Von Thomas Scheen
13. August 2004 Das Insekt ist keinen Zentimeter groß, wiegt kaum ein Gramm und trägt den klangvollen Namen Anopheles ovengensis. Doch das Tierchen hat es in sich: Die nach ihrem Fundort Oveng in Kamerun benannte Stechmücke ist ein Killer, und ihre Entdeckung vor wenigen Wochen durch französische und kamerunische Forscher macht das Spektrum der Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen, um ein weiteres Kapitel und noch mehr Fragezeichen reicher.
Auf der Welt sind mehr als 400 Anopheles-Arten bekannt, von denen wiederum etwa 60 als Überträger der Malaria gelten. Oder besser: 60, von denen man weiß, daß sie Malaria übertragen. Der jüngste Forschungserfolg in Kamerun zeigt wieder einmal, wie wenig über Malaria und ihre Überträger bekannt ist. Die Anopheles ovengensis wurde in der großen Familie der als Malariaüberträger bekannten Anopheles nili entdeckt, die eigentlich als gut durchleuchtet gilt.
Verhaltensweisen unterscheiden sich
Die Spezies einer anderen Anopheles-Art hingegen, Anopheles funestus, wurde bei gleicher Gelegenheit von jedem Verdacht freigesprochen. In den meisten Regionen der Welt bilden wenige Arten die Hauptvektoren, wobei in Afrika vier große Familien bekannt sind: Anopheles gambiae, Anopheles nili, Anopheles funestus und Anopheles moucheti. Innerhalb dieser Kategorien tummeln sich Artenkomplexe, also Anopheles-Mücken, die zwar gleich aussehen, aber unterschiedlichen Arten angehören. Für die Epidemiologie der Malaria sind gerade diese noch wenig erforschten Artenkomplexe von großer Bedeutung, da sich die Verhaltensweisen der einzelnen Arten innerhalb eines Artenkomplexes stark unterscheiden können.
Diese weißen Flecken auf der Karte der Malaria-Forschung verwundern um so mehr, als die Krankheit auf dem Schwarzen Kontinent jährlich mehr Menschen tötet als Aids. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, daß jedes Jahr weltweit zwischen 300 und 500 Millionen Menschen an Malaria erkranken und bis zu zwei Millionen Menschen an der Krankheit sterben. Das französische "Institut de recherche pour le developpement" (IRD), dessen Mitarbeiter die Anopheles ovengensis entdeckten, schätzt hingegen, daß bis zu 600 Millionen Menschen jährlich erkranken und die Mortalität bei weit über zwei Millionen liegt. 90 Prozent der tödlichen Verläufe von Malariaerkrankungen ereignet sich in Afrika, und die überwiegende Zahl der Toten sind Kinder unter fünf Jahren.
Malaria bedroht 40 Prozent der Weltbevölkerung
Malaria ist in 100 Ländern verbreitet und bedroht potentiell 40 Prozent der Weltbevölkerung. Gleichwohl steht die Krankheit längst nicht so im Rampenlicht wie etwa Aids oder Krebs. 1998 betrug die Gesamtsumme der zur Bekämpfung der Malaria aufgewandten Forschungsgelder 84 Millionen Dollar. Für die Krebsforschung standen im gleichen Zeitraum 2,4 Milliarden Dollar bereit. Dabei ist Malaria nicht nur lebensbedrohlich, sie hat zudem verheerende wirtschaftliche Auswirkungen. Insgesamt verursacht Malaria nach Angaben der WHO alleine in Afrika durch Krankheitsausfälle jährliche Fehleinnahmen in Höhe von 12 Milliarden Dollar. Obwohl niemand die außerordentliche Gefährlichkeit von Malaria bestreitet, wird sie mit den Waffen von gestern bekämpft.
Das gängigste Medikament bei der Behandlung der Krankheit in Afrika ist immer noch Chloroquin, ein Stoff, der seit 1940 auf dem Markt ist. Im Prinzip ist Chloroquin ideal: effizient, billig in der Produktion und leicht zu handhaben. Nur leider nicht mehr zeitgemäß, weil die virulentesten Malariaerreger längst Resistenzen gegen den alten Bekannten entwickelt haben. Immerhin ist Chloroquin bei einem Preis von etwa einem Dollar erschwinglich. Ein auch gegen hartnäckige Malaria wirksames Präparat hingegen, das in China hergestellte Asurmax, kostet in einer westafrikanischen Apotheke knapp sechs Euro. Nicht viel eigentlich, aber dennoch unerschwinglich, wenn man bedenkt, daß eine vierköpfige Familie in der Elfenbeinküste selten mehr als einen Euro für das tägliche Essen aufwenden kann.
Patent für Malaria-Impfstoff bisher ungenutzt
Dabei gibt es längst einen potentiellen Kandidaten für einen Impfstoff gegen Malaria. Seine Geschichte indes scheint alle Vorurteile, die gegen milliardenstarke Pharmakonzerne und deren Umsatzkriterien bestehen, zu bestätigen. Nach vier Jahren Forschung konnte der kolumbianische Wissenschaftler Manuel Elkin Patarroyo zu Beginn der neunziger Jahre einen vielbeachteten Impfstoff präsentieren. Sein Präparat hatte einen nachgewiesenen Wirkungsgrad von 30 bis 60 Prozent bei Kindern, die älter als ein Jahr alt waren. Patarroyo wurde mit 50 Wissenschaftspreisen geehrt, doch seine Erfindung wurde nie kommerzialisiert. Das Angebot eines Pharmakonzerns, ihm das Patent für knapp 70 Millionen Dollar abzukaufen, schlug der Kolumbianer aus, weil eine Produktion des Impfstoffes in Amerika oder Europa den Preis auf zehn Dollar hochgetrieben hätte. Patarroyo wollte den Impfstoff in Kolumbien herstellen, für 40 Cents. Als Beweis, daß es ihm nicht um Geld ging, schenkte er das Patent der WHO. Dort liegt es immer noch.
Es heißt, es werde "fieberhaft" nach einem Impfstoff mit höherem Wirkungsgrad geforscht. Doch damit, so die WHO, sei nicht vor 2007 zu rechnen. Immerhin hat die Diskussion um die Bekämpfung von Malaria in den letzten beiden Jahren durch die Initiative "Roll back Malaria" der WHO neuen Auftrieb bekommen. Doch der großangelegte Verkauf von imprägnierten Moskitonetzen als vorläufigem Schutz war ein Rohrkrepierer. Selbst der subventionierte Preis von umgerechnet drei Euro pro Netz in Westafrika ist schlicht zu teuer.
Gentechnik bringt neue Hoffnung
Die Hoffnung, der Malaria doch noch Herr zu werden, kommt nunmehr aus der Gentechnik. Forscher der Case Western University in Cleveland konnten mit genmanipulierten Mücken nachweisen, daß Malaria zumindest zu bremsen ist. Dafür wird ungeborenen Mücken der Anopheles gambiae ein künstliches Gen mit der Bezeichnung "SM 1" injiziert, das von den Mücken in ihr Genom aufgenommen wird und zur Entstehung eines neuen Proteins führt. Dieses Protein wiederum hindert die Plasmodien - die einzelligen Malariaerreger - daran, sich an der Magenwand der Mücke festzusetzen. Statt dessen sterben die Plasmodien ab. In 80 Prozent der Fälle konnten die so manipulierten Mücken keine Malaria mehr übertragen.
Doch wenn es auch angesichts der Debatte um Gentechnik auf absehbare Zeit ausgeschlossen scheint, transgene Mücken in freier Wildbahn auf ihre krankheitsübertragenden Artgenossen loszulassen, stellt sich abermals das Problem der "weißen Flecken". Was bei der Gattung Anopheles gambiae funktioniert, muß noch lange nicht bei den Anopheles nili funktionieren. Womit die Geschichte wieder bei der Anopheles ovengensis angelangt wäre und bei jenen Forschern, die für eine Handvoll Euro auf der Suche nach immer neuen Malariaträgern durch den Busch von Kamerun robben.
Anopheles ovengensis vom Fluß Ntem
Lange hatten die Forscher am Fluß Ntem nach Mücken gesucht. Dann wurden sie fündig: Anopheles ovengensis ist nach dem Dorf im Süden von Kamerun benannt, in dem sie entdeckt wurde. Die französischen und kamerunischen Forscher H. P. Awono-Ambene, P. Kengne, F. Simard, C. Antonio-Nkondjio und D. Fontenille machten das Tier in der Juli-Ausgabe des Journal of Medical Entomology bekannt. Die Mücke verbreitet Malaria entlang der Flüsse Afrikas. In der Anopheles-nili-Gruppe findet sich Anopheles nili s.s. (und ihre Variante, die "Congo form"), Anopheles somalicus und Anopheles carnevalei. In der Waldregion von Campo 400 Kilometer südlich von Yaounde fand man die zusätzliche Variante (provisorisch "Oveng form" genannt), die sich genetisch von den anderen Anopheles-nili-Mücken unterscheidet. Die Wissenschaftler beschreiben auch Möglichkeiten, das Tierchen von den anderen zu unterscheiden - durch Morphologie, Genetik und Verhaltensweisen. (F.A.Z.)
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 9
Bildmaterial: dpa