zahl der Suizide und der Suizidversuche zu senken. Sie ging in diesem Projekt innerhalb von zwei Jahren um 24 Prozent zurück. Wesentlich trug dazu auch die bessere Versorgung der depressiv Kranken bei.

Die Funktion der Familie bei der Behandlung

„Das ist nämlich die zweite Hürde“, sagt Dietrich. „Nur rund ein Drittel der Depressiven ist bei einem Arzt wegen der Diagnose in Behandlung, aber nur wiederum ein Drittel davon wird ausreichend und richtig behandelt.“ So erklärt sich, dass nur jeder zehnte depressiv Kranke angemessen behandelt wird. Das hat unterschiedliche Gründe. Mitunter ist die gewählte Dosis der antidepressiven Medikamente nicht hoch genug, die Therapieform sollte geändert werden, oder der Kranke ist schlicht nicht lange genug behandelt worden. Der Nationaltorwart war schon seit Jahren in Behandlung und hatte – auch das geht aus den Angaben der Ehefrau hervor – in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Arzt immer wieder aus Krisen herausgefunden.

Die Familie hat Enke offensichtlich Auswege zeigen wollen. Der irrationalen, vom negativen Denken bestimmten Angst, seine Adoptivtochter wegen der Erkrankung zu verlieren, wurde mit vernünftigen Argumenten begegnet. Solche Hilfen der nächsten Angehörigen sind eine nicht zu unterschätzende Hilfe im Rahmen der Behandlung. „Die Funktion der Familie für den Erfolg einer antidepressiven Behandlung ist überhaupt nicht zu überschätzen“, sagt Dietrich. Die Angehörigen sind ein wichtiges Korrektiv und können dem Arzt mit ihrem Feedback zu verstehen geben, dass die Therapie auf dem richtigen Weg ist. „Denn oft merkt der Kranke erst als Letzter, dass es ihm bereits besser geht“, sagt Dietrich. „Außerdem können Familienmitglieder das Durchhaltevermögen stärken, den Betroffenen motivieren, am Ball zu bleiben.“ Aber: „Wir haben es doch nicht geschafft“, bekannte Teresa Enke. Die Familie kam am Ende nicht an gegen Robert Enkes Wunsch, alles geheim zu halten. Der Kranke nahm, wie viele andere Depressive, Zuflucht zur Verstellung gegenüber seinem Arzt und seiner Familie. In seinem Abschiedsbrief hat er sich noch entschuldigt.

Ein unberechenbarer Gegner

Auch die Versuche, in Enkes Arbeit nach Erklärungen zu suchen, müssen scheitern. Gemeinhin gelten Sportler als robust. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die Sport als Therapie für alles – aber vor allem auch gegen Depressionen – andienen, häufen sich geradezu. Zahlreiche Arbeiten weisen nach, dass vor allem junge Männer, die besonders viel Sport treiben, merklich seltener depressive Symptome aufweisen als körperlich weniger rege Gleichaltrige. Selbst der Erfolgsdruck, der gern als Stressfaktor für Versagensängste ins Feld geführt wird, fördert als solcher Depressionen nicht. Ehrgeizige Eltern und Trainer dürften das als Entlastung empfinden. Man weiß zwar, dass Athleten vermehrt depressiv reagieren, wenn sie Verletzungen hinnehmen mussten. Die frühere Weltranglistenerste im Frauentennis ist das bekannteste Beispiel. Monica Seles war nach der Messerattacke eines psychisch gestörten Täters in ein seelisches Tief gefallen. Aber auch hier lassen sich andere Beispiele finden, es gibt keine Zwangsläufigkeit.

So bleibt am Ende die bittere Erkenntnis, dass es jeden treffen kann, sogar noch an einem Punkt, an dem schon viele Handicaps für eine erfolgreiche Therapie überwunden waren. Weder körperliche Robustheit noch beruflicher Erfolg bieten Schutz vor einem seelischen Tief. Ebenso wenig können Schicksalsschläge allein eine depressive Entwicklung erklären. Die Eltern Enke hatten den Verlust einer Tochter zu beklagen. Man weiß indes aus Beobachtungen in verlässlichen Registern, dass Eltern nach dem Tod eines Kindes nicht häufiger depressiv werden als jene, denen dies erspart blieb. Die Depression ist eben ein unberechenbarer Gegner, gegen den man – wenn überhaupt – nur im Schaffen verständnisvoller Öffentlichkeit eine Chance hat.

Deshalb kann man auch – trotz sinkender Suizidraten – noch nicht Entwarnung geben. Denn die höchste Suizidgefahr besteht derzeit bei den Älteren. Unter den älteren Männern war die Rate der Selbsttötungen schon immer ausgesprochen hoch. Bezogen auf 100.000 Einwohner liegt die Gesamtsuizidrate bei etwa 10, bei älteren Männern beträgt sie indes das Doppelte. Die Zahl der Selbsttötungen von älteren Frauen nimmt derzeit – entgegen dem allgemeinen Trend – sogar zu. „Wir legen deshalb in unserem regionalen Bündnis Wert darauf, dass wir uns in einer eigenen Sektion für die älteren Gefährdeten einsetzen“, sagt Dietrich. „Hier liegt bestimmt noch großer Handlungsbedarf“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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