13. Juli 2004 An warnenden Worten, alarmierenden Zahlen und eindringlichen Appellen ist kein Mangel. Trotzdem setzt die unheilbare Immunschwäche Aids ihren globalen Seuchenzug mit bislang weit mehr als 20 Millionen Toten ungebremst fort. Afrika ist immer noch am stärksten betroffen, dort leben mehr als zwei Drittel der Betroffenen. Doch die Krankheit erfaßt zunehmend auch Regionen außerhalb des Kontinents. Indien, China und besonders Osteuropa melden neue Epidemien mit schnell steigenden Infektionsraten.
Im vergangenen Jahr haben sich 4,8 Millionen Menschen mit dem Erreger der unheilbaren Immunschwäche infiziert. 2,9 Millionen Menschen sind 2003 an der Krankheit gestorben, 38 Millionen tragen das Virus in sich. Durch eine veränderte Statistik sind die Zahlen 2003 nicht direkt mit den vorherigen vergleichbar. Keinesfalls sind sie aber ein Zeichen dafür, daß sich die Epidemie verlangsamt hat.
Es fehlt an Geld
23 Jahre nach der ersten Aidsdiagnose ist weitgehend akzeptiert, daß sich die Verbreitung von HIV (menschliches Immunschwächevirus) durch eine Kombination aus Aufklärung, Vorbeugung, Verhütung und bereits vorhandenen Medikamenten stoppen ließe. Was fehlt, ist Geld. Hilfe bekommen deshalb nur einige wenige Infizierte - meist sind es jene in den reichen Ländern, das sind aber nur etwa fünf Prozent. Access for all (Zugang für alle) lautet daher das Thema der 15. Weltaidskonferenz vom 11. bis 16. Juli in Bangkok. Im Laufe dieser sieben Tage werden sich weltweit rund 100.000 Menschen neu infizieren, etwa alle 6 Sekunden einer.
Von 2007 an sind zur Aidsbekämpfung jährlich rund 20 Milliarden Dollar (16,3 Milliarden Euro) nötig. Bis 2005 sind es jährlich etwa 12 Milliarden Dollar (9,8 Milliarden Euro), schätzen UNAIDS und der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, der den Großteil der staatlichen Spenden einnimmt, verwaltet und auszahlt. Seit seiner Gründung vor drei Jahren sind aber insgesamt nur 2,6 Milliarden Dollar eingegangen. Zu wenig, sagt Christoph Benn, der Außenminister des Fonds. Das Umfeld ist seit dem 11. September 2001 anders, ergänzt er. Mit wem er auch spreche, immer käme der Hinweis auf die knappen Kassen. Das Geld werde statt dessen für zahlreiche Militäreinsätze ausgegeben.
Zusammenbrechende Volkswirtschaften drohen
In den schwer betroffenen Ländern sterben Lehrer, Krankenschwestern und Verwaltungsangestellte schneller, als neue ausgebildet werden können. Es gibt Hinweise darauf, daß die Wirtschaft einiger südafrikanischer Staaten zusammenbricht, bevor die Epidemie dort unter Kontrolle ist. Aids schwächt und tötet Erwachsene in ihren besten Jahren, warnen die drei ranghöchsten Aidsbekämpfer: Peter Piot (Chef des UN-Aidsprogramms UNAIDS, Richard Feachem (Chef des Global Fund) und Jong Wook Lee (WHO-Chef).
Die zurzeit vorhandenen Medikamente verlängern das Leben, können die Patienten aber nicht heilen. Das Virus ist genetisch so variabel, daß sich mit herkömmlichen Verfahren auch kein Impfstoff herstellen lässt. Wir brauchen sterilisierende Immunität. Das heißt, daß wir eine Infektion vollständig verhindern müssen. Das ist neu und braucht einzigartige Wirkstoffe, sagt HIV-Mitentdecker Robert Gallo. Er glaubt, daß Hilfe am ehesten über die Killerzellen des Menschen kommen wird, die mit einer Impfung dazu angeregt werden, die HIV-infizierten Zellen zu töten. Wann es einen solchen Impfstoff geben könnte, ist aber vollkommen unklar.
Wenn die Welt nicht angemessen auf die Bedrohung durch HIV/Aids reagiert, züchtet sich die Gemeinschaft ein riesiges Problem heran, sagt Benn. Zusammengebrochene Volkswirtschaften und Flüchtlingswellen könnten am Ende teurer werden als die jetzt nötige Hilfe.
Text: @mg
Bildmaterial: AP