Magersucht-Foren im Internet

Denn dünn bedeutet frei zu sein

Von Friederike Haupt

16. November 2007 Michelle ist zu fett. Meint zumindest ihre Freundin Ana. Michelle ist 18 Jahre alt, wiegt 46 Kilo bei 1,60 Meter, und dass sie nicht dünner ist, liegt einfach daran, dass sie zu viel isst. An einem Tag waren es zum Beispiel zwei Kartoffeln und ein Gurkensalat, an einem anderen drei Vollkorn-Knäckebrote mit Frischkäse Light und einer Messerspitze Marmelade. Neulich hatte Michelle Streit mit ihrem Schatz, wegen Ana, doch das ist vorbei. Michelle hat Ana verteidigt, und ihr Freund hat eingelenkt. Ana bleibt, auch wenn sie keine der Freundinnen ist, mit der man nach der Schule einen Döner essen geht. Denn „Ana“ ist die Kurzform von Anorexia nervosa: Magersucht.

Wie Michelle geht es immer mehr Mädchen: Ihnen ist ihre Essstörung zur vermeintlichen Freundin geworden. Pro-Ana heißt diese Bewegung, in der vor allem junge Mädchen ihre Magersucht personifizieren und zur Vertrauten machen. Teenager, die nicht nur hungern, sondern brechen, haben ihre „Freundin“ ebenfalls nach ihrer Krankheit getauft: Mia, wie Bulimia nervosa, Bulimie. Vor allem im Internet breitet sich der Trend zur idealisierten Krankheit aus. In zahllosen Weblogs schildern Mädchen wie Michelle Diätpläne, Brechmethoden, Erfolge und Rückschläge beim Abnehmen. Ihr schlechtes Gewissen, wenn sie eine Scheibe Brot zu viel gegessen und Ana enttäuscht haben, ihre Freude, wenn sie wieder einen Tag lang nur Tee zu sich genommen haben.

Die Bewegung kam aus Amerika

Der perfekte Körper, das steht fest für die Anhängerinnen von Pro-Ana und Pro-Mia, kann nicht dünn genug sein. Hosengröße 32 gilt als schick, hervorstehende Rippen und ein nach innen gewölbter Bauch als sexy. Hunger ist ihr Lebensgefühl, die Krankheit deuten sie als selbstgewählten Weg zu Schönheit und Erfolg, und über allem wachen: Ana und Mia. Vor rund zehn Jahren ist die Bewegung in den Vereinigten Staaten entstanden. Heute findet sie auch in Deutschland immer mehr Anhängerinnen. Wie viele der 600.000 essgestörten Frauen und Mädchen in Deutschland dabei sind, weiß niemand. Häufig löschen die Betreffenden ihre Internettagebücher nach wenigen Monaten, eröffnen neue mit anderen Namen, sind nur in Diskussionsforen aktiv oder stille Mitleser.

Georg Ernst Jacoby, Chefarzt des Fachzentrums für gestörtes Essverhalten „Klinik am Korso“ in Bad Oeynhausen, sieht die Lage mit Sorge: „Ich glaube, dass das weit verbreitet ist.“Im Vergleich zu den Magersüchtigen ohne Scheinfreundin – von ihnen sterben bis zu 15 Prozent an der Krankheit – seien die Pro-Anhänger noch gefährdeter. Denn der emotionale Druck, der durch die Verpflichtung gegenüber Ana und Mia auf den Mädchen laste, sei enorm. Wer den „Brief von Ana“, gewissermaßen das Manifest der Bewegung, gelesen hat, weiß, was Jacoby meint.

Der „Brief von Ana“

„Ich hoffe, wir werden Freunde“, heißt es zunächst scheinbar harmlos in dem Schreiben, das auf nahezu jeder Pro-Seite zu finden ist. Doch schnell geht es zur Sache: „Ich werde dich an deine Grenzen treiben. Du musst es ertragen, weil du dich mir nicht widersetzen kannst.“ Sorgen und Ängste seien Vergangenheit, denn alle Aufmerksamkeit müsse ab sofort auf das Kalorienzählen und das Austüfteln von Sportplänen verwendet werden. „Gott, du bist so eine fette Kuh“, schimpft die angebliche Freundin, um anschließend einzulenken: „Ich werde dir alle Tipps geben, die ich weiß, und du wirst leiden, aber das kommt davon.“ Geheimhaltung ist Pflicht, Eltern und Freunden gegenüber ist Stillschweigen angesagt: „Niemand kann diesen Panzer, mit dem ich dich beschütze, knacken. Ich habe dich geschaffen, dieses dünne, perfekte, seine Ziele erreichende Kind. Du gehörst mir.“

Eine Drohung, die vielen Mädchen wie ein Versprechen erscheint. Stolz sind sie auf ihre aufmerksam-besorgte Freundin. „Pro-Ana pathologisiert ein Auserwähltheitsgefühl“, sagt Mediziner Jacoby. Oft fühlen sich die Betroffenen ungeliebt und wertlos, kaum eine von ihnen schreibt nicht auch von Mobbing in der Schule, einem gestörtem Verhältnis zu den Eltern oder schlechten Erfahrungen in Beziehungen. „Viele sagen sich: Abnehmen ist das einzige, was ich kann. Sie wollen, wenn schon sonst alles schiefläuft, wenigstens das Projekt Magersucht hinkriegen.“

Gesunde werden zum Mitmachen verlockt

Und das mit allen Mitteln. Die Mädchen essen Watte oder trinken Maggi-Würze gegen das Hungergefühl, kurbeln die Verdauung mit Apfelessig und Zitronensaft an, wollen höchstens 500 Kalorien am Tag zu sich nehmen (so viel, wie ein Big Mäc hat). Allerlei Tipps sollen dabei helfen, die Eltern in Ahnungslosigkeit zu belassen: „Hab’ schon mit Freundinnen in der Stadt gegessen“, lautet eine gängige Ausrede. Manche stellen einen Teller mit Saucenresten in die Küche, ohne gegessen zu haben. Bilder magerer Vorbilder wie Victoria Beckham und Nicole Ritchie sind den Teenagern „Thinspiration“. Oft werden die Frauen mit Bildbearbeitungsprogrammen sogar noch dünner gemacht, als sie schon sind.

Fachleute streiten noch darüber, ob der Austausch auf den Internetseiten die Jugendlichen emotional stabilisiert oder weiter in ihre Krankheit treibt. Einig sind sie sich darin, dass die Gefahr groß ist, dass Gesunde beim Lesen getriggert, also zum Mitmachen verlockt werden. Klinikchef Jacoby ist für ein Verbot der Pro-Ana- und Pro-Mia-Internetseiten. Von denen sind inzwischen immerhin manche mit einem Passwort geschützt, das die Mädchen aber leicht bei der Betreiberin anfordern können.

„Better dead than fat“

Wolfgang Gawlik dagegen hält so ein Verbot für wirkungslos. Er ist Gründungsmitglied von hungrig-online.de, der größten deutschen Internet-Selbsthilfegruppe für Essgestörte. „Sperrungen sind leicht zu umgehen“, sagt er. Forenbetreiber säßen oft im Ausland und ließen sich von Verboten hierzulande nicht beirren. Sinnvoller sei es, Hilfsangebote mit niedriger Hemmschwelle zu machen. Das Auktionsportal Ebay jedenfalls hat nach öffentlichen Debatten schon im vergangenen Jahr Pro-Ana-Artikel wie Erkennungsarmbänder als „unzulässige Artikel“ deklariert. Yahoo, MSN und weitere Dienste lassen keine Diskussionsgruppen der Essgestörtenbewegung mehr zu. Aus Missgunst, meinen viele Mädchen. Neidisch seien die Dicken auf ihre schönen Körper, versuchten deshalb, sie zum Fettwerden zu zwingen.

Manche wehren sich besonders erbittert. „Atte“ ist die Abkürzung, die gelegentlich zu lesen ist: „Ana til the end.“ Eine Minderheit propagiert den Hungertod mit Parolen wie „Better dead than fat“ und pflegt Todeslisten. „Da heißt es: Im Tod bist du vereint mit deiner besten Freundin Ana beziehungsweise Mia. Und die Community forciert das“, meint Jacoby. Die Mehrheit der jungen Frauen wolle zwar lieber dünn sein und leben, nehme den Tod auf Raten aber unbewusst in Kauf. Helfen lassen will sich kaum eine Kranke – Ana und Mia verbieten es ja. Auch der einseitige Kontakt zu anderen Essgestörten im Netz ist wenig hilfreich. „Magersucht und Bulimie sind einsame Krankheiten“, sagt Hungrig-Online-Gründer Gawlik, der selbst einmal mit einer Magersüchtigen zusammen war. „Das gegenseitige Bestärken im Internet gibt den Mädchen ein Gefühl von Rückhalt.“

Essstörung als besondere Freundschaftsbeziehung

Mutter und Vater dächten dagegen oft, mit einem Butterbrot sei es getan – wenn sie überhaupt von der Krankheit wüssten. Solange die Essstörung als besondere Freundschaftsbeziehung betrachtet wird, sind Eltern und Freunde machtlos. Position beziehen, das Gespräch suchen, die Tochter zum Sport fahren, bevor sie allein durch den Wald joggt – viel mehr können besorgte Eltern nicht tun. „Oft vergeht der Stolz auf die eigene Disziplin frühestens beim Erbrechen“, sagt Jacoby. Dann sei es eher möglich, den Mädchen ihre Krankheit bewusstzumachen.

Manchmal funktioniert das auch anders: Die Betreiberin der Pro-Ana-Seite pro-ana-world.chapso.de verkündet seit Anfang November in großen Buchstaben auf ihrer Homepage: „Hier findet keine Pro-Ana-Seite mehr statt. Ich habe den Sinn für mein Leben gefunden, er heißt: Jesus Christus.“ Und weiter unten: „Bitte bitte seht euren Körper nicht so an, als würde sich alles um ihn drehen.“ Ihre neue Homepage namens „Himmel oder Hölle“ ist verlinkt. Der Besucherzähler zeigt dort „1 Besucher online“. Die stillgelegte Pro-Ana-Seite, auf der noch Rubriken wie „Anti Essen“ und „Model Training“ zu finden sind, lesen zur gleichen Zeit 17 Besucher.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa

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