Von Reiner Burger, Dresden und Prag
26. Juni 2006 Eine 24 Jahre alte Frau aus Bayern im Internetforum Drugscout: Ich hab' das erste Mal mit 22 ,Crystal' genommen. Es war ein Samstag. Bin danach mit vollbepacktem Auto in die Disco - gefeiert bis morgens. Danach mit vollbepacktem Auto heim. Meine Augen waren schwarz, so riesige Pupillen hatte ich. Und geredet ohne Ende. Sonntag morgen bin ich um halb fünf endlich mal eingeschlafen.
Crystal schlägt durch wie kaum eine andere Droge. Weil der Körper nach der Einnahme des Stoffes verstärkt Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin ausschüttet, können Crystal-Konsumenten bis zu 70 Stunden am Stück wach bleiben, tanzen, Sex haben.
Ein typisches Syndrom ist der gesteigerte Rededrang, der unter Abhängigen Laberflash genannt wird. Mit Crystal im Körper scheint es keine Probleme mehr zu geben. Crystal steigert die Aufmerksamkeit zum Ego-Trip und vermindert Schmerzempfinden, Hunger- und Durstgefühle so sehr, daß der Körper allein schon deshalb schnell verfällt.
Ultraaggressiv und unausstehlich
Die junge Frau aus Bayern berichtet: Ein paar Monate später hatte ich über Wochen hinweg ,Crystal' konsumiert - mein Gehirn brannte, weil ich fast keinen Schlaf hatte und total übermüdet war. Meine Haut sah aus wie ein Streuselkuchen, Pickel überall, im Gesicht, am Rücken! Die Augenringe waren nicht mal mehr mit Make-up zu überdecken. Ich hab' innerhalb von wenigen Wochen fünf Kilogramm abgenommen.
Weil die synthetische Droge auch den Speichelfluß hemmt, leiden Abhängige schon nach kurzer Zeit unter extremer Zahnfäule. Für die Polizei in den Vereinigten Staaten, wo mehr als 1,5 Millionen Menschen Crystal konsumieren, ist der Blick in den Mund von Verdächtigen der erste Drogentest. Häufiger Konsum kann zu massiven Schlaf- und Kreislaufstörungen, zu Magenschmerzen, Hirnblutungen und Schlaganfällen führen.
Doch Crystal versetzt auch seelisch in Dauerstress: Mein Gehirn war vollends überfordert. Ich hatte keinen Bock mehr auf Arbeit, mein Chef, meine Kollegen, alles kotzte mich an. Wollte mein eigenes Ding machen und hab' alle Welt verurteilt - hatte eh schon alle durchschaut. Die armen Idioten, die alle keinen Plan vom Leben hatten, nicht so wie ich. War ultraaggressiv und unausstehlich. Und jedesmal wenn ich runterkam, war alles so scheiße - unendlich beschissen. Mir war kotzübel, ich zitterte am ganzen Körper...
Hitler-Speed für Soldaten
Den Namen Crystal hat die Droge von ihrer kristallinen Urform. Das Rauschgift wird geraucht oder geschnupft, es wirkt heftiger und länger als Kokain und kann mit ein paar Chemie-Kenntnissen kostengünstig im Kleinlabor hergestellt werden. Die Grundstoffe Ephedrin und Pseudoephedrin sind Substanzen, die sich vielerorts in frei verkäuflichen Erkältungsmitteln finden.
Und so ist die Billigdroge, eine hochkonzentrierte Form des klassischen Aufputschmittels Amphetamin, in Sachsen und Bayern mittlerweile laut Landeskriminalamt nach Cannabis und Heroin das am meisten verbreitete Rauschgift. Wenn Amphetamin ein VW Golf ist, sagt Thomas Uslaub, Abteilungsleiter im sächsischen Landeskriminalamt, ist Methamphetamin ein Turbo-Porsche.
Doch die Crystal-Konjunktur in Sachsen und Bayern ist auch geographisch bedingt. Beide Bundesländer haben eine lange Grenze zur Tschechischen Republik, wo es eine schon seit Jahrzehnten währende Produktions-Tradition des dort noch mit seinem ursprünglichen deutschen Markennamen Pervitin bezeichneten Stoffs gibt. Im Zweiten Weltkrieg diente Pervitin deutschen Piloten, Fallschirmjägern oder Panzerfahrern als Aufputschmittel - daher stammt die Bezeichnung Hitler-Speed.
Gespenstische Zuwachsraten
Daß die Tschechische Republik heute in Europa die zentrale Region für die Herstellung von ,Pervitin' ist, hängt mit unserer jüngeren Geschichte zusammen, sagt Petr Koci, stellvertretender Direktor der nationalen tschechischen Rauschgiftbekämpfungsbehörde (NPC) in Prag. In der Zeit des Sozialismus war es kaum möglich, andere Drogen zu bekommen, so besann man sich in der Szene auf Pervitin. Richtig los ging das Geschäft dann nach der Wende, berichtet Koci.
Und seit etwa sieben Jahren brodeln unzählige Crystal-Küchen wegen der unangenehmen Gerüche, die bei der Produktion des Rauschgifts entstehen, vor allem in den abgelegenen Regionen Böhmen und Mähren. Selbst auf mobile Labors sind die Ermittler schon gestoßen.
Diente die tschechische Produktion in den ersten Jahren für den Absatz im heimischen Markt, ist die Droge seit etwa sechs Jahren ein illegaler Exportschlager mit gespenstischen Zuwachsraten. Allein im vergangenen Jahr hat die tschechische Polizei 5,3 Kilogramm Crystal und zwanzig Liter sogenannte Mutterlösung sichergestellt - eine Flüssigkeit, in der alle benötigten Einzelsubstanzen enthalten sind. Daraus hätte eine Menge von acht Kilogramm Crystal im Marktwert von 400.000 Euro gewonnen werden können.
Expansion und Professionalisierung
Das ist freilich nach internationalen Erfahrungen nur fünfzehn Prozent dessen, was tatsächlich unterwegs ist, sagt Koci. Auch sein deutscher Kollege Uslaub vom Landeskriminalamt in Dresden hat erdrückende Belege dafür, daß das Geschäft mit Crystal boomt. Im Jahr 2005 stellten sächsische Ermittler dreimal soviel Crystal sicher wie im Vorjahr.
Ein deutliches Zeichen für die Kommerzialisierung: Die Droge wird in immer größeren Mengen bei Kurieren gefunden. Stießen die Polizisten bisher auf kleinere Gebinde mit nicht mehr als 100 Gramm, sind es seit vergangenem Jahr immer häufiger ein oder zwei Kilogramm schwere Gebinde. Wie weit die Partydroge im Freistaat mittlerweile verbreitet ist, wird an dem Diskussionsbeitrag eines 22 Jahre alten Leipzigers aus dem Internetforum Drugscout deutlich: In einer Stadt wie Leipzig ist es so was von einfach, an richtig gutes ,Crystal' zu kommen, das schaffen selbst nun auch schon 13jährige... zu kraß! Ich hoffe, daß es irgendwann diese dreckige Scheiße nicht mehr gibt, doch so, wie es aussieht, wird es eher schlimmer!
Tatsächlich deutet viel darauf hin, daß Herstellung und Handel mit Crystal gerade in eine neue Phase der Expansion und Professionalisierung treten. Die Hoffnung der Ermittler, mit dem Ende der Produktion des auch für Medikamente benötigten Crystal-Grundstoffs Ephedrin in der Tschechischen Republik werde sich das Problem wenigstens begrenzen lassen, hat sich als unbegründet erwiesen.
Bandenkriminalität nimmt zu
Die Crystal-Produzenten sind höchst flexibel. In 95 Prozent der 261 von den tschechischen Drogenfahndern im vergangenen Jahr ausgehobenen Crystal-Labors fand sich aus Arzneimitteln wie etwa Erkältungstabletten hergestelltes Methamphetamin. Zudem versuchen die Produzenten den Grundstoff Ephedrin nun verstärkt in reiner Form aus dem Ausland zu besorgen. Im Juni 2005 konnten tschechische und deutsche Ermittler einen internationalen Händlerring zerschlagen.
Zwei Berliner Apotheker hatten insgesamt 120 Kilogramm Ephedrin bei Chemiefirmen legal eingekauft - das hätte 90 Kilogramm Crystal im Marktwert von 4,5 Millionen Euro ergeben. Über Bautzen organisierte eine 27 Jahre alte Tschechin den Schmuggel zu den tschechischen Crystal-Köchen. Auch aus der Ukraine soll der Grundstoff nun schon ins Land gelangen. Unser größtes Problem, meint Drogenfahnder Koci, wird Ostasien werden.
Große Sorge bereitet den Ermittlern auf deutscher wie auf tschechischer Seite, daß die Herstellung von und der Handel mit Crystal offenbar immer mehr zur Bandenkriminalität wird. Wir hören, daß die Russenmafia versucht, einen Teil der ,Crystal'-Distribution in ihre Hände zu bekommen, sagt Koci. Während die Produktion weiter in Händen von Tschechen liegt, spielen bisher Vietnamesen beim Handel mit der illegalen Ware eine wichtige Rolle. Wir befürchten, daß es immer öfter zum Streit zwischen den Gruppen kommen könnte. Solche Sorgen machen sich die deutschen Ermittler derzeit nicht. Es gibt noch keine ,Crystal'-Mafiabosse in Sachsen, sagt Kriminalist Uslaub.
Die letzte Fahrt
Doch die Droge findet immer weitere Verbreitung. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt melden Fälle. Presseveröffentlichungen über das Phänomen Crystal wecken in der Szene das Interesse an dem Stoff. Als der Stern im April über Crystal Meth in Amerika berichtete, häuften sich in einschlägigen Internetforen die Anfragen, wo es denn den Wunderstoff zu kaufen gebe.
Die enormen Mengen an Mutterlösung, die tschechische Behörden vergangenes Jahr sicherstellten, deuten darauf hin, daß die illegale mittelständische Crystal-Industrie dabei ist, sich auf steigende Nachfrage vorzubereiten. Mancherorts aber hechelt die Polizei dem Phänomen hoffnungslos hinterher. Vielen Kollegen in anderen Bundesländern fehlt Grundwissen, sagt ein Drogenfahnder vom LKA in Dresden. Aus Hamburg oder Bremen erreichen uns Anfragen, ob denn ,Crystal' dasselbe sei wie Crack.
Welche Bedeutung Crystal in der Drogenszene mittlerweile hat, erlebt Karla Aust jede Woche aufs neue. Zu uns kommt kaum noch ein Patient, der nicht auch ,Crystal' konsumiert, sagt die Chefärztin der Moritzburger Drogenklinik. Seit vergangenem Jahr gibt es eine regelrechte Welle. Der Stoff passe in gewisser Weise zur Zeit, denn er sei eine Leistungs- und Ego-Droge. Fast alle Jugendlichen, die Karla Aust betreut, sind mehrfachabhängig.
Denn wer Crystal nimmt, braucht meist eine andere Droge, um überhaupt wieder herunterzukommen. Es ist ein Teufelskreis, aus dem Süchtige fast nie ohne professionelle Helfer herausfinden. Der vor wenigen Tagen von einer 18 Jahre alten Thüringerin verfaßte Drugscout-Eintrag spricht Bände: Kann den meisten hier nur recht geben, daß ,Crystal' die reinste Scheiße ist. Dennoch muß ich sagen, daß ich ganz besonders beim Runterkommen daran denke, daß es wohl die letzte Fahrt war. Doch bald holt mich die Sucht wieder ein... Ich weiß net, wie lang mein Kopf beziehungsweise mein Körper die Scheiße noch mitmacht. Aber ich hoffe, ich komm' vorher noch zur Besinnung oder ein kleiner Engel wird mich retten.
Text: F.A.Z., 26.06.2006, Nr. 145 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb