Diabetikerwarnhunde

Die Unterzuckerung erschnüffeln

Von Arne Leyenberg, Osnabrück

Nasenarbeit: Finn riecht am Mund seiner Besitzerin Simone Luca Barrett

Nasenarbeit: Finn riecht am Mund seiner Besitzerin Simone Luca Barrett

23. Juni 2009 Finn schlägt Alarm. Lautlos, in Sekundenbruchteilen. Jetzt läuft die Zeit. Simone Luca Barrett geht zum Auto, holt ein Trinkpäckchen Orangensaft hervor und leert es. Gefahr gebannt. Andernfalls hätte es ihr schon wenig später schlechtgehen können. Simone Luca Barrett ist Diabetikerin. Typ-1, die schwerste Form der Erkrankung. Finn ist ihr Lebensretter, wie sie sagt, ihr Engel auf vier Pfoten, der sie vor Unterzuckerung warnen soll.

Der Mischlingshund hatte kurz an ihrem Mund geschnüffelt und mit seiner Nase ihre rechte Hand angestupst. Das war das Signal. „Durch ihn kann ich wieder leben“, sagt die 28 Jahre alte Osnabrückerin. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ihren zwei Jahre alten Hund rettete sie 2007 aus einer Tötungsstation in Spanien - und bildete ihn zum ersten Diabetikerwarnhund Deutschlands aus.

Nur einer von tausend Hunden beweist die richtige Spürnase

Noch etwas ratlos: Der Welpe Linox muss den richtigen Socken erkennen

Noch etwas ratlos: Der Welpe Linox muss den richtigen Socken erkennen

Wer als Kunde zu Simone Luca Barrett kommt, hat Diabetes. So wie Sabine Gauding, bei der die Stoffwechselerkrankung erst unlängst diagnostiziert wurde. Sie leidet unter Typ-2-Diabetes, so wie rund 90 Prozent der Diabetiker in Deutschland. Sie absolviert mit ihrem drei Monate alten Welpen Linox gerade die ersten Trainingseinheiten auf dem Hundeplatz bei Osnabrück. Sabine Gauding ist selbst Hundetrainerin, aber die wichtigsten Fähigkeiten, die Linox künftig beherrschen muss, kann sie ihrem Hund nicht alleine beibringen. Dafür braucht sie die Hilfe von Simone Luca Barrett. Die hält Linox drei gleich aussehende Socken hin: einen getragenen, einen gewaschenen und einen, der von ihr während einer Unterzuckerung getragen wurde.

Sobald der kleine Mischlingshund mit den langen Ohren an diesem Socken schnüffelt, bekommt er eine Belohnung: ein Stück Hundekuchen. Nasenarbeit nennt Simone Luca Barrett das. Der Welpe hat den Dreh im Nu heraus. „Er ist so gelehrig“, schwärmt die Trainerin. Aber das wusste sie ja schon vorher. Schließlich hat sie Linox, der mit seiner Mutter und seinen Geschwistern aus einem Tierheim in Salamanca geholt wurde, kurz nach seiner Ankunft in Deutschland getestet. Mit dem Ergebnis: Der Kleine kann ein Großer werden. Er bringt alle Veranlagungen für einen Diabetikerwarnhund mit. Das ist, sagt die Trainerin, nur bei einem von tausend Hunden der Fall. „Seine Nase muss funktionieren wie bei einem Drogenspürhund“, sagt Simone Luca Barrett.

„Ohne ihn müsste ich alle zehn Minuten messen“

Die Zahl der Menschen mit Diabeteserkrankung nimmt beständig zu. In Deutschland sollen etwa zehn Prozent der Bevölkerung, also acht Millionen Menschen, Diabetiker sein. „Wir gehen davon aus, dass jährlich eine Million Menschen dazukommen“, sagt Manfred Flore, Geschäftsführer des Deutschen Diabetiker-Bundes. Hans Hauner, Professor für Diabetologie am Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München, schrieb im „Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2008“ schon von einer Epidemie. „Diabetes ist ja nicht ansteckend“, sagt Flore, „hat aber epidemischen Charakter.“

Vor zwei Jahren musste Simone Luca Barrett ihr Lehramtsstudium wegen ihrer Erkrankung abbrechen und konnte nicht mehr Auto fahren: Sie leidet zusätzlich noch an einer Hypowahrnehmungsstörung. Eine drohende Unterzuckerung, eine Hypoglykämie, bemerkt sie erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Finn dagegen erkennt schon am Atemgeruch, wenn der Blutzuckerspiegel sinkt. „Ohne ihn müsste ich alle zehn Minuten messen“, sagt Simone Luca Barrett. Das Testgerät hat sie zwar immer dabei, aber eigentlich brauchte sie es nicht. Ihrem Hund vertraut sie bedingungslos.

„Ob es Sinn hat, muss man von Fall zu Fall entscheiden“

In der Nacht schnüffelt der Hund regelmäßig an ihrem Mund, um sie im Notfall zu wecken. Oder aber, um eine Flasche Cola zu holen, das Testgerät zu bringen, die Haustür zu öffnen und beim Nachbarn zu klingeln. „Eine Sache des Trainings“, sagt Simone Luca Barrett. „So ein Hund kann 250 Kommandos.“ Im Restaurant sei Finn schon mal schnüffelnd von Tisch zu Tisch marschiert und dann vor einer Frau sitzen geblieben. „Sie hatte Diabetes“, sagt Simone Luca Barrett stolz.

Manfred Flore steht Diabetikerwarnhunden dagegen skeptisch gegenüber: „Ob es Sinn hat, muss man von Fall zu Fall entscheiden. Aber wir geben dafür keine Empfehlung ab.“ Bestätigt sieht sich die Hundegemeinde durch eine Studie der Universität Irvine in Kalifornien. In Atemproben von zehn Kindern, die an Typ-1-Diabetes leiden, wurde bei Unterzuckerung eine zehnfach erhöhte Konzentration von Methylnitrat nachgewiesen. Dieses Gas riechen die Hunde möglicherweise.

Eben doch nur ein Hund

Werner Scherbaum, Direktor der Klinik für Diabetologie des Universitätsklinikums Düsseldorf, hatte 2001 per Aufruf im Internet nach solchen Tieren gesucht. 32 Hunde und eine Katze mit dieser besonderen Fähigkeit machte er ausfindig. „Bei einer Patientin hatte nur einer ihrer zwei Schäferhunde diese Fähigkeit - das war derjenige, zu dem sie die engere Beziehung hatte. Diese Patientin wurde einige Male in der Nacht mit einer schweren Hypoglykämie bewusstlos, und der Hund weckte jedes Mal den Mann auf“, sagt Scherbaum. „Ich hatte damals die Ausbildung von Hypoglykämiehunden vorgeschlagen, sie aber als Internist und Diabetologe nicht selbst weiter verfolgt.“

Linox legt sich auf den Bauch, schnüffelt im Gras, die Socken interessieren ihn nicht mehr. „Jetzt ist er müde“, sagt Sabine Gauding und nimmt den Welpen auf den Arm. 18 Monate hat er Zeit zu lernen. Dann ist er nach abgelegter Prüfung ein anerkannter Behindertenbegleithund. Somit darf er während eines Fluges mit in die Passagierkabine, darf seine Besitzerin ins Museum begleiten, ins Rathaus, zum Einkaufen. 8000 Euro kostet die Ausbildung bei Simone Luca Barrett. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Seminare nicht, zwei Klagen dagegen sind vor dem Bundessozialgericht anhängig. In Großbritannien und in den Niederlanden werden die Kosten zum Teil übernommen. In den Vereinigten Staaten gibt es schon rund 1000 Diabetikerwarnhunde, dort lernte auch Simone Luca Barrett ihr Handwerk. Ihr amerikanischer Ehemann hatte durch Zufall einen Bericht über diese Hunde im Fernsehen gesehen. Finn schnuppert noch einmal am Mund seiner Besitzerin. Keine Reaktion - Entwarnung. Jetzt kann er sich Spannenderem widmen: Mit Hingabe gräbt er ein Loch in den Boden. Er ist eben doch nur ein Hund.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Löwa

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