Von Richard Friebe
22. Januar 2006 Selten hat ein kleiner Artikel, nur 21 Zeilen in einem Nachrichtenmagazin, so viel Aufsehen erregt wie jener am vergangenen Montag im Spiegel. Günther Oettinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, will Schüler im Ländle eine halbe oder ganze Stunde später zur Schule schicken, hieß es da.
Nie zuvor werden Kinder in Deutschland ihren Landesvater je spontan so geliebt haben. Der Ditzinger begründet seinen Vorstoß vor allem damit, daß Schüler dann eher die Chance auf ein Frühstück mit der Familie hätten. Das soll den Zusammenhalt der Keimzelle der Gesellschaft stärken.
Oettinger bekam reichlich Beifall, nicht nur von müden Noch-nicht-Wählern, sondern eigentlich von jedem, der sich noch erinnern kann, wie es ist, Kind zu sein und zu gefühlter Mitternachtsstunde rauszumüssen. Kritik kam von jenen, die einen späteren Schulbeginn für nicht organisierbar und finanzierbar halten, und von Lehrerorganisationen, die um die Nachmittagsfreizeit der Kinder - und wohl auch ihre eigene - fürchten.
Schlafen um halb neun
Nun kann man hin und her diskutieren, beispielsweise wie dieser Tage wieder über die Kosten der Kinderbetreuung in Deutschland generell, über Ganztagsschulen, an denen ein späterer Schulbeginn kaum ein Problem wäre, und darüber, wer sich denn um die Kinder, die wegen der Arbeitszeiten ihrer Eltern trotzdem früh rausmüssen, kümmern soll. Man kann aber auch fragen, was denn neben einem hypothetischen gemeinsamen Frühstück mit Papa und Mama an Vorteilen eines späteren Schulbeginns wirklich bekannt und belegt ist.
Für Jürgen Zulley, der durch ein erfolgreiches Sachbuch im vergangenen Jahr zu Deutschlands bekanntestem Schlafforscher avancierte, kommt das Mitternachtsgefühl am Morgen jedenfalls nicht von ungefähr. Kinder seien, durch ihren Biorhythmus bedingt, morgens um acht ungefähr so leistungsfähig wie nachts um zwölf, sagte der Professor vom Regensburger Schlaflabor all den Journalisten, die ihn zu Oettingers Vorstoß befragten.
Wer auch noch das Pech eines langen Schulwegs hat, muß nicht selten schon deutlich vor sechs aus den Federn, um dann pünktlich für die ersten Stunden wieder in einen Dämmerzustand zu verfallen. Das häufig vorgebrachte Gegenargument, daß die Kleinen dann eben früher ins Bett müssen, läßt sich kaum durchsetzen. Denn wo um halb sechs der Wecker klingelt, sollten die Kinder bei einer empfohlenen Schlafdauer von neun Stunden um halb neun nicht nur im Bett, sondern bereits eingeschlafen sein.
Verschiebung der biologischen Rhythmuskurve
Das ist nicht sehr realistisch - ganz zu schweigen von dem Prestigeverlust etwa für einen Elfjährigen, der täglich nach der Tagesschau im Bett liegen muß. Er wird Mittel und Wege finden, seine Eltern von seinem geringeren Schlafbedürfnis zu überzeugen. Vor allem aber läßt sich die innere Uhr nicht beliebig umstellen. Tageslicht, Mahlzeiten und andere soziale Interaktionen takten sie.
Der Ruf aus den Reihen der Wissenschaftler nach einem späteren Unterrichtsbeginn ist auch nicht ganz neu. Zulley warnt seit Jahren vor der Acht-Uhr-Schulklingel. Ähnlich der Münchener Chronobiologe Till Roenneberg, der etwa gegenüber der Deutschen Presse-Agentur schon Anfang 2002 vor schwerwiegenden Folgen des frühen Schulbeginns warnte. Nicht nur die Leistungen sind seiner Ansicht nach bedroht, sondern auch das Leben des müden, unaufmerksamen Kindes auf dem Schulweg.
Zahlreiche Studien in Deutschland und anderen Ländern haben gezeigt, daß ein Großteil der Schüler mit einem chronischen Schlafdefizit herumläuft. Vor allem während der Pubertät verschiebt sich - ganz unabhängig von Unterhaltungselektronik oder Freizeitgestaltung - die biologische Rhythmuskurve hin zu späterer Müdigkeit und späteren Aufstehzeiten. Den Zusammenhang zwischen nachhaltiger Lernleistung und ausreichendem Schlaf bezweifelt niemand.
Zu wenig Schlaf schädigt Herz und Immunsystem
Mehrere Studien, etwa von Wissenschaftlern aus Cuenca in Spanien und vom amerikanischen Forest Institute of Professional Psychology, haben auch die Verbindung zwischen Schlafzeiten und schulischem Erfolg insgesamt bestätigt. Mehr Nachtruhe ist also vielleicht ein bessereres Pisa-Instrument als manche Unterrichtsreform.
Zuwenig Schlaf kann zudem das Herz schädigen und schwächt das Immunsystem. Kinder und Jugendliche mit Schlafmangel haben eher Probleme mit ihrem Selbstbewußtsein, neigen verstärkt zu Depressionen, so das Ergebnis einer Studie von Katia Fredriksen von der University of Massachusetts in Boston von 2004.
Ein weiteres Argument für mehr Schlaf hat es bisher allerdings kaum aus den akademischen Schubladen herausgeschafft. Wenig und schlechter Schlaf scheint häufig auch mit Übergewicht oder Fettleibigkeit im Zusammenhang zu stehen. Die Hinweise darauf, daß hier tatsächlich Ursachen für Gewichtsprobleme liegen könnten, verdichten sich in letzter Zeit.
Schlechte Schläfer sind dicker
Schon 2002 veröffentlichte eine Gruppe von Kinderärzten um Rüdiger von Kries von der Universität München Befunde an Fünf- und Sechsjährigen aus Bayern. Ihr Ergebnis: je weniger Schlaf, desto höher der sogenannte Body-Mass-Index, der das Gewicht in Relation zur Körpergröße mißt. Wir waren überrascht, wie klar dieser Zusammenhang war, irgendwelche Störeffekte konnten ihn jedenfalls nicht erklären, sagt von Kries.
Ähnliche Ergebnisse gibt es inzwischen aus zahlreichen anderen Ländern, unter anderem aus Brasilien und den Vereinigten Staaten. Eine im vergangenen Oktober im Fachmagazin Sleep erschienene Studie, bei der die Gewichts- und Schlafdauerentwicklung an fast 10.000 Teilnehmern über zehn Jahre verfolgt wurde, liefert das bisher stärkste Argument dafür, daß Leute nicht schlecht schlafen, weil sie dick sind, sondern umgekehrt. Umgekehrt könne, sagt Susan Redline von der Case Western University in Cleveland, wenn jemand sehr dick ist, sich das auch auf die Schlafqualität auswirken: Solch ein Teufelskreis ist sehr gut möglich.
Redline gehört zu den wenigen, die die Spur des Zusammenhanges von Schlaf und Körpergewicht konsequent verfolgen. Eine andere ist Karine Spiegel von der Universite Libre in Brüssel. Ihre Arbeiten liefern auch eine mögliche physiologische Erklärung. Spiegel untersuchte bei Versuchspersonen, denen wenig oder viel Schlaf verordnet wurde, die Konzentrationen der Hormone Leptin und Ghrelin im Blut. Leptin, seit gut zehn Jahren als Schlankhormon gehandelt, wird während eines Schlafdefizits weniger produziert, das appetitanregende Ghrelin dagegen deutlich mehr. Und die Probanden aus der Wenigschläfer-Gruppe, die alle gleich viel zu essen bekamen, berichteten auch von größerem Hunger.
Regelsysteme überschneiden sich
Jeffrey Flier von der Harvard University hat noch andere metabolische Regelkreise im Verdacht, beispielsweise eine Beteiligung des Stresshormons Cortisol, das nachgewiesenermaßen Fetteinlagerungen bewirkt. Die Regelsysteme für Schlaf und Körpergewicht im Gehirn scheinen sich sogar an der einen oder anderen Stelle zu überschneiden.
Der Nervenbotenstoff Orexin etwa wird von Neuronen im lateralen Hypothalamus ausgeschüttet, einem als Nahrungsaufnahmezentrum bekannten Teil des Zwischenhirns. Wird Versuchstieren dieses Neuropeptid ins Gehirn gespritzt, beginnen sie, große Mengen zu fressen (orexigen bedeutet appetitanregend). Ein Mangel an Orexin dagegen wirkt sich nicht nur auf den Appetit aus, sondern ist auch einer der wichtigsten Auslöser der Narkolepsie. Bei dieser Krankheit werden Betroffene auch tagsüber immer wieder von Schlafattacken heimgesucht.
Wie all diese und wahrscheinlich noch einige andere Mechanismen zusammenspielen, weiß bisher niemand. Überhaupt wird Schlaf und Schlafforschung erst seit vielleicht fünf oder sechs Jahren wirklich wissenschaftlich wahrgenommen, sagt der Lübecker Neuroendokrinologe Jan Born, aber der Einfluß des Schlafes auf das metabolische Gedächtnis ist längst nicht mehr wegzudiskutieren.
Sport, Diät und länger Schlafen
Und die naheliegende Erklärung, daß Wenigschläfer vor dem Fernseher einfach gewohnheitsmäßig als Teil ihres Lifestyles mehr Chips essen würden, sei falsch. Das zeigen zum Beispiel auch Versuche mit Ratten, die man wenig schlafen läßt. Die fressen dann insgesamt mehr und nehmen zu.
Überraschend ist, daß angesichts der vielbeschworenen angeblichen Übergewichts-Epidemie bei Kindern bisher niemand auf den Gedanken gekommen zu sein scheint, es statt mit Sport und Diät mal damit zu versuchen, Kindern mehr Schlaf zu verschreiben. Jeffrey Flier gibt da zu bedenken, daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen wenig Schlaf und viel Gewicht nicht endgültig bewiesen sei. Er würde aber trotzdem beginnen, das in der Praxis in Therapie und Prävention zu integrieren.
Das wäre absolut die richtige Strategie, sagt auch Susan Redline. Der Datenberg, der zeigt, daß Schlaf mindestens gleichberechtigt mit Ernährung und Sport zur gesundheitlichen Vorbeugung gehört, wächst ja ständig. Wie das zu bewerkstelligen ist, dazu haben sie und ihre Kollegen erste Studien begonnen. Ergebnis bisher: Unter stabilen sozialen Verhältnissen, wo Eltern Pläne für Fernsehen, Internet, Computerspiele und Licht-aus-Zeiten festlegen, ist ein Mehr an Schlaf durchaus zu erreichen.
Sozialstatus und Schlafzeiten
Hier liegt allerdings auch das größte Problem. Übergewicht gibt es, sowohl in Amerika als auch in Deutschland, überproportional häufig in Migrantenfamilien und solchen mit niedrigem sozioökonomischem Status, im ärmeren Teil der Gesellschaft also. Daß Fettleibigkeit einen sozialen Gradienten hat, ist klar nachgewiesen, sagt der Münchener Kinderarzt von Kries. Der gleiche Zusammenhang findet sich auch bei der Nachtruhe.
Kinder aus sozial schwachen Familien schlafen weniger. Redline untersucht diese Verbindung derzeit näher: Es scheint so, daß ein niedriger Sozialstatus zu kürzeren Schlafzeiten führt, was dann zur Übergewichtsproblematik beitragen könnte. Verhaltensänderungen in sozial schwachen Familien zu erreichen ist allerdings erfahrungsgemäß nicht einfach.
Oettinger will demnächst auf einer gemeinsamen Sitzung mit dem Münchener Kabinett seine Pläne vorstellen. Wenn es der Staat morgens und die Familie abends bewerkstelligen, Kindern mehr Schlaf zu verschaffen, ist die Hoffnung auf vielfältige positive Effekte berechtigt. Vorausgesetzt, es gibt keine müden Kompromisse.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.01.2006
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