20. August 2005 Der amerikanische Pharmakonzern Merck & Co. ist im ersten Prozeß um das Arthritis- und Schmerzmedikament Vioxx zu einer Gesamtstrafe von 253,4 Millionen Dollar (209 Millionen Euro) verurteilt worden.
Die Jury des Gerichts in Angleton (Bundesstaat Texas) hatte Merck die Mitschuld am Tod des 59jährigen Robert Ernst gegeben, der 2001 nach achtmonatiger Einnahme des Medikamentes gestorben war. Merck soll die Ärzte und Patienten nicht über die Gefahren des Medikaments aufgeklärt haben. Der Pharmakonzern kündigte Berufung an. Klägerin war Carol Ernst, die Witwe des Verstorbenen.
Entschädigung auch für geistige Qualen
Die aus zwölf Mitgliedern bestehende Jury entschied mit zehn zu zwei Stimmen. Die Geschworenen gestanden der Klägerin 24,5 Millionen Dollar für Verdienstausfälle ihres Mannes sowie geistigen Qualen zu. Die Jury gewährte aber zusätzlich 229 Millionen Dollar so genannte Strafentschädigung. Dies ist eine Eigenart des amerikanischen Rechts. Dabei kann eine Jury Klägern ein Vielfaches der tatsächlichen Schadenssumme zugestehen, um zukünftiges Fehlverhalten der Beklagten zu unterbinden. Texas hat aber eine Obergrenze des Zweifachen der eigentlichen Schadenssumme für Strafentschädigungen, so daß die Strafe gegen Merck drastisch reduziert werden dürfte.
Die Wall Street reagierte auf die gerichtliche Merck-Niederlage mit einem drastischen Kurs-Einbruch der Merck-Aktien um 7,7 Prozent auf 28,06 Dollar. Damit ist der Gesamtwert der Merck-Aktien innerhalb eines Tages um 5,2 Milliarden Dollar gefallen. Die Merck-Aktien hatten im August vergangenen Jahres noch mit 47 Dollar notiert. Merck hatte das Bestseller-Medikament im September 2004 vom Markt genommen weil in einer Studie nach mehr als 18monatiger Einnahme erhöhte Herzattacken- und Schlaganfallgefahren festgestellt worden waren.
4100 Klagen sind anhängig
Vioxx brachte Merck jährliche Umsätze von 2,5 Milliarden Dollar. Im ersten Halbjahr 2005 war der Merck-Umsatz um sieben Prozent auf 10,8 Milliarden Dollar gefallen. Dabei hatte der Vioxx-Rückzug allein einen Umsatzrückgang von zwölf Prozent verursacht. Etwa 20 Millionen Patienten hatten das Schmerzmittel eingenommen.
Es sind bisher mehr als 4100 Vioxx-Klagen anhängig. Die nächsten Prozesse werden im September anlaufen. Analysten spekulierten, daß die Gesamtkosten der Klagelawine für Merck bis 30 Milliarden Dollar erreichen könnte. Merck will sich jedoch in jedem Einzelfall in den kommenden Jahren hart verteidigen, kündige Vizepräsident und Merck-Anwalt Kenneth C. Frazier an. Er hofft, daß das Urteil in Berufung korrigiert wird.
Merck hat bisher nur 675 Millionen Dollar Rückstellungen für die Kosten der Durchführung der Vioxx-Prozesse vorgenommen. Das Unternehmen hat noch keine Gelder für mögliche gerichtliche Entschädigungen für Vioxx-Kläger zurückgestellt. Es gebe bis heute keinen zuverlässigen wissenschaftlichen Beweis, daß Vioxx zu Herzrhythmusstörungen geführt habe, die zusammen mit Arterienverkalkung zum Tode von Ernst geführt hätten, erklärte Merck-Anwalt Jonathan Skidmore in einer Stellungnahme des Unternehmens. Merck habe jederzeit verantwortlich gehandelt, von der Erforschung des Mittels bis zum freiwilligen Marktrückzug.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AP
Bildmaterial: dpa/dpaweb