Von Peter-Philipp Schmitt, Bukavo
21. Juli 2005 Wäre es nach Hoffmann-La Roche gegangen, dann läge der Schlüssel zum Fabriktor schon seit sieben Jahren auf dem Grund des Kivu-Sees. Über kurz oder lang werde das Tochterunternehmen Pharmakina im Osten Kongos sowieso vor die Hunde gehen - da waren sich die Konzernlenker in der fernen Schweiz sicher.
Die Chininherstellung in Bukavu habe keine Zukunft, hieß es damals in Basel. Und in ein Land zu investieren, das sich in einem dauerhaften Kriegszustand befinde, lohne sich auch nicht. So lautete der gutgemeinte Rat an die Familie Gebbers: den Schlüssel der Fabrik am besten einfach im See versenken und nach Deutschland zurückkehren.
Drei Wirkstoffe in einer Pille
Horst Gebbers aber behielt nicht nur den Schlüssel, sondern kaufte dem Giganten Hoffmann-La Roche auch das Unternehmen Pharmakina ab - zu sehr guten Bedingungen, wie er sagt. Der langjährige Landwirtschaftsdirektor von Pharmakina wollte seine 1.800 Mitarbeiter, deren Familien er zum Teil schon in der dritten Generation kennt, nicht im Stich lassen.
Und er wollte sich einen Traum erfüllen: Gegen die schlimmsten Krankheiten Afrikas will Horst Gebbers Medikamente produzieren - um zu heilen, aber auch um im Land Arbeitsplätze zu sichern.
Mitte Juli hat das Unternehmen als erstes in ganz Afrika damit begonnen, antiretrovirale Kombinationspräparate gegen Aids herzustellen. Das Besondere daran: Das Afri-Vir genannte Mittel enthält drei Wirkstoffe (Stavudin, Lamivudin und Nevirapin), die in nur eine Tablette gepreßt werden - zwei davon jeden Tag genügen für eine Therapie.
Thailändische Entwicklerin arbeitet für Pharmakina
Bislang müssen Aids-Patienten auf der ganzen Welt zum Teil noch Dutzende Tabletten täglich einnehmen, weil die Medikamente von verschiedenen Pharmaunternehmen entwickelt und in mehr als 20 unterschiedlichen Präparaten zum Kombinieren auf den Markt gebracht wurden. Erst die Thailänderin Krisana Kraisintu hatte eine vereinfachte antiretrovirale Therapie entwickelt.
Im Frühjahr 2002 wurde ihr Mittel GPO-Vir in Thailand zugelassen. Damals war das Aids-Generikum sechsundzwanzigmal preiswerter als eine herkömmliche Behandlung mit Originalpräparaten etwa in Europa. Stolz erzählt die Pharmazeutin aus Bangkok, daß GPO-Vir schon nach nur einem Jahr von der Weltgesundheitsorganisation als Aids-Therapie der ersten Wahl gelistet wurde. Wenig später begann die Pharmazeutin für Pharmakina in Kongo zu arbeiten.
Außer Pharmakina gibt es nur noch eine Brauerei
Der Weg ins Industriegebiet von Bukavu ist beschwerlich. Die Straße führt am Hafen und an einem monströsen Militärhubschrauber vorbei, der der ganze Stolz der kongolesischen Regierung zu sein scheint. Ob der Weg jemals asphaltiert war, läßt sich nicht mehr feststellen. Zwei große Unternehmen haben sich am Rande der Stadt gehalten: die Brauerei Bralima, eine Heineken-Tochter (über die Horst Gebbers sagt, wenn es sie und ihr Bier nicht gäbe, hätte er Kongo schon lange verlassen), und Pharmakina.
Das deutsch-französische Unternehmen hat sich an diesem Morgen herausgeputzt: In lange rote Röcke gehüllte Hostessen warten am Tor, unter einem grünen Zeltdach stehen die 100 weißen Plastikstühle für die ranghohen Gäste bereit. Sogar Besuch aus der Hauptstadt Kinshasa hat sich zur Eröffnung der Afri-Vir-Produktionsstätte angekündigt.
Doch der kongolesische Gesundheitsminister Emile Bongeli und die Zwillingsschwester des Präsidenten, Jaynet D. Kabila, lassen sich Zeit. Mit zweieinhalb Stunden Verspätung erscheint die reichste Frau des Landes schließlich - in einem Wagen von Unicef. Den, so wird gemunkelt, hat die Mächtige einfach konfiszieren lassen. Auch Bongeli steigt samt schwerbewaffneter Entourage aus einem Wagen des Global Fund.
Hilfe kommt aus Deutschland
Erst in der Nacht zuvor konnten Krisana Kraisintu und Pharmakina die neue Produktionsstätte fertigstellen. Am Abend hatte Action Medeor noch ein Gerät installiert, mit dem CD-4-Zellen im Blut eines Patienten gezählt werden können - ein Schnelltest, der, wenn die Zahl der Zellen bei unter 200 pro Mikroliter Blut liegt, auf eine Aids-Erkrankung hinweist.
Das deutsche Medikamenten-Hilfswerk aus Tönisvorst unterstützt nicht nur die Medikamentenproduktion von Pharmakina und sorgt für die nötige Qualitätssicherung der hergestellten Tabletten. Es hat auch zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) dabei geholfen, ein Diagnostik- und Therapiezentrum in Bukavu aufzubauen.
124.000 Euro Spendengelder
Die Versorgung von bis zu 100 Patienten ist gesichert, sagt Christoph Bonsmann von Action Medeor. Allerdings wollen wir - wenn die Produktion angelaufen ist - Kranke aus der ganzen Umgebung behandeln. Der Pharmazeut, zuständig für das Projekt in Kongo, rechnet vor: Fünf Dollar kostet ein Aids-Schnelltest, etwa 168 Dollar die jährliche Behandlung mit Afri-Vir.
Wir unterstützen Pharmakina in den nächsten fünf Jahren mit Spendengeldern in Höhe von 124.000 Euro, sagt Bonsmann. Hinzukommen 30.000 Euro unter anderem für eine Projektleiterin. Und auch die ist schon gefunden: Anja Gebbers, die Schwiegertochter des 63 Jahre alten Firmenchefs.
Verkauf war ein Schock
Gut 20 Minuten vom Pharmakina-Gelände entfernt sitzt Horst Gebbers im Garten seiner Villa am Kivu-See. Sie liegt auf einer von der UN-Mission in Kongo (Monuc) geschützten Landzunge, die sich weit in den See hineinzieht. Das Haus ist von einer hohen Mauer umgeben, die Fenster sind vergittert. Im Garten wachsen Bananen, die Wiese, die zum Wasser hinunterführt, ist von Gänsen, Kranichen und Perlhühnern bevölkert.
Zum Kaffee kommen Gebbers' Partner, der 47Jahre alte Franzose Ernest Erny, Finanzchef von Pharmakina, sowie Gebbers' Söhne Dirk und Michael, die in Bukavu aufgewachsen sind und mittlerweile im Unternehmen mitarbeiten. Der Vater ist seit 33 Jahren in dem zentralafrikanischen Land, das Anfang der siebziger Jahre in Zaire umbenannt worden war. Der gelernte Landwirt wurde zunächst von Boehringer Mannheim eingestellt, damit er sich um die Plantagen mit den wertvollen Chinarindenbäumen kümmerte.
Das war ein Schock für mich
Gebbers hat den Genozid und die kriegerischen Auseinandersetzungen 1996, 1998 und 2004 unbeschadet überstanden. Er ist auch der Demokratischen Republik Kongo, wie das Land nach Mobutus Sturz 1997 offiziell heißt, treu geblieben, selbst als die Mannheimer Familie Engelhorn ihr Unternehmen 1997 an die Roche-Gruppe verkaufte.
Das war ein Schock für mich. Gebbers ahnte damals schon, daß die Schweizer kein allzu großes Interesse an Pharmakina hatten. Das Unternehmen, nach dem Zweiten Weltkrieg von belgischen Kolonialpflanzern als Kongochina gegründet, schien Ende der Neunziger seine besten Tage hinter sich zu haben.
Chinin ist Heilmittel und Bitterstoff in einem
Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren hatte Pharmakina, schon im Besitz der Boehringer Mannheim GmbH, enorme Gewinne abgeworfen - nicht zuletzt, weil die Amerikaner für ihre Kriege in Südostasien Chinin in großen Mengen zur Behandlung von Malaria benötigten. Bis zu 80 Prozent der Weltproduktion an Chinarinde wachsen in Kongo, auf einer Fläche von rund 6500 Hektar.
Pharmakina besitzt 1200 Hektar, kauft aber zur eigenen Ernte noch zwei Drittel der Chinarinde von Kleinbauern aus der Provinz Kivu hinzu. Damit erreicht das Unternehmen einen Weltmarktanteil von etwa 30 bis 35 Prozent. Chinin ist allerdings nicht nur ein Heilmittel, sondern auch ein Bitterstoff für Lebensmittel. Pharmakina ist unter anderem der größte Lieferant von Schweppes, das mit Chinin seine Bitter-Lemon-Getränke und sein Tonic Water versetzt.
Nachdem Hoffmann-La Roche sich aus Afrika zurückgezogen hatte, traten Gebbers und Erny wieder an die Familie Engelhorn heran. Ihnen fehlte Geld zum Investieren. Bis 1998 wurde nur der Pillengrundstoff Totaquina exportiert, das Alkaloid Chinin erst in Mannheim extrahiert. Das aber war nicht im Sinne Gebbers': Es ist ein Fehler, die Schätze Kongos auszuführen und nicht im Land zu verarbeiten.
Fünf Cent kostet ein lebensrettendes Zäpfchen
Mittlerweile hat Pharmakina die Maschinen, um die Alkaloide selbst zu gewinnen und Medikamente herzustellen. Dafür sind die ehemaligen Besitzer aus Mannheim wieder mit 20Prozent an dem Unternehmen beteiligt, das nach Angaben von Horst Gebbers zum größten lokalen Arbeitgeber im Osten Kongos geworden ist: Wohl fast 20.000 Personen sind vom erfolgreichen Weiterbestehen Pharmakinas abhängig.
Mit der Erweiterung der Medikamentenproduktion war der Grundstein für ein weit ehrgeizigeres Projekt der Geschäftspartner Gebbers und Erny gelegt. Die beiden hatten schon in den Neunzigern erleben müssen, wie sich Aids nicht nur unter den eigenen Mitarbeitern rasend ausbreitete. Nach wie vor setzen Soldaten, Milizen und Rebellen Massenvergewaltigungen in Ostkongo als Waffe ein. Manche vermuten, daß mit dem HI-Virus die Bevölkerung ausgerottet werden solle.
Hochwirksames Generikum
Durch Zufall entdeckte Gebbers vor drei Jahren in einer deutschen Zeitung eine Geschichte über Krisana Kraisintu. Mit Hilfe von Action Medeor konnte Krisana Kraisintu gewonnen werden, ihre Erfahrungen auch für Afrika zur Verfügung zu stellen.
Eine fruchtbare und naheliegende Zusammenarbeit - denn auch gegen Malaria hat die Thailänderin bereits ein hochwirksames Generikum (Artesunate) entwickelt, das in Tansania hergestellt wird. Besonders am Herzen lagen der Pharmazeutin Zäpfchen und Sirup, mit denen Säuglinge und Kleinkinder vor dem sicheren Tod gerettet werden können - für jeweils nur etwa fünf Cent.
Vergewaltigung als todbringende Waffe
Die Demokratische Republik Kongo ist sechseinhalbmal so groß wie Deutschland; allerdings leben in dem zentralafrikanischen Land etwa 20 Millionen Menschen weniger. Knapp vier Millionen Menschen wurden zwischen 1998 und Anfang 2005 während gewaltsamer Auseinandersetzungen getötet. Nach Angaben der Vereinten Nationen werden noch immer täglich etwa 1000 Personen Opfer von Gewalttaten.
Auch aufgrund der andauernden Kriege gibt es nur grobe Schätzungen über die Verbreitung von Aids in Kongo. Zu Anfang dieses Jahrzehnts ging die UN von einer Million Menschen aus, die mit HIV infiziert waren. Ihre Zahl dürfte sich mittlerweile aber mehr als verdreifacht haben. UN-Aids hat im vergangenen Jahr ausgerechnet, daß Kongo, was seine Prävalenzrate betrifft, mit etwa fünf Prozent nur an 23. Stelle in Afrika rangiert.
In größeren Städten wie Kisangani und Lubumbashi sollen es zwischen 6,3 und sieben, in Bukavu mit seinen 600.000 Einwohnern rund drei Prozent sein. Lokale Hilfsorganisationen in Bukavu berichten allerdings, daß die Prävalenzrate in Südkivu bereits die zehn Prozent überschritten habe. In Krisenregionen wie Ostkongo verbreitet sich das HI-Virus besonders schnell, weil das systematische Vergewaltigen von Mädchen und Frauen als Waffe eingesetzt wird. In einigen Gegenden könnten darum inzwischen bis zu einem Viertel der Bevölkerung mit HIV infiziert sein.
Text: F.A.Z., 21.07.2005
Bildmaterial: F.A.Z., Peter-Philipp Schmitt, Peter-Philippp Schmitt
