28. April 2008 Im Badezimmer ein Spielzeugelefant, im Kinderzimmer Sterne an der Decke, im Flur ein Fernsehgerät – das Verlies in Amstetten war offenbar nicht völlig ohne Anregungen für die Kinder. So ist es schwierig zu beurteilen, ob die Kinder allein durch ihre Umgebung in ihrer psychischen und intellektuellen Entwicklung beeinträchtigt wurden.
Das Gehirn eines Menschen braucht von Anfang an Reize, um sich zu entwickeln. Allerdings können diese Reize auch wirken, wenn sie – durch Fernsehsendungen – nur mittelbar weitergegeben werden. Selbst wenn das Angebot an Erfahrungen und Erlebnissen sehr beschränkt war, muss nicht mit irreparablen Schäden gerechnet werden. Das Gehirn hat bis ins hohe Alter eine Fähigkeit, sich zu entfalten“, sagt Christa Schaff vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es könne immer noch einiges nachgeholt werden. Und wenn die Kinder einen liebevollen, auch taktilen Kontakt zu Mutter und Geschwistern gepflegt hätten, müsse man nicht unbedingt von einem schweren Trauma für die Kinder ausgehen.
Traumatisierung nicht ausgeschlossen
Zudem hätten die Kinder vielleicht eine besonders lebhafte Phantasie entwickelt, um ihre reizarme Umgebung zu kompensieren. Selbst die Sprachentwicklung muss nach Ansicht von Schaff nicht unbedingt verzögert sein – vorausgesetzt, die Kinder sind gesund und ihre Mutter oder ihr Vater haben kontinuierlich mit ihnen gesprochen. Die Kinder müssen demnach nicht zwangsläufig fürs Leben geschädigt sein, nur weil sie in Gefangenschaft groß geworden sind. Ein scheinbar normales Leben mit tyrannisierenden und gewalttätigen Eltern kann da viel schlimmer sein.“
Wenn Wärme und Zuneigung in der kleinen Gruppe überwiegt hätten, seien dies wichtige Faktoren für eine gesunde Psyche. Für die Kinder sei das System Familie, das sie von Geburt an kennengelernt hätten, das allein gültige. Sie sähen dies als normal an. So könne man auch nicht sagen, dass sie keine sozialen Kompetenzen erlernt hätten. Gerade das Aufeinanderangewiesensein in der kleinen Gruppe bedingt ein großes Maß an sozialen Fertigkeiten.“ Hätten die Kinder allerdings psychische und körperliche Gewalt erfahren oder hätten sie mitangesehen, wenn ihre Mutter missbraucht wurde, könne auch eine psychische Traumatisierung nicht ausgeschlossen werden.
Vitamin-D-Mangel und Depressionen?
Körperliche Schäden sind indes durch Licht- und Bewegungsmangel sehr wahrscheinlich. Mangelnde Bewegung kann im Kindesalter dazu führen, dass die Muskelsysteme nicht richtig ausgebildet werden. Haltungsdefizite seien die Folge. Das fehlende Tageslicht in dem Kellerverlies kann zudem einem Mangel an Vitamin D und damit zu Wachstums- und Haltungsschäden geführt haben. Vitamin D wird im menschlichen Organismus mit Hilfe von UV-Strahlen gebildet.
Ein Mangel an Vitamin D führt zu einem gestörtem Calciumhaushalt und schließlich dazu, dass die Knochen ausgedünnt“ werden. Bei Kindern kann sich eine Rachitis entwickeln, bei der sich die Knochen verformen. Allerdings kann man auch über die Nahrung oder über Tabletten einen Vitamin-D-Mangel ausgleichen. Tageslicht ist jedoch auch wichtig für das seelische Wohlbefinden. Depressionen können durch fortgesetzten Lichtmangel begünstigt werden. Doch auch spezielle Tageslichtlampen könnten bedingt das natürliche Licht ersetzen.
Ein großer Risikofaktor für die Kinder stellt jedoch die besondere verwandtschaftliche Beziehung zu ihrem Vater dar, der – sollten DNA-Tests das bestätigen – zugleich ihr Großvater ist. Da das Erbgut von Vater und Tochter zu 50 Prozent identisch ist, erhöht sich das Risiko, dass rezessive Gene, die für bestimmte Krankheiten verantwortlich sind, zur Ausprägung gelangen, da sie von Mutter und Vater an das Kind weitergegeben werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS