03. Februar 2005 Die Behandlung der an Altersdemenz leidenden rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland ist nach Ansicht der Deutschen Ärzteschaft verbesserungswürdig. Die Versorgungsqualität sei - je nach Informations- und Ausbildungsstand der Ärzte - sehr unterschiedlich.
Vielfach würden Medikamente von zweifelhafter Wirksamkeit verschrieben, obwohl nachgewiesen wirksame Präparate vorhanden seien, sagte Hermann-Josef Gertz von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft am Donnerstag. Die Kommission legte in Berlin neue Leitlinien zur Behandlung der Krankheit vor, die viele Menschen im Alter befällt und von Vergeßlichkeit bis zur völligen Orientierungslosigkeit führen kann. Die Leitlinie soll den Ärzten als Grundlage für eine rationale Therapie dienen. Demenz wird wegen der wachsenden Alterung der Gesellschaft nach Meinung der Fachleute in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Menschen befallen.
Zusätzliche Behandlung mit Antidepressiva und Neuroleptika
Gertz machte zugleich deutlich, daß die Behandlungsmöglichkeiten auch der modernen Medizin begrenzt seien. So schlage lediglich bei jedem vierten Patienten eine medikamentöse Behandlung an. Auch dann gelinge es derzeit lediglich, die Verschlimmerung der Krankheit um durchschnittlich ein Jahr zu verzögern. Ziel müsse es deshalb sein, diese Zeitspanne, wie bei der Alzheimerkrankheit, auf bis zu acht Jahre hinauszuschieben. Gertz appellierte an die Ärzte, bei den Therapien moderne Medikamente zu berücksichtigen. Die Wirksamkeit des mit weitem Abstand am häufigsten verordneten Präparates, eines Gingkoextraktes, sei sehr zweifelhaft. In der neuen Leitlinie, deren Hauptautor Gertz ist, werden mehrere neue Substanzen zur Demenzbehandlung genannt. In die Neufassung habe man vor allem die zusätzliche Behandlung mit Antidepressiva und Neuroleptika aufgenommen. Dadurch sollen Depressionen und Verhaltensstörungen wie eine übergroße Aggressivität behandelt werden.
Die bei der Bundesärztekammer angesiedelte Arzneimittelkommission wies in der Vergangenheit mehrfach geäußerte Kritik als falsch zurück, wonach die sogenannten Anti-Dementiva praktisch wirkungslos seien und das dafür eingesetzte Geld besser für die Pflege alter Menschen eingesetzt werde. Die Ärzte hätten zudem die Verpflichtung, auch kleine persönliche Verbesserungen der Lebenssituation der Patienten anzustreben. Zu den Nebenwirkungen von Anti-Dementiva zählen allerdings, wie es in den neuen Therapieempfehlungen heißt, Erbrechen, Durchfall und Schlafstörungen. Gertz sagte jedoch, diese Symptome träten meist nur in der Anfangsphase der Behandlung auf und seien kein entscheidendes Problem.
Demenz bei jedem Fünften über 80 Jahren
Ausdrücklich kritisierte der Geschäftsführer der Kommission, Heiner Berthold, den Leiter des neuen Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin, Peter Sawicki. Der habe die Wirksamkeit einer medikamentösen Demenz-Behandlung bereits bezweifelt, ehe sein Institut überhaupt beauftragt worden sei, darüber eine Studie anzufertigen. Es ist schwierig, wenn der Leiter des Instituts vor der Evaluation das Ergebnis vorlegt, sagte Berthold. Der Auftrag war kürzlich vom Bundesausschuß der Ärzte und Kassen an das als Folge der Gesundheitsreform gegründete Institut ergangen.
Nach Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft ist heute bereits jeder fünfte Mensch im Alter von mehr als 80 Jahren von Demenz betroffen. Die Zahl werde bis zum Jahr 2010 auf etwa 1,5 Millionen steigen. Das Risiko zu erkranken steige mit dem Alter. Rund zwei Drittel der Patienten würden zu Hause gepflegt. Mit zunehmendem Krankheitsverlauf würden allerdings mehr Erkrankte in einem Pflegeheim betreut, zuletzt seien es rund 40 Prozent gewesen. Die wachsende Zahl von Demenzkranken ist ein Grund für die Debatte um die Finanzreform der Pflegeversicherung. Leistungen für diese Patienten werden durch die Pflegeversicherung nicht oder nur unzureichend abgedeckt.
Text: ami. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2005, Nr. 29 / Seite 7
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb