Von Sascha Zoske
15. April 2008 Die Tür ist wirklich abschreckend. Zwei schwere Stahlflügel mit schmalem Glaseinsatz, der weiße Lack ramponiert, grobe Rohre als Griffe. Wer an ihnen zieht, rechnet damit, gleich einem Lagerverwalter gegenüberzustehen, der misstrauisch fragt, was man zu liefern habe. Aber der Flur hinter der Tür ist leer, und über das saubere Treppenhaus erreicht der Besucher unbehelligt die Sexualmedizinische Ambulanz. Hier erinnert nichts mehr an den Wirtschaftstrakt eines Krankenhauses. Gänge und Räume sind frisch renoviert, das Ambiente lässt an eine Eheberatungsstelle denken. Niemand trägt hier einen weißen Kittel. Auch Sophinette Becker nicht.
Die Leiterin der Ambulanz hat ein schönes Büro mit Teppich und bequemen Sitzmöbeln. Sie weiß, dass der Lieferanteneingang nicht besonders einladend ist. Trotzdem ist sie froh, dass es ihn gibt. Ihr Wunsch war es, dass die Patienten nicht durch das Hauptportal der Psychiatrie müssen, wenn sie zu ihr wollen. Die Hürde soll nicht noch höher werden, als sie ohnehin schon ist. Denn Becker ist nicht freiwillig hierhergezogen. Ihre Ambulanz am Frankfurter Universitätsklinikum war Teil des Instituts für Sexualwissenschaft, dessen Leiter Volkmar Sigusch 2006 in den Ruhestand ging. Das Institut wurde aufgelöst, die Patientenbetreuung dem Zentrum der Psychiatrie zugeordnet. Nach Siguschs Meinung war das ein schlimmer Fehler; ein Leben lang, sagte er damals, habe er sich dagegen gewehrt, sexuelle Störungen zu psychiatrisieren.
Becker hatte seinerzeit ebenfalls vor den Folgen des Umzugs gewarnt: Ratsuchenden könnte die neue Adresse suspekt sein. Seit einem Jahr arbeitet sie nun in der psychiatrischen Klinik, und sie ist überzeugt: Die Schwelle ist höher geworden. Bestimmte Patientengruppen fänden inzwischen seltener den Weg in die Ambulanz. Intersexuelle Menschen zum Beispiel, die körperliche Merkmale beider Geschlechter aufwiesen und oft traumatische Erfahrungen mit Ärzten gemacht hätten. Auch Frauen, deren sexuelles Empfinden beeinträchtigt ist, sieht Becker nicht mehr so oft. Genug zu tun hat sie trotzdem. Vor allem Transsexuelle bitten häufig um Termine - die Psychologin gilt als Expertin für die Nöte dieser Menschen, die sich in einem Körper mit dem falschen Geschlecht gefangen fühlen.
Insgesamt zählt die Ambulanz derzeit 130 bis 150 Neuanmeldungen im Jahr. Das scheint nicht viel zu sein, doch die Betreuung der Patienten ist sehr aufwendig, wie Becker erklärt. Sie und ihr Kollege Folker Fichtel investierten viel Zeit, um die richtigen Diagnosen zu stellen, und bemühten sich dann, Therapeuten für die Hilfsbedürftigen zu finden. Um schwer Vermittelbare kümmere sich die Ambulanz oft lange Zeit selbst. Seit Siguschs Weggang muss Becker zudem viele fachliche Anfragen beantworten. Ständig bekomme ich Mails. Ihre wissenschaftliche Arbeit leidet darunter; auf eine geplante Publikation musste sie verzichten. Auch die zweijährigen Fortbildungen in Sexualtherapie, die sie früher am Institut organisierte, kann sie nicht mehr abhalten. Dabei würde sie das Weiterbildungs- und Beratungsangebot gerne erweitern. So kämen etwa seit einiger Zeit mehr Pädophile, die ihre Neigung unter Kontrolle bringen wollten. Aber dieser Nachfrage können wir mit zwei Leuten nicht gerecht werden. Trotz solcher Schwierigkeiten wirkt die resolute Therapeutin nicht verbittert; sie scheint entschlossen, das Beste aus ihrer Lage zu machen. Immerhin ist die Ambulanz erhalten geblieben. Man hätte auch alles streichen können. Unklar ist allerdings die künftige personelle Ausstattung. Der Vertrag von Folker Fichtel läuft laut Becker im September aus. Die Ambulanzleiterin erwartet, dass die Stelle wiederbesetzt wird - so sei es damals bei der Schließung des Instituts vereinbart worden.
Konrad Maurer, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, will sich zu dieser Frage nicht äußern, ebenso wenig wie zu der Professur für Sexualmedizin, die Siguschs Lehrstuhl laut Beschluss des Fachbereichs Medizin ersetzen soll. Was hier geplant ist, erläutert Dekan Josef Pfeilschifter: Zuerst werde ein Nachfolger für Maurer gesucht, der Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Auch die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie brauche demnächst einen neuen Leiter. Wenn beide Professuren besetzt seien, werde man sich der Sexualmedizin widmen. Das kann noch zwei Jahre dauern, glaubt Becker.
Dass die Sexualmedizinische Ambulanz eine Bereicherung für die Psychiatrie sei, bekunden sowohl Maurer als auch Pfeilschifter auf Anfrage gerne. Laut Maurer soll versucht werden, die Einrichtung künftig als sogenannte Ermächtigungsambulanz zu führen, deren Arbeit von den Krankenkassen besser vergütet werde. Wie es mit der Ambulanz weitergehe, werde von ihrer Wirtschaftlichkeit abhängen, sagt der Chefarzt.
Gerade der Zwang zur Ökonomisierung ist es allerdings, der Becker Sorgen bereitet. Zwar konnte die Ambulanz gerettet werden, doch davon abgesehen ist von der Sexualwissenschaft in Frankfurt praktisch nichts mehr übrig. Nachdem die Mediziner das Aus für das Institut beschlossen hatten, wollte ihm kein anderer Fachbereich Asyl bieten. Jetzt verweist die Psychologin auf die Universität Hamburg, wenn nach einer renommierten Forschungsstätte auf diesem Gebiet gefragt wird. Aber auch der Fortbestand des dortigen Instituts sei nicht gesichert. Wenn das so weitergeht, fürchtet Becker, könnte das Fach irgendwann sterben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann
