Geburtenrate

1,52 sind erwünscht

Von Friederike Bauer

Zwei Babys sind für die meisten mehr als genug

Zwei Babys sind für die meisten mehr als genug

22. November 2004 Nicht nur die Geburtenrate sinkt in Deutschland - es schwindet mittlerweile auch der Wunsch nach Kindern. Während man lange Zeit angenommen hatte, die meisten Menschen hätten gerne Nachwuchs (am liebsten einen Jungen und ein Mädchen), sähen zwischen Karriere und Krippennot nur keine Möglichkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen, scheint sich diese Grundeinstellung allmählich zu verändern: Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kommt nach Auswertung verschiedener Umfragen und Studien zu dem Schluß, daß weniger Deutsche denn je überhaupt noch Lust auf Kinder haben, und wenn, dann streben sie, statistisch gesehen, deutlich kleinere Familien als früher an. Zugespitzt formuliert: Kleinfamilie und Kinderlosigkeit sind mittlerweile angestrebte Formen der Lebensgestaltung.

Im europäischen Vergleich belegt Deutschland mit einem statistischen Wert von 1,52 gewünschten Kindern nach Österreich und Italien den drittletzten Platz. Nirgendwo sonst möchten Frauen zwischen 18 und 39 Jahren weniger Kinder als in diesen drei Ländern. Es folgen mit Rumänien (1,52) und Bulgarien (1,57) zwei deutlich ärmere Staaten in Osteuropa. Auf der anderen Seite der Rangfolge stehen Frankreich (2,25 Kinder), Großbritannien (2,23), die Türkei (2,21), Dänemark (2,14), Zypern und Irland (je 2,13).

Es fehlt an Betreuung und an Großfamilien

Aus diesen Umfragewerten folgert der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen Dorbritz: "Kinder werden also dort gewünscht, wo Traditionen die Familie stützen oder aber das Konzept der Familienpolitik den Vereinbarkeitsinteressen der Frauen entspricht und signalisiert, daß Kinderhaben von der Gesellschaft gewollt ist." Mit anderen Worten: Je eindeutiger die Frauenrolle und das Familienmodell in einer Gesellschaft definiert sind, desto ausgeprägter der Kinderwunsch.

Ob dabei eher traditionelle Muster wie in Irland, der Türkei oder Zypern im Vordergrund stehen oder eine gleichberechtigte Aufteilung zwischen Berufs- und Familienarbeit wie in Frankreich und Dänemark, scheint von untergeordneter Bedeutung. Dort, wo Frauen ein klares Bild von ihrer Mutterrolle haben, liegen Geburten- und Kinderwunschrate nach Dorbritz eindeutig höher als in Ländern, die zwischen traditionellen und partnerschaftlichen Modellen schwanken. Genau in diesem Konflikt aber befindet sich Deutschland. Denn eine ausgeprägte (staatliche) Betreuungsstruktur und Kinderfreundlichkeit der Unternehmen fehlen ebenso wie das Leben in der Großfamilie.

Zwei-Kind-Familie nicht mehr erstrebenswert

Die Statistik zeigt auch, daß zwar die Mehrheit in Deutschland immer noch zwei oder mehr Kinder will, ein wachsender Teil aber überhaupt keine mehr: 16,6 Prozent der Frauen zwischen 18 und 34 geben inzwischen als Ideal die Kinderlosigkeit an, während der europäische Durchschnitt in dieser Kategorie bei 5,5 Prozent liegt. Männer, die generell weniger erpicht sind auf Nachwuchs als Frauen, mißtrauen dem früheren Familienbild in Deutschland noch klarer als in anderen Ländern: Knapp ein Drittel aller westdeutschen Männer will am liebsten ohne Kinder leben.

Der Kinderwunsch, so meint Dorbritz, sei in Deutschland schlichtweg weniger stark ausgeprägt, als häufig angenommen wird. Die Zwei-Kind-Familie gilt einer wachsenden Zahl an Menschen nicht mehr als erstrebenswert. Tatsächlich werden heute nur wenig mehr Kinder geboren als gewünscht, so daß womöglich alle Anreize, über die man in Politikerkreisen derzeit nachdenkt, gar nicht so schnell wirken, wie sie müßten, um den Bevölkerungsrückgang zu bremsen.

Momentaner Gemütszustand oder Lebensentwurf?

Ob sich damit umgekehrt von diesen Ergebnissen schon eine weitere Abnahme der Geburtenzahlen ableiten läßt - darüber wagen Wissenschaftler noch keine Vorhersage. Ganz sicher aber sind die veränderten Vorstellungen über die Größe einer Familie ein weiteres Merkmal dafür, daß Deutschland längst zu einem "low fertility country" geworden ist. Den Trend sinkender Geburtenraten umzukehren - dafür muß wohl die Möglichkeit geschaffen werden, daß Beruf und Familie besser vereinbart werden können. Die andere Variante - traditionelle Familienverbände - scheint schon angesichts der Erfordernisse von Flexibilität und Mobilität kaum zu erreichen.

Dorbritz kommt angesichts dieser Erkenntnisse zu dem Schluß, daß in Deutschland eine Wertediskussion über Kinder und Familie in Gang gesetzt werden müsse. Auch müsse noch intensiver geforscht werden. Denn heute könne niemand seriös einschätzen, ob das geringere Bedürfnis nach Kindern nur ein momentaner Gemütszustand oder ein Lebensentwurf mit Dauercharakter ist - mit gravierenden Folgen für die Gesellschaft.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2004, Nr. 273 / Seite 9
Bildmaterial: Schiesser

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche