
Der bezeichnende Satz:"-ganz zu schweigen von dem Prestigeverlust etwa für einen Elfjährigen, der täglich nach der Tagesschau im Bett liegen muß" beschreibt wohl am besten das eigentliche Problem: Es wird zu viel vor einem Kasten gesessen, anstatt sich miteinander zu beschäftigen. Fernsehen ist mitunter schädlicher als Trinken, Rauchen oder zuviel Essen. Nur wird das keiner so zugeben wollen, weil der Fernseher auch ein gewisses Prestigeobjekt ist. Ob man mit Fernsehen ein Problem hat merkt man immer dann, wenn die Kiste mal nicht funktioniert. Die Menschen sind nicht mehr in der Lage sich anderweitig zu beschäftigen, oder anders gesagt, sie bekommen den Hintern nicht mehr vom Sofa hoch. Und das sind die Folgen: Schlafstörungen, Übergewicht und soziale Inkompetenz. All die Punkte, die im Bericht auch auftauchen, nur eben als Folge des Schlafmangels. Wenn die Schule morgens eine Stunde später anfängt, wird abends einfach länger in die Glotze geschaut und das wars. Würde man die Fernsehübertragung nach 21:00 Uhr einfach abschalten, wäre der Effekt für die Kinder sicherlich besser.

Möglicherweise hat der alte Fuchs Oettinger da eine Nebelkerze geworfen: zur Zeit laufen in Baden-Württemberg Info- und Diskussionsveranstaltungen zum achtjährigen Abitur, das seit 2 oder 3 Jahren eingeführt wurde - die Praxis (Eltern und Lehrer) sind einmütig dagegen - Frau Schavan schwebt jetzt in der Bundespolitik, die juckt es nicht mehr. Bevor Oettinger das ausbaden muß, hat er ein kleines Ablenkungsmanöver gestartet. Und: die Lehrer würden dann ja auch eine Stunde später nach Hause kommen - wer kann das wollen?

Und wieder werden die Kinder billig instrumentalisiert, damit unsere Lehrkörper endlich fürstlich ausschlafen können. Wo gibt's denn auch so was! Wie ein Untertan morgens zur Arbeit gehen!

Harsch gesagt, zäumt die Diskussion um "zu frühen Schulbeginn" das Pferd am Schwanz auf. Fängt die ungeliebte Schule später an, kann man abends eine Stunde länger Fernsehen und alles bleibt beim alten.
Als man mich einschulte (1929) begannen wir sommers um halb acht und im Winter um 8.15. Selten war einer verspätet, denn man wurde ermahnt oder gar eingetragen. Geschlafen haben wir auch in der ersten Schulstunde nicht, es lag nur am Lehrer sie so zu gestalten, daß wir aufmerksam blieben. Nachmittags machten wir Hausaufgaben und wurde dann zum "Spielen" hinausgeschickt und das hieß Bewegung. Bewegung macht müde und als Folge gingen wir abends bald ins Bett.
Seit Fernsehen das Spielen der Kinder an frischer Luft ersetzt - ist ja auch spannender - und auch noch nahezu ganztätig verfügbar ist, fehlt es an Bewegung, die Kinder sind abends nicht müde, gehen zu spät schlafen und sind deshalb zur Zeit des Schulbeginns unausgeschlafen. Begänne die Schule eine Stunde später, änderte sich, wie eingangs gesagt, garantiert nichts, man sähe abends eben noch länger fern.
Die dicken Schüler kommen nicht von zu frühem Schulanfang, sondern, abgesehen von verbreiteten Ernährungsfehlern, von zu wenig Bewegung. In meiner Zeit war ein "Dicker" eine Rarität.
Dr. Hans Chr. Riedelbauch