14. Juli 2004 Bill Clinton wollte zuviel. Als der amerikanische Präsident 1997 die Entwicklung eines Aids-Impfstoffs innerhalb einer Dekade in Aussicht stellte, ahnte er nicht, daß das unmöglich war. Sieben Jahre später sind sich die Wissenschaftler auf der Aids-Konferenz in Bangkok einig: Frühestens in 10 bis 15 Jahren wird es einen auf der ganzen Welt verfügbaren Impfstoff geben.
Allerdings sind mittlerweile mehr als 30 Kandidaten vorhanden, die schon in 19 Ländern und auf allen Kontinenten an Menschen getestet werden. Jeder Impfstoff muß drei Phasen der klinischen Prüfung erfolgreich bestehen, eher er zugelassen und am Menschen angewendet werden darf: Zunächst wird an wenigen Freiwilligen die Sicherheit des Impfstoffs überprüft (12 bis 18 Monate), dann wird untersucht, ob der Impfstoff eine meßbare Immunantwort hervorruft (etwa zwei Jahre), zuletzt wird an Tausenden Freiwilligen die Wirksamkeit geklärt (mindestens drei bis vier Jahre). Anfang 2003 wurde eine solche Studie der Phase 3 in Nordamerika, wenig später auch in Thailand begonnen und ohne Erfolg abgeschlossen; der Impfstoff Aidsvax war ungeeignet.
Die Verträglichkeit des Imstoffs ist entscheidend
Ein Aids-Impfstoff infiziert einen Menschen nicht mit einem HI-Virus. Seit Februar 2004 wird ein Kandidat am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf getestet. Mittels eines "Trojanischen Pferds" werden dabei HIV-Gene und nicht das krankmachende Virus in den Muskel eines Probanden injiziert. Dafür wurden aus der Hülle eines Adeno-assozierten Virus' (AAV) 90 Prozent der Gene entfernt und danach drei Gene des HI-Virus1 (das hauptsächlich in Europa und Nordamerika vorkommt, HIV2 ist eher in Afrika zu finden) in die Hülle eingebracht. Damit enthält das AAV nur einen Teil des Erbgutes, kann aber HIV-Proteine produzieren. Auf diese soll es eine Immunantwort geben, indem sowohl Antikörper gebildet werden als auch Killerzellen.
"Neu daran ist, daß beide Schenkel des Immunsystems aktiviert werden", sagt Studienleiter Jan van Lunzen. Ausgerichtet ist der mögliche Impfstoff auf den Subtyp C des HI-Virus, der für etwa 90 Prozent aller Infektionen verantwortlich ist - vor allem im südlichen Afrika, in Südostasien und China. Der Subtyp-C-Impfstoff hat mehrere Vorteile: Er ist hitzebeständig bis 56 Grad Celsius, und er muß nur einmal gespritzt werden. In Hamburg und in Bonn befinden sich 50 Probanden in van Lunzens Studien, die von der International Aids Vaccine Initiative (IAVI) unterstützt werden. "Zunächst interessiert uns die Verträglichkeit des Impfstoffs", sagt van Lunzen. Zwei Drittel seiner Patienten wurden bisher geimpft. "Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht aufgetreten." Im November soll eine weitere Studie in Indien beginnen.
Parallel wird an 30 Impfstofftypen gearbeitet
Viel hat sich getan. Zwar beklagte der stellvertretende IAVI-Vorsitzende, Wayne Koff, in Bangkok, daß zu viele Wissenschaftler an derselben Idee arbeiten. Andererseits wird länderübergreifend mit unterschiedlichen Impfstoff-Kandidaten gearbeitet. Jan van Lunzen sagt: "Früher wurde ein möglicher Impfstoff ins Auge gefaßt, getestet, verworfen, bevor sich alle an einen nächsten wagten. Heute wird parallel an 30 Kandidaten gearbeitet, in der Hoffnung, daß drei bis vier etwas taugen."
Etliche Studien haben bereits Phase2 erreicht. Dazu zählen auch Untersuchungen der europäischen Organisation EuroVacc, an der der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg, Hans Wolf, maßgeblich beteiligt ist. Sein klinisch getesteter Impfstoff-Prototyp besteht aus der abgeänderten, synthetischen Kopie eines HI-Virus des Subtyps C - angereichert um ein Gen, welches das Viruswachstum hemmen soll. "Die Hälfte der Probanden zeigte eine klare Immunantwort", berichtete Wolf in Bangkok. Nun soll der Impfstoff-Kandidat in einer chinesischen Provinz getestet werden, die noch am Anfang der Epidemie steht und zu 98 Prozent nur eine Virusvariante kennt.
Deutschland hinkt hinterher
Eine der Hauptschwierigkeiten bei der Entwicklung des Aids-Impfstoffs: In den verschiedenen Erdteilen treten unterschiedliche Virusstämme auf, die sich immunologisch unterscheiden. Und auch die Variabilität der HIV-Partikel ist problematisch. "Sowas wie bei der Influenza darf uns nicht passieren", sagt Wolf. "Wir können es uns nicht leisten, jedes Jahr einen neuen Impfstoff entwickeln zu müssen."
Zugleich weist er auf eine Besonderheit des HI-Virus hin: Er verliere sein immunologisches Gedächtnis. Unter dem Schutz der antiretroviralen Behandlung könne daher ein Impfstoff therapeutisch wirken und das Immunsystem aufbauen. Zur Zeit werden für die Entwicklung des Impfstoffs nach IAVI-Schätzungen etwa 650 Millionen Dollar ausgegeben, gebraucht werde mindestens das Doppelte. Führend in der Forschung sind die Vereinigten Staaten. Deutschland, sagt Jan van Lunzen, hinke hinterher. "Amerika gibt jährlich acht Dollar je Einwohner für die Aids-Forschung aus, Berlin sieben Cent."
Text: pps. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Juli 2004
Bildmaterial: AP
