Von Antonius Kempmann
09. August 2006 Im März 2005 geschah das Unfaßbare: Eine 14 Jahre alte Schülerin aus der Wetterau starb an den Folgen einer Masernerkrankung. Das Mädchen war nicht geimpft gewesen. Im Wetteraukreis infizierten sich 95 weitere Personen, in ganz Hessen 270, zwanzig mußten stationär behandelt werden - die scheinbar harmlose Kinderkrankheit erwies sich als tückische Seuche.
Und die Gefahr scheint weiter zu wachsen: Hatten sich laut Robert-Koch-Institut, der zentralen Erfassungsstelle für alle meldepflichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland, im Jahr 2004 noch 121 Menschen mit Masern infiziert, waren es 2005 bereits 778. Für das erste Halbjahr 2006 belegt die Statistik schon mehr als 2180 Fälle. Mit den Masern kommen andere fast vergessene Infektionskrankheiten zurück: Auch der Keuchhusten tritt inzwischen in Deutschland wieder häufiger auf.
Immer noch lehnen manche Eltern Impfungen ab
Ähnliches ist in anderen Ländern zu beobachten. Großbritannien meldete im Juni eine Mumpsepidemie und den ersten Maserntodesfall seit 14 Jahren, in Rumänien starben im Dezember 2005 mindestens zehn Kinder an den Folgen der Masern. Die aktuelle Häufung von Masernerkrankungen könnte auf eine Nachlässigkeit bei den Impfungen in den neunziger Jahren zurückzuführen sein, vermutet Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Es falle auf, daß die typischen Kinderkrankheiten nun auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufträten. Dies könne daran liegen, daß die Kinder damals ihre Folgeimpfungen nicht erhalten hätten. Gewißheit gibt es darüber jedoch nicht.
Tatsache ist, daß die Durchimpfungsraten sich stetig verbessern. Etwa 90 Prozent der Erstkläßler sind einmal gegen Masern geimpft worden, die zweite Impfung setzt sich zunehmend durch: Hier konnten die Impfraten von 40 Prozent Mitte der neunziger Jahre bis zum heutigen Tag auf fast 70 Prozent gesteigert werden. Hessen liegt bei den Impfungen im Bundesdurchschnitt. Wir sind noch unzufrieden mit der Impfrate, sagt Peter Neumann vom Gesundheitsamt Frankfurt. Ärzte halten eine Impfrate von 95 Prozent für nötig, um eine Infektionskrankheit auszurotten. Generell ist die Impfbereitschaft in Deutschland hoch.
Dennoch gibt es Eltern, die Impfungen ablehnen, weil diese Krankheiten ihrer Ansicht nach zur natürlichen Entwicklung des Kindes gehören. Der Anteil der Impfgegner wird auf drei bis fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung geschätzt. Immer wieder ist von Masernpartys zu lesen, bei denen Eltern ihre Kinder absichtlich anstecken lassen. Aus Nordrhein-Westfalen, wo derzeit besonders viele Masernfälle gezählt werden, wird berichtet, daß es auch Ärzte gebe, die entgegen ihrer Pflicht Impfungen nicht empföhlen oder diese gar ablehnten. Wie oft so etwas vorkommt, ist aber schwer zu schätzen. Die bayerische Masernepidemie vom Jahr 2005 in Coburg konnte letztlich auf zwei Hausärzte zurückgeführt werden, die ihren Patienten systematisch vom Impfen abgeraten hatten.
Impfbereitschaft in der Bevölkerung schwankt
Die Statistiken sprechen deutlich für die schützende Spritze. Von den im Jahr 2005 an Masern Erkrankten waren nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 96 Prozent nicht geimpft. Zehn bis 20 Prozent von ihnen müssen mit einer Lungenentzündung, einer Mittelohrentzündung oder gar einer oft tödlichen Hirnhautentzündung rechnen. Komplikationen als Folge der Impfung sind dagegen sehr selten. Weniger als einer von 10.000 Menschen zeigt lebensgefährliche allergische Reaktionen auf die Injektion.
Trotz solch überzeugender Argumente schwankt die Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Ärzte sprechen vom sogenannten Paradox der Durchimpfung: In einer gut geimpften Gesellschaft ist die Gefahr, sich mit einer Infektionskrankheit anzustecken, sehr gering, was den einzelnen veranlassen mag, auf den Schutz zu verzichten. Tun dies jedoch mehrere, steigt die Gefahr für alle. Kommt es dann zu einer Epidemie wie 2005 in Hessen, werden die Eltern wieder vorsichtiger. Die Folge: Mehr Kinder werden geimpft. Dieses Jahr wurde sogar der Impfstoff knapp, berichtet Stephan Nolte vom Hessischen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Erfreuliche Konsequenz: Waren bis Juni vergangenen Jahres in Hessen bereits 265 Menschen an Masern erkrankt und ein Kind gestorben, liegt das Land nun mit 60 Erkrankungen im deutschen Durchschnitt.
Text: F.A.Z., 09.08.2006
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