12. Oktober 2004 Im Skandal um das Rheumamedikament Vioxx gerät nun die Ärzteschaft wegen mangelnder Sorgfalt bei der Verschreibung in die Kritik. Vioxx wurde von vielen Ärzten zu großzügig verschrieben, obwohl es wesentlich teurer ist als klassische, lang eingeführte Präparate, deren Nebenwirkungen bekannt sind, sagte Heiner Berthold, Geschäftsführer der zur Bundesärztekammer gehörenden Arzneimittelkommission, der Rheinischen Post in Düsseldorf. Ärzte gingen oftmals zu unkritisch mit Hersteller-Informationen um.
Auch der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske warf Ärzten mangelnde Sorgfalt bei der Verschreibung von Medikamenten vor: Wir erleben erneut, daß Ärzte die zugegebenermaßen untypischen Nebenwirkungen eines neuen Produkts schlichtweg nicht wahrnehmen, sagte Glaeske der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.
Ärzte müssen Risiken mehr berücksichtigen
Sowohl mit dem Beipackzettel als auch über Fachinformationen seien Ärzte darüber informiert worden, daß Vioxx in Risikofällen unter anderem zum Herzinfarkt führen könne. Die Europäische Gesundheitsbehörde habe diesen Hinweis vor einigen Monaten noch weiter verschärft. Alle haben geahnt, daß es irgendwann knallt, sagte Glaeske. Es müsse für Ärzte endlich zum Pflichtprogramm werden, die Risiken neuer Mittel zu berücksichtigen.
Den Pharmaunternehmen warf Glaeske vor, sich dem Druck der Aktionäre zu beugen und neue Mittel auf den Markt zu drücken. Die Gefährdung der Patienten nimmt zu. Die gesetzlichen Krankenkassen forderte Glaeske auf, unabhängige Pharmareferenten in die Praxen zu schicken und Ärzte aufzuklären.
Bundesbeauftragte: Profit vor Patienteninteresse
Auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, griff die Industrie scharf an. Der Fall Vioxx ist ein typisches Beispiel dafür, wie unter dem Stichwort Innovation in Wirklichkeit oft Scheininnovationen auf den Markt kommen, sagte Kühn-Mengel der Hannoverschen Neuen Presse. Die Realität wird leider immer noch mehr vom Profit als von Patienteninteressen bestimmt, sagte Kühn-Mengel. Zunächst würden teure neue Präparate von der Pharmaindustrie aggressiv beworben. Nicht selten stelle sich in Langzeitstudien dann heraus, daß es gefährliche Nebenwirkungen gebe. Die Patientenbeauftragte forderte, die Arzneimittel-Kontrollen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen.
Der Leiter des für die Kontrollen von Medikamenten zuständigen Bundesinstituts für Arzneimittel, Reinhard Kurth, wies den Vorwurf mangelnder Kontrollen zurück. Das ist Unsinn, sagte Kurth im ZDF-Morgenmagazin. Seine Behörde habe bereits im Jahr 2000 dafür gesorgt, daß die Warnhinweise in allen europäischen Ländern deutlich verschärft worden seien. Außerdem hätten 99 Prozent der Patienten das Präparat hervorragend vertragen. Dennoch sei es richtig gewesen, Vioxx jetzt vom Markt zu nehmen.
Text: FAZ.NET mit Material von AP
Bildmaterial: AP