Von Kathrin Fromm
02. April 2008 Liebe, behauptet der Volksmund forsch und ohne eindeutige Beweise, gehe durch den Magen. Aber was liebt der Magen, und wie kann die Liebe am Leben erhalten werden, wenn im Alltag unterschiedliche Ernährungsprinzipien aufeinanderprallen?
Ein Gespräch zwischen drei Vegetarierinnen, die mit einem Freund oder Lebensgefährten zusammenleben, der Fleisch isst, soll Aufschluss geben. Auf dem Tisch im Öko-Laden stehen Getreidemilchkaffee und Bio-Rüblikuchen bereit. Kann eine Beziehung trotz Ernährungsdifferenzen harmonisch sein? Das sei generell kein Problem, stellt die Erste fest. Nur eine Sache gibt es, die die fünfundzwanzigjährige Studentin radikal ablehnt: den Salami-Kuss. Hat ihr Freund Salami gegessen, heißt es erst Zähne putzen, dann küssen. Die zweite Vegetarierin, ebenfalls 25 und Journalistin, plädiert für pragmatische Kompromisse. Ihr Liebster darf sogar sein Steak in der Pfanne neben ihrem Tofubratling wenden. Steht Nudelsalat auf dem Tisch, pult sie die Schinkenwürfel kurzerhand heraus und legt sie an den Tellerrand. Überhaupt, stellt sie fest, gebe es Schlimmeres als Fleischaroma: Bier schmeckt beim Küssen doch viel ekliger. Die dritte Vegetarierin im Bunde, eine 22 Jahre alte Krankenschwester, ist weniger tolerant. Ihr Freund hat zu akzeptieren, dass in der gemeinsamen Wohnung Fleisch und Fisch grundsätzlich tabu sind. Allenfalls darf er sich auf dem Weg zur Arbeit eine Leberkässemmel holen. Alle drei Vegetarierinnen stimmen darin überein, dass die Liebe zum Partner größer sei als die Abneigung gegen Fleisch.
Sofort auf einer Ebene
Claudia Stanke und Steffen Mödinger brauchen über unterschiedliche Essgewohnheiten nicht zu streiten. Die beiden sind Veganer und wohnen seit anderthalb Jahren zusammen. Wenn beide vegan leben, erspart das reichlich Konflikte, sagt die Neunzehnjährige, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Mainzer Altenpflegeheim macht. Schließlich muss man nicht ständig mit ansehen, wie der andere Fleisch zubereitet und isst. Dank ihrer Ernährungsprinzipien herrscht auch bei verwandten Themen Übereinstimmung, zum Beispiel, wenn es um Prinzipien der artgerechten Tierhaltung geht. Genau, da ist man sofort auf einer Ebene, stimmt ihr Freund Steffen zu. Der 27 Jahre alte Pädagogik-Student war früher mit einer Frau liiert, die keine besonderen Ernährungsgrundsätze befolgte und Fleisch aß. Das war selbstverständlich nicht der Grund dafür, dass man auseinanderging. Doch Diskussionen über das Essen habe es immer wieder gegeben, obwohl ich natürlich nicht versucht habe, sie am Esstisch umzustimmen, wie Mödinger feststellt. Unabhängig davon, wie viel Mühe sich beide gaben, Verständnis für die Prinzipien des anderen aufzubringen, fielen doch häufig Sätze wie: Ich könnte mir nicht vorstellen, Fleisch zu essen und Ich könnte mir nicht vorstellen, vegan zu leben.
Solche Unterschiede in der Lebensführung sind nach Meinung von Wolfgang Hantel-Quitmann, Familienpsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, eine positive Herausforderung: Wenn beide Partner gleich leben und denken, stirbt man vor Langeweile in Harmonie. Gerade Unterschiede machen eine Beziehung dynamisch, und so entwickelt sie sich weiter. Wenn der Partner nach rigiden Ausschlusskriterien gewählt wird, droht nach Meinung des Familienpsychologen leicht eine Art Fanatismus. Das gelte nicht nur für die Vegetarierin, die keinen Fleischesser neben sich duldet, sondern auch für den militanten Nichtraucher, dem eine Glimmstengel-Freundin ein Graus ist. Das in all den Internetpartnerbörsen betriebene Matching halte ich generell für den falschen Ansatz. Der eine verzichtet auf Fleisch, also muss das der andere auch tun, so Hantel-Quitmann - solch eine Übereinstimmung sei mitnichten eine Garantie für den Erfolg der Beziehung. Schon Kant habe gewusst, dass sich über Geschmack sehr wohl streiten lasse.
Love is green
Wer auf die Internetseite www.loveisgreen.org klickt, will über Essen und Geschmack allerdings nicht streiten. Seit 2001 betreibt der Veganer Joachim Schoder das nach seiner Aussage aus der Not geborene Forum. Schoder suchte im Internet nach Gleichgesinnten, doch alles, was er finden konnte, waren kommerzielle Angebote, meist englischsprachig und kostenpflichtig. So entwickelte der Programmierer selbst eine Internetseite. Auf der schlichten Plattform können Vegetarier, Veganer, Frutarier, Freeganer und Rohköstler aller Art nach Briefkontakten, Freunden und Beziehungen suchen. Bald sprach sich das Angebot herum. 2004 stellten lediglich sechzig Teilnehmer ihr Profil auf die Website, heute sind es circa 1500, und monatlich zählt Schoder 16.000 Besucher. Gewinn ist nach Aussage des Gründers nebensächlich. Was ihm Spaß mache, sei vielmehr, Gleichgesinnte zusammenzubringen und Amor zu spielen. Auch Claudia Stanke und Steffen Mödinger, das Veganer-Paar, haben sich auf der Love is green- Plattform gefunden.
Ob Vegetarier und Fleischesser zusammenleben können, wird auch andernorts im Netz heftig diskutiert. In der Yahoo-Community fragte ein Mitglied mit dem Namen Lhor2 kürzlich: Ist es verbohrt, eine ernsthafte Beziehung nur in Betracht zu ziehen, wenn der Partner wie man selbst Vegetarier ist? Zwanzig Leute antworteten, teils kritisch (eher unglaublich stur und überheblich), teils pragmatisch (Man kann Kompromisse finden), teils zustimmend (Eine Beziehung macht nur Sinn, wenn man eine gemeinsame Basis hat). Eigene Erfahrungen wurden als Beleg angeführt. Ein Community-Mitglied ohne Namen stellte kategorisch fest: Vegetarier sollten nur mit Vegetariern verkehren, sonst gibt es schnell Probleme.
Weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet
Selbst unter Vegetariern gibt es Unterschiede, was Prinzipien und Gewohnheiten angeht. Das hat die Psychologin Kristin Mitte von der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität herausgefunden, die in einer im Internet verbreiteten Umfrage die Motive von mehr als 4000 Vegetariern erforschte. Die Mehrzahl der Antwortenden war weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebte in einer Großstadt. Mitte definierte drei Typen von Vegetariern: Die Moralischen essen kein Fleisch, weil sie es ablehnen, dass Tiere getötet werden. Die Gesundheitlichen fühlen sich dank pflanzlicher Ernährung körperlich wohler oder scheuen Fleischgerichte wegen der Lebensmittelskandale. Die Emotionalen schließlich ekeln sich schlicht und einfach vor toten Tieren. Diese Typisierung spielt nach Aussage der Psychologin auch bei der Frage eine Rolle, wie konfliktreich eine Beziehung zwischen Vegetarier und Fleischesser ist. Die moralischen Vegetarier ärgern sich besonders über Mitmenschen, die Fleisch essen, weil es ihnen um allgemeingültige Werte wie das Recht auf Leben geht, sagt Mitte. Das Beziehungsverhalten wurde in der Studie zwar nicht speziell untersucht. Dennoch lässt sich aus den Ergebnissen ableiten, dass es wohl am ehesten bei dieser Gruppe zu Problemen kommt.
Thomas Wohlhaupter lebt seit zehn Jahren vegetarisch und ist einer der emotionalen Vertreter der Spezies. Fleisch und Wurst schmeckten ihm einfach nicht, sagt er. Dass seine Freundin Fleisch isst, spielt keine große Rolle - Streit gab es deshalb noch nie, nicht einmal, als man sich kennenlernte, wurde darüber lange diskutiert. Ich hab das eher so nebenbei erwähnt, erzählt der Zwanzigjährige, der gerade seinen Zivildienst ableistet. Beim gemeinsamen Kochen habe ich meiner Freundin sogar schon angeboten, sich ein Stück Fleisch dazu zu machen, aber das will sie gar nicht. So steht häufig Pasta in allen Variationen oder Reis-Gemüse-Pfanne auf dem Speiseplan. Welches Restaurant gemeinsam aufgesucht wird, darf dafür aber die Freundin bestimmen. Zur Not gibt sich Wohlhaupter im Lokal mit einem gemischten Salat zufrieden.
Was ist verboten, was erlaubt?
Vegetarier: Die Mehrzahl dieser Spezies bezeichnet sich als Ovo-Lacto-Vegetarier. Sie verzichten zwar auf Fleisch und Fisch, Produkte von getöteten Tieren also, nehmen aber Eier und Milch zu sich. Ferner gibt es den Ovo-Vegetarier (keine Milchprodukte, aber Eier) sowie den Lacto-Vegetarier (keine Eier, aber Milchprodukte).
Veganer: Der Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel kennzeichnet den Veganer. Neben Fleisch und Fisch stehen Milch, Eier und Honig auf der Tabu-Liste. Häufig lehnen Veganer zusätzlich andere tierische Produkte wie Leder oder Wolle ab.
Frutarier: Auf dem Teller eines Frutariers landet nur, was nicht ermordet wurde. Dazu zählt der Frutarier neben Fleisch und Fisch auch Pflanzen, die durch die Ernte absterben, beispielsweise Kartoffeln oder Kopfsalat. Nur jene Früchte, Nüsse und Beeren, die sich ohne menschliches Eingreifen anbieten - also der Apfel, der vom Baum fällt - sind erlaubt.
Freeganer: Der Versuch, kostenlos zu leben, ist typisch für den Freeganer, der damit Konsumkritik übt. Deshalb geht es oft nicht nur um Nahrung for free, sondern auch um Kleidung oder Unterkunft. Freeganer suchen ihre Lebensmittel im Abfall oder schnorren bei Händlern. Nicht alle halten sich dabei an die Regeln der Veganer.
Rohköstler: Ausschließlich ungekochte Nahrung steht auf dem Speiseplan von Rohköstlern. Dabei muss die Ernährung nicht zwangsläufig vegetarisch sein. Manche Rohköstler greifen auch zu Matjes oder Tartar.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 56
Bildmaterial: F.A.Z.-Gerd Huss