04. August 2006 Für einen Tierpark ist diese Nachricht der größte anzunehmende Unfall, sagt Karl-Heinz Ukena, Geschäftsführer des Zoologischen Gartens in Dresden. In aller Eile ist der 46 Jahre alte Mann von seinem friesischen Urlaubsort in die sächsische Landeshauptstadt zurückgekehrt, als ihn Mitarbeiter darüber informiert hatten, daß im Kadaver eines Trauerschwans aus dem Bestand des Zoos das Vogelgrippe-Virus H5N1 nachgewiesen wurde. Nachdem der Erreger in Sachsen vor vier Monaten erstmals in Deutschland bei einem Geflügelzuchtbetrieb aufgetreten war, ist mit dem Dresdner Tierpark nun zum erstenmal in Europa ein Zoo von der Vogelgrippe betroffen.
Unsere wichtigste Aufgabe ist es jetzt, den Bestand zu schützen, sagt Ukena, dem die Sorge ins Gesicht geschrieben steht. Unter den 112 Vogelarten des Zoos seien schließlich viele besonders wertvolle, von denen wiederum einige in freier Wildbahn akut bedroht sind wie etwa Kraniche, Humboldt-Pinguine, oder Papageien - für die Art Amazona brasiliensis nimmt der Dresdner Zoo sogar an einem internationalen Artenschutz-Programm teil.
Nur 15 Hobby-Züchter im Sperrbezirk
Daß in einem Zoo gelegentlich tote Vögel gefunden werden ist nichts Ungewöhnliches. Seit dem Ausbruch der Vogelgrippe werden die Kadaver jedoch eingehend untersucht. So geschah es auch mit dem erst wenige Monate alten Trauerschwan, den Mitarbeiter Anfang der Woche beim morgendlichen Kontrollgang auf einem kleinen, früher von den Robben verwendeten Teich fanden. Das hat uns zunächst nicht sonderlich beunruhigt, weil wir bei unseren Trauerschwänen immer wieder mal Verluste hinnehmen mußten, sagt Zoobiologe Roland Brockmann. Nach umfangreichen Analysen im Nationalen Referenzlabor des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems steht nun jedoch fest, daß sich der Jungschwan mit dem hochansteckenden H5N1-Virus infiziert hatte.
Noch am Donnerstag abend wurden die üblichen Maßnahmen ergriffen: Die Stadt richtete einen Drei-Kilometer-Sperrbezirk ein - von dort dürfen keine Geflügelerzeugnisse nach außerhalb gebracht werden, Hunde und Katzen dürfen nicht frei herumlaufen. Denn schließlich wisse man seit Rügen, daß Hunde und Katzen sich nicht nur mit dem Erreger infizieren, sondern es auch weitertragen könnten, sagt Gerlinde Schneider, Tierseuchen-Fachfrau des sächsischen Sozialministeriums. Auch wird der Bestand aller Geflügelhalter innerhalb der Zone regelmäßig kontrolliert. Da sich der Zoo jedoch unweit des Dresdner Stadtzentrums befindet, gibt es in dem betroffenen Gebiet lediglich rund fünfzehn Hobby-Geflügelhalter.
Wie soll man Strauße aufstallen?
Wesentlich größer sind die Einschränkungen für die Tiere im Zoo. Die Elterntiere des verendeten Schwans wurden isoliert. Alle anderen 720 Vögel müssen für die kommenden 30 Tage aufgestallt werden. Das ist schon deshalb keine einfach zu lösende Aufgabe für den Zoo, weil es auf seinem dreizehn Hektar großen Gelände nicht genügend Stallfläche gibt. Hinzu kommt, daß sich Tiere wie Strauße nicht für so lange Zeit aufstallen lassen. Die würden durchdrehen, sagt Biologe Brockmann.
Außerdem beantragte der Zoo in der Reihenfolge Wassergeflügel, Hühnervögel, Laufvögel und Greifvögel die Impfung seines Bestands. Als Unwägbarkeit bleiben freilich die vielen Wildvögel, die täglich in den Zoo kommen. Schließlich ist ein Tierpark mit seinen Wasserflächen und dem verstreuten Futter höchst anziehend. Die Fachleute gehen deshalb auch davon aus, daß sich der Trauerschwan bei einem Wildvogel angesteckt hat.
Trauerschwan zählt offiziell zu den Wildvögeln
Als Glück in Unglück erwies sich für den Dresdner Zoo, daß das infizierte Tier, obwohl es zum Bestand des Parks gehört, laut Seuchenschutzgesetzgebung zu den Wildvögeln zählt. Wäre das Virus bei Hausgeflügel nachgewiesen worden, hätte der Geflügelbestand gleich gekeult werden müssen. Wir sind bisher mit einem ganz dunkelblauen Auge davongekommen, sagt Zoobiologe Brockmann.
Die auf dem Zoogelände gefundenen Reiherente ist wahrscheinlich nicht an der Vogelgrippe gestorben. Alles deutet darauf hin, dass sie nicht mit dem H5N1-Virus infiziert ist, sagte eine Sprecherin des Bundesagrarministeriums.
Einstweilen kann der Zoo offenbleiben. Für Panik bestehe keinerlei Anlaßbeteuern sowohl Geschäftsführer Ukena als auch Seuchen-Fachfrau Schneider. Für Besucher und Anwohner bestehe keine Gefahr. Mit Wermsdorf, wo vor vier Monaten wegen des sich massiv verbreitenden Virus' in einem Bio-Putenzuchtbetrieb und bei benachbarten Geflügelzüchtern Zehntausende Tiere gekeult werden mußten, sei die Situation nicht zu vergleichen, sagt Frau Schneider.
Text: F.A.Z.
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