Die lieben Kleinen (5)

Windeln, wickeln, nie verzagen

Von Sigrid Tinz

13. Dezember 2004 Schreien, Schlafen und Trinken ist in den ersten Wochen und Monaten Babys liebster Zeitvertreib. Doch der absolute Dauerbrenner unter all den Themen, mit denen sich werdende Eltern beschäftigen, läßt sich mit den Worten miktieren und defäkieren umschreiben. Zu deutsch: Pipi und Kaka.

Schon lange vor der Geburt ihres Kindes haben sie sich eingearbeitet. Längst haben sie entschieden, ob der Wickeltisch im Bad oder im Schlafzimmer aufgebaut wird, haben Windeln gekauft, Waschlappen, Wickeltasche und einen luftdicht schließenden Mülleimer. Bald darauf besprechen sie beim Frühstückskaffee Probleme wie rote Haut und Pickelchen, Blähungen und Verstopfung. Und spätestens nach einem Jahr überlegen sie ernsthaft, wann und wie der Nachwuchs am besten sauber werden könnte.

Plastik oder Stoff

Etwa 95 Prozent der deutschen Kinder tragen Plastik-Papier-Einmal-Wegwerfwindeln. Das ist viel, viel praktischer als der Gebrauch von Stoffwindeln - und manches Elternpaar mag auch vor den vielen Varianten des Stoffwickelns kapituliert haben. Denn da lauern die wirklich entscheidenden Fragen schon beim Material: Bindewindel oder Höschen? Aus Mull, Molton oder Baumwollstrick? Die Einlage aus hautsympathischer Bouretteseide oder aus einfach zu entsorgendem Zellstoffvlies? Und obendrüber Gummi, damit außen alles schön trocken bleibt? Besser Goretex, damit der Po atmen kann und zu den Ausscheidungen nicht noch Schwitzwasser kommt? Oder Schafwolle? Die saugt die Nässe nach außen, bindet den Urin und muß wenig gewaschen, dafür aber regelmäßig nachgefettet werden.

"Stoffwickel-Eltern machen sich mehr Gedanken und tanzen gern aus der Reihe des allgemein Üblichen. Wie wir", sagt die Mutter der fünfjährigen Christine und der dreijährigen Helene. "Unser Christinchen wollten wir nicht in ein Schwitzpaket aus Plastik packen, sondern nur in flauschige Baumwolle. Umweltfreundlicher schien es uns außerdem." Das allerdings ist vielleicht ein Trugschluß. Denn es gibt dazu keine aktuellen Studien mit eindeutigen Ergebnissen.

Äpfel und Birnen

Möglicherweise hüten die Wegwerfwindelhersteller ihre Daten, möglicherweise ist es aber auch ähnlich schwierig, Stoff und Papier miteinander zu vergleichen wie Äpfel und Birnen. Papierwindeln verbrauchen Energie und Rohstoffe, im wesentlichen Wälder. Das ist nicht gut. Aber Stoffwindeln verbrauchen Wasser. Der Lebensweg einer Papierwindel nach der Herstellung und Benutzung endet recht klar: im Müll. Aber wie lange lebt eine Stoffwindel? Wie oft wird sie gewaschen und wie heiß? Wird sie noch klar nachgespült oder gar gebügelt? Weder das Verbraucherministerium noch das Bundesumweltamt oder Greenpeace liefern eine klare Antwort, wie man sich da am umweltfreundlichsten verhält.

Vermutlich, indem man gar keine Windeln benutzt. Das spart zudem Geld und eine Menge Grübeleien. Zum Beispiel darüber, ob Einmalwindeln unfruchtbar machen, weil die Hoden zu warm werden (oft vermutet, nie bewiesen). Oder ob in der Baumwolle Pestizide lauern. Oder ob der Saugkern einer modernen Windel nicht nur ein High-Tech-Produkt, sondern vielleicht auch eine Giftbombe ist. Viele Eltern verzichten ohnehin ganz. Vor allem in Asien und Afrika - dort aus alter Gewohnheit - und neuerdings in Nordamerika.

Ideologisch unterfüttert, nennt sich das "natürliche Säuglingspflege" und sieht folgendermaßen aus: Die Eltern tragen ihr Kind viel, am besten Haut an Haut, und bemühen sich, seinen Rhythmus zu erspüren - Stillen, Schlafen, Schmusen und eben auch, wann sich Blase und Darm regen. Dann halten sie es über das Klo oder ein Schüsselchen, unterwegs ins Gebüsch, oft begleitet von dem immer gleichen Signallaut, damit sich das Kleine und seine Schließmuskeln an das Prozedere gewöhnen. Erwiesenermaßen quäken oder zappeln Neugeborene einige Sekunden vor ihren Geschäften - reagieren die Eltern darauf nicht, verliert sich das schnell.

Natürliche Säuglingspflege

Liebevoll und geduldig ausgeführt, dürfte natürliche Säuglingspflege kaum schaden. Etwas besonders Gutes tut man sich und seinem Baby allerdings auch nicht: Etwa dreißigmal pro Tag pinkelt ein Neugeborenes, muß es übers Schüsselchen gehalten werden, tags wie nachts, und große Geschäfte gibt es ebenfalls mehrmals täglich. Wickeln ist nicht nur Entsorgung von Verdauungsprodukten, sondern auch Kuscheln, Schmusen, Spielen. Und ältere Kinder fühlen sich häufig gestört, wenn sie vom Spielen oder des Nachts aufs Klo getragen werden.

Einen Vorteil hat die Sache jedenfalls: Ob unverträgliche Waschmittelreste, Kunststoffe oder "scharfer Urin" (bei dem die Eltern meistens Paprika, Weintrauben beziehungsweise Impfen oder Zahnen in Verdacht haben) - wo nichts die Haut berührt, kann sie auch nichts reizen. Oder schlimmer, sie anfressen. Wenn nämlich großes und kleines Geschäft zusammentreffen, wenn sich der Urin zersetzt und das entstehende Ammoniak den pH-Wert in der Windel ansteigen läßt, aktiviert das Enzyme im Kot. Daß Ergebnis heißt Windeldermatitis, sieht unschön aus und tut weh.

Den Po gut lüften

Wie können herkömmlich wickelnde Eltern das Wundsein vermeiden? Manche Ärzte, Hebammen und andere Windelexperten empfehlen: den Po so oft wie möglich lüften. Bei jedem Wickeldurchgang das Baby ein paar Minuten nackt strampeln lassen. Zwischendurch auch mal im gut geheizten Bad oder auf dem sonnigen Balkon. Nur mit Wasser waschen, ein bißchen Öl allenfalls, um angetrocknete Reste ohne Rubbeln abzukriegen. Immer gut trocknen lassen. Feuchttücher höchstens unterwegs verwenden.

Keine Puder, keine zentimeterdicke Schicht Penatencreme, denn das verstopft die Poren und die Saugschicht einer modernen Windel, das Kind liegt dann erst recht im Nassen. Nur dünn cremen, einmassieren und einziehen lassen. Ist der Po rot, eine Salbe mit Zink oder Gerbstoffen nehmen. Und wenn zur Rötung noch Bläschen und Pickel dazukommen, läßt man am besten mal den Doktor in die Windel schauen. "Es könnten Pilze oder Bakterien sein", sagt der Kinderarzt Andreas Busse aus Tegernsee. "Die breiten sich auf gereizter und empfindlicher Babyhaut besonders leicht aus und müssen mit speziellen Cremes behandelt werden."

Unter einer Trennschicht

Busse sieht beim Thema Wundsein die moderne, permanent erforschte und alle halbe Jahre noch verbesserte Einmalwindel leicht im Vorteil. Besonders hat es ihm der Saugkern angetan: "Dieses Gel aus Polyacrylat saugt erhebliche Mengen Urin auf, bindet sie unter einer Trennschicht und hält sie auch dort." Also schön weit weg vom zarten Babypopo und seinem reaktiven Haufen. Andere Ärzte und viele Hebammen halten dagegen immer noch Stoffwindeln für besser. Der Mannheimer Kinderarzt Falko Panzer empfiehlt den Eltern wunder Kinder ganz undogmatisch einen Technikwechsel: Wer mit Papier wickelt, soll künftig eben Stoff nehmen, wer Stoff nimmt, greift zum Papier. Das Ergebnis der Diskussion ist also eindeutig unentschieden. Ähnlich steht es um die Frage, ob und auf welche Weise Stoffwindeln (und welche Maßnahmen überhaupt) das Trockenwerden beschleunigen.

Das Thema Sauberkeitserziehung lag beispielsweise Christines Uroma besonders am Herzen. Sie kam regelmäßig sonntags beim Streuselkuchen darauf zu sprechen. "Und zwar jedes Mal, wenn die Kleine rot anlief, sich in ihr Stühlchen hängte und stöhnend ihr Geschäft erledigte", erinnert sich Christines Mutter. Uromas Kinder trugen seinerzeit mit eineinhalb selbstverständlich schon lange keine Windeln mehr. Sauber und trocken waren sie wahrscheinlich trotzdem nicht, zumindest nicht nach wissenschaftlicher Definition. Denn die fordert vom sauberen Kleinkind folgendes: Harn- und Kotdrang spüren, verstehen, was sich da ankündigt, und rechtzeitig reagieren. Im Notfall noch ein bißchen einhalten können und auch auf Vorrat zur Toilette gehen können. Nachts trocken durchschlafen und bei Bedarf rechtzeitig von alleine aufwachen.

Blase und Darm unter Kontrolle

"Das ist in erster Linie ein Reifungsprozeß", sagt Andreas Busse. Die Anatomie von Blase und Darm muß sich genauso entwickeln wie die Nervenbahnen, erst dann können Verdauungssystem und Gehirn miteinander kommunizieren. Das ist meist im Laufe des zweiten Lebensjahres der Fall und läßt sich weder durch Stoffwindeln noch durch natürliche Säuglingspflege oder Töpfchentraining wesentlich beschleunigen. In den fünfziger und sechziger Jahren, als es üblich war, spätestens mit einem Jahr regelmäßig getopft zu werden, hatten die Kinder Blase und Darm auch nicht früher unter Kontrolle als heute. Das jedenfalls ergab eine Studie des Schweizer Kinderarztes Remo Largo.

Die richtige Reihenfolge lautet also: erst Entwicklung, dann Erziehung. Das Kind muß begreifen: Was kommt da hinten raus, und was macht man als zivilisierter Mensch damit? Wieviel Zeit muß ich einkalkulieren, damit ich rechtzeitig auf dem Klo bin? Was muß ich da machen (Hose runter, Deckel hoch, abputzen, Deckel runter, spülen, Hose hoch, Hände waschen)? Und wo ist das stille Örtchen bei Freunden oder im Kindergarten?

Glaubenskriege mit der Uroma

Diese Phase ihres Nachwuchses werden stoffwickelnde Eltern wohl auch heute noch engagierter angehen, selbst wenn sie nicht mehr jeden Abend die Ration Windeln für den nächsten Tag auf dem Herd kochen müssen. Und auch stoffgewickelte Kinder merken eher, daß der Hintern naß ist, wenn er naß ist. Ein Gütezeichen für den Erfolg der mütterlichen Erziehung ist schnelles Sauberwerden aber nicht mehr.

Verunsichert sind viele Eltern trotzdem, wie Christines Mutter nach den Glaubenskriegen mit der Uroma. Würden sie es zusammen schaffen? Immer zu begleiten, nie zu drängen? Bloß nicht die anale Phase durcheinanderbringen, aber auch nicht bremsen und womöglich den richtigen Zeitpunkt verpassen! Wie viele Fehler darf man überhaupt machen, ohne total verklemmtes Sexualverhalten und jahrelanges Einnässen zu provozieren? Fest steht: Mehr als drei Viertel aller Kinder sind bis zu ihrem dritten Geburtstag trocken und sauber, fast alle dann bis zum Ende des vierten Lebensjahres. Aber auch wer auf die Fünf zugeht und hin und wieder im Eifer des Playmobilgefechts oder nachts im Bett vergißt, aufs Klo zu gehen, gilt noch nicht als entwicklungsgestört.

Einzelfälle

Irgendwann sind die meisten sowieso soweit. "Erstkläßler, die gewickelt werden müssen, sind Einzelfälle", sagt Axel Iseke, Kinderarzt beim Gesundheitsamt in Münster. Verläßliche Zahlen gab und gibt es freilich nicht. "Wenn es nicht sein muß, redet man nicht darüber - und Bettnässen stört den Schulalltag ja auch nicht." Ob früher alles besser war oder schlechter, läßt sich demnach schwer beweisen.

Wenn ältere Kinder oder Kinder, die schon einmal trocken waren, sich einnässen oder einkoten (oder beides), sollten die Eltern mit ihnen zum Arzt gehen. Nur der kann feststellen, ob organische Ursachen vorliegen - wie zum Beispiel Inkontinenz oder chronische, explosionsartig überlaufende Verstopfung - oder seelische Ursachen, was viel häufiger ist. Zusammen mit den Eltern wird er in solchen Fällen nach Gründen und dem besten Behandlungskonzept suchen.

Auf dem Weg zur Sauberkeit

Oft reagieren Kinder durch Bettnässen auf einen Streit, eine schlechte Note oder ein peinliches Mißgeschick am vorangegangenen Tag. Vielen hilft es schon, darüber zu reden und einen bescheidenen Tag durch Belohnung in Form eines Spieleabends, einer Portion Pommes mit Hähnchen oder einer Kissenschlacht in einen schönen Tag umzuwandeln, plakativ gesagt, das Muster "Kummer - Pinkeln - Zuwendung" in das Muster "Kummer - Zuwendung - kein Pinkeln" umzudrehen. Oder durch sportliche Erfolge das Selbstbewußtsein zu stärken. Hausmittelchen wie abendliche Trinkverbote, nächtliches Wecken oder ein Pflaster auf der Harnröhre nützen dagegen nichts, können aber viel schaden.

Kleinere Umwege und Rückfälle gibt es ohnehin bei fast allen Kindern auf dem Weg zur Sauberkeit. Wie bei Christine: als sie ihren Töpfcheninhalt durchs Bad rollte und nicht verstand, warum die Mutter sich am Spiel mit dem heißersehnten Häufchen nicht beteiligen wollte. Oder als sie nur noch Unterhosen und keine Windel tragen wollte und alle paar Stunden voller Stolz rief: "In Slüpfer gepullert." Irgendwann war ihr Vater restlos genervt. Woraufhin sich Christine irritiert zeigte. Sie wollte ein paar Tage gar nicht auf den Topf, übte dann aber eifrig weiter. Ähnlich war es, als die Familie umzog und die kleine Schwester zur Welt kam.

Trocken und sauber

Bei zweiten Kind, Helene genannt, waren die Eltern dann schon um einiges gelassener. "Und bequemer", sagen sie. Helene trug Papierwindeln. Erst unterwegs, dann auch nachts, weil sie jeden Morgen wie eine Bahnhofsunterführung roch, schließlich ständig. Nach Hunderten von Wäschen waren Christines abgelegte Windeln obendrein so flauschig nicht mehr.

Helene war eineinhalb Jahre alt, da rannte sie allen aufs Klo nach. Die Eltern ließen sie gewähren, und Christine zeigte ihr den Gebrauch von Spülung, Bürste und Klopapier. Einige Wochen später zappelte Helene herum, wenn sie Pipi mußte, und verzog sich fürs große Geschäft ins Spielhaus. Die Eltern zogen ihr statt Windeln Einmalhöschen an, statt Latzjeans Pluderhosen mit Gummizugbund. Ohne große Umstände war sie mit zwei Jahren trocken und sauber. Und das Tag und Nacht.
Ihre Eltern freuten sich - nach immerhin fünf Jahren - auf das erste Familientreffen mit Großeltern, Onkels und Tanten ohne Pipi und Kaka und die dazugehörigen Diskussionen. Leider zu früh: Ein Zoobesuch war geplant, Helene und Christine ließen sich die Tiere vorab nach Äpfelchen, Würsten, Haufen, Köddel und Fladen sortieren. Später beim Kaffee schleppten die beiden dann ihr Lieblingsbuch von Onkel zu Onkel und von Tante zu Oma. Sein Titel: "Der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat".

Mit dieser Folge ist unsere Serie "Die lieben Kleinen" zu einem vorläufigen Ende gekommen. Sobald die Tochter der Autorin aus dem Gröbsten heraus ist, planen wir eine Fortsetzung.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.12.2004, Nr. 50 / Seite 71
Bildmaterial: Isabel Klett

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