Aidsepidemie

Neue Männer braucht das Land

25. November 2004 Südafrikas Frauen haben düstere Perspektiven: Rund einem Drittel von ihnen droht statistisch mindestens einmal im Leben eine Vergewaltigung, jede Minute wird mindestens einer Frau Gewalt angetan - oft gleich von mehreren Tätern.

Trinken Frauen Alkohol, signalisieren sie nach Ansicht von mehr als einem Viertel aller jungen Männer in Johannesburgs schwarzer Vorstadt Sowetoden den Wunsch nach Sex. Trägt diese Frau auch noch einen Minirock, sind sogar 42 Prozent nach einer Umfrage des Bevölkerungsrats von diesem Irrglauben überzeugt.

Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, der in Bezug auf Aids-Kampagnen nicht unumstritten ist, wittert bei derartigen Befunden oft rassistische Umtriebe. Als ein Abgeordneter der Opposition wissen wollte, welche Auswirkung die ungewöhnlich hohe Zahl von 52.733 Vergewaltigungen pro Jahr auf die Aidsepidemie im Lande habe, reagierte Mbeki empfindlich. Noch immer sähen Weiße schwarze Männer offenbar pauschal als dumpfe, empfindungslose Sexbestien, meinte er. Doch in Südafrika ist das Verhalten zwischen den Geschlechtern nachhaltig gestört.

Aidsepidemie setzt Zerstörungswerk fort

In einer Gesellschaft, in der die Apartheid und das System der Wanderarbeiter jahrzehntelang die Strukturen in schwarzen Familien nachhaltig zerrissen hat, setzt die Aidsepidemie dieses Zerstörungswerk nun fort. Das Machtgefälle zwischen Mann und Frau spiegelt sich in der Aidsstatistik wider: Am Kap leiden doppelt so viele Frauen wie Männer an der Immunschwäche.

Viele infizierte der eigene Partner, der noch andere Sexualkontakte hatte, andere wurden bei einer Vergewaltigung angesteckt. „Die Verbindung zwischen der Ungleichheit unter den Geschlechtern und dem Tod war nie so direkt wie bei Aids. Es wird Zeit, daß die Frauen- und die Anti-Aids-Bewegung einander finden“, meint der Leiter des Aidsbekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen (UNAIDS), Peter Piot.

Das Forscherteam eines renommierten Marketinginstituts der Universität Kapstadt kam sogar zu dem Schluß, daß das Verhalten zwischen Mann und Frau am Kap künftig „die Rassenfrage als großes Thema ersetzen wird“. Es machte eine ohnmächtige Männerwelt verantwortlich, deren klassisches Rollendenken durch zunehmend selbstbewußter auftretende, gut ausgebildete Frauen ins Wanken gerät.

Väter können auch zärtlich sein“

Linda Richter, Abteilungsleiterin von Pretorias Sozialwissenschaftlichem Forschungsrat (HSRC), hat mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF Anfang des Jahres eine Initiative gestartet, die junge schwarze Männer als liebende und zärtliche Väter porträtiert und propagiert. Unmittelbarer Anlaß waren für sie die schockierenden Berichte über die Vergewaltigungen von Kleinkindern und deren Vernachlässigung.

„Es stimmt, daß afrikanische Männer oft als gefährlich, vernachlässigend und mißbrauchend angesehen werden. Aber sie können auch zärtlich sein“, sagt Linda Richter. Sie wollte mit einer Fotoausstellung überzeugen, bei der Kinder ihre Väter mit Einweg-Kameras aufgenommen hatten.

Bewußt wurden Fotos ausgewählt, die positiv und nicht anklagend wirken. Emotionale Erfahrung sollte den Weg zur neuen Väterlichkeit ebnen. Die Wanderausstellung löste landesweit Diskussionen aus. Nun will sie das Projekt ausweiten und buchstäblich hinter Gitter bringen: Als Multiplikatoren sollen so junge Straffällige nach der Entlassung durch stärkere Familieneinbindung stabilisiert werden.



Text: dpa
Bildmaterial: AP

 
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