Mehrlingsgeburten

Doppelt im Rampenlicht

Von Christina Hucklenbroich

Jetzt schon zu acht: Angelina Jolie und Brad Pitt liegen auch mit Zwillingen im Trend

Jetzt schon zu acht: Angelina Jolie und Brad Pitt liegen auch mit Zwillingen im Trend

14. Juli 2008 Susanne Holst nennt es den „klassischen Scheinwerfereffekt“: Besonders unter berühmten Schauspielerinnen scheine die Rate an Zwillingsgeburten hochzuschnellen, sagt die Moderatorin der „Tagesschau“, die vor ihrer Fernsehkarriere ein Medizinstudium absolvierte. „Aber wenn ich mich in meinem Hamburger Stadtteil an der Alster umschaue, dann sehe ich auch eine ganze Menge schicker Zwillingskarren mit glücklichen Müttern. Nur schreibt keiner über sie, und ihre Bilder erscheinen nicht in der Yellow-Press.“ Als Susanne Holst vor drei Jahren Mutter von Jella und Tassilo wurde, genoss sie dabei weniger Anonymität. Sobald die Schwangerschaft bekannt wurde, titelte die „Bild am Sonntag“: „Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Zwillings-Schau.“

Bringen prominente Frauen Zwillinge zur Welt, wird das mit doppelt so großer Neugier beobachtet wie bei einem einzelnen Baby. Kaum ein Bauch wurde in den vergangenen Monaten so oft fotografiert wie der von Angelina Jolie, als sie auf dem Filmfestival in Cannes erklärte, dass sie zwei Babys erwarte. Der Preis für die Exklusivfotos der beiden Kinder, die sie am Samstagabend zur Welt brachte, zeigt das schier grenzenlose Interesse erstens an den Stars und zweitens an Zwillingen. Ähnlich ging es anderen Prominenten, die Zwillinge bekamen. Und deren Liste ist lang: Julia Roberts, Jennifer Lopez, Holly Hunter, Geena Davis, Marcia Cross (“Desperate Housewives“) und Jillian Dempsey, die Frau von Patrick Dempsey (“Grey's Anatomy“) gehören zu Hollywoods Zwillingsmüttern. Auch Lisa Marie Presley soll mit Zwillingen schwanger sein.

Eine Folge der Fruchtbarkeitsbehandlungen

Jennifer Lopez hat ebenfalls kürzlich Zwillinge bekommen

Jennifer Lopez hat ebenfalls kürzlich Zwillinge bekommen

Der Trend wird bei Stars besonders sichtbar - betrifft aber auch viele Normalsterbliche. Die Zwillingsrate ist in den Vereinigten Staaten seit 1980 um 70 Prozent gestiegen. Zurzeit kommen auf 1000 Geburten 32 Zwillingspaare. In Deutschland lag die Rate der Zwillingsgeburten nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst stabil bei neun bis elf pro 1000 Geburten. Erst seit Ende der Achtziger erhöht sie sich stetig. Zur Zeit bringen von 1000 Schwangeren 16 ein Zwillingspaar zur Welt. Und Thomas Katzorke, Leiter des Zentrums für Reproduktionsmedizin in Essen, kennt den Grund dafür: „Das ist eindeutig ein Effekt der Fruchtbarkeitsbehandlungen, die man ab etwa 1985 eingesetzt hat.“

Die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, kann man mit zwei Methoden erhöhen: Hormonstimulation und künstliche Befruchtung. „Wenn eine Frau trotz Kinderwunsch nicht schwanger wird, beginnt man meist zunächst mit der Hormonstimulation“, sagt Katzorke. Tabletten mit dem Wirkstoff Clomifen oder Spritzen mit dem follikelstimulierenden Hormon FSH lassen unter Umständen gleich mehrere Eizellen in den Eierstöcken der Frau reifen. Beim Geschlechtsverkehr können zwei davon gleichzeitig befruchtet werden - von zwei verschiedenen Spermien. Die zweieiigen Zwillinge, die dabei entstehen, sind genetisch so unterschiedlich wie Geschwister, aber eben gleichaltrig.

Drillinge als Kunstfehler

Bleibt die Hormonstimulation ohne Erfolg, entscheiden sich viele Paare zu einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas. Unter lokaler Betäubung oder kurzer Vollnarkose werden der Frau mehrere Eizellen entnommen und außerhalb des Körpers gemeinsam mit den Spermien des Mannes in eine Nährlösung gebracht, die günstige Bedingungen für die Verschmelzung schafft. Werden drei der so entstandenen Embryonen in die Gebärmutter übertragen, kommt es in einem Viertel der Fälle zu Zwillingen und bei fünf Prozent der Patientinnen sogar zu Drillingen. „Drillinge werden mittlerweile schon fast wie ein Kunstfehler betrachtet“, sagt Katzorke. Und auch Zwillinge gelten als Risiko, über das die Paare vor Fruchtbarkeitsbehandlungen aufgeklärt werden müssen.

Die Mediziner befürchten insbesondere Frühgeburten und in der Folge Entwicklungsstörungen der Kinder. „Die Patienten reagieren aber üblicherweise mit der Haltung: Zwillinge sind kein Problem“, berichtet Thomas Katzorke. „Die meisten freuen sich darüber“, sagt auch Jan Krüssel, der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, der am Kinderwunschzentrum der Universität Düsseldorf arbeitet. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Studie einer dänischen Fruchtbarkeitsklinik, die Ende 2007 in „Human Reproduction“ veröffentlicht wurde: Fast 60 Prozent der befragten Eltern in spe bevorzugten Zwillinge gegenüber einem einzelnen Kind. Die Hauptgründe waren der Wunsch nach Geschwisterkindern, eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Zwillingen und die Absicht, die Gesamtzahl der körperlich und psychisch belastenden Fruchtbarkeitsbehandlungen zu vermindern.

Durch künstliche Befruchtung entstandene Zwillinge müssen häufiger medizinisch behandelt werden

Ärzte sehen die Sache anders. „Das Ziel der Reproduktionsmedizin ist eine Einzelschwangerschaft“, sagt Katzorke. Studien haben ergeben, dass durch künstliche Befruchtung entstandene Zwillinge häufiger nach der Geburt intensivmedizinisch betreut und chirurgisch behandelt werden müssen als Einlinge, die im Reagenzglas gezeugt wurden. Die Mediziner können bei der Reagenzglas-Befruchtung durchaus Einfluss auf die Zahl der Kinder nehmen, indem sie nur einen oder zwei Embryonen „zurückgeben“, wie Ärzte das Einsetzen in die Gebärmutter umschreiben. Oftmals stirbt mindestens einer der Embryonen und wird dann vom Immunsystem der Mutter abgebaut. Gerade Eltern, die schon mehrere vergebliche Versuche hinter sich haben, wünschen sich deshalb, dass möglichst viele Embryonen eingesetzt werden. Diesen Wunsch sollte man respektieren, sagt die Gynäkologin Viola Schneider vom Charité-Kinderwunschzentrum in Berlin. „Die Paare haben oftmals schon so viel hinter sich. Beim ersten Versuch sind wir vorsichtig und übertragen höchstens zwei Embryonen. Wir empfehlen aber drei Embryonen, wenn die Frau älter ist als 38.“

Die Mutter von Hazel und Phinnaeus, die 2004 zur Welt kamen: Julia Roberts

Die Mutter von Hazel und Phinnaeus, die 2004 zur Welt kamen: Julia Roberts

Mehr als drei Embryonen dürfen in Deutschland ohnehin nicht eingesetzt werden. „In den Vereinigten Staaten gab es lange Zeit überhaupt keine Reglementierung“, sagt Jan Krüssel, der Mitte der neunziger Jahre an der Universität Stanford geforscht hat. „Erst vor wenigen Jahren hat man sich auch dort zu einer Empfehlung entschlossen. Heute rät man dort Frauen unter 35, sich höchstens zwei Embryonen einsetzen zu lassen.“ Verpflichtend sei das aber nicht. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass bei Frauen über 40 in Amerika auch sechs oder sieben Embryonen eingesetzt wurden.“ Ärzte töten dann unter Umständen mehrere der Föten mit einer Injektion in Nabelschnur oder Herz, um die Entwicklungschancen der verbleibenden Kinder zu erhöhen.

Zwillinge können familiär gehäuft auftreten

Die meisten Stars schweigen zu der Frage, warum sie Zwillinge bekommen. Julia Roberts, die 2004 Hazel und Phinnaeus zur Welt brachte, berichtete in der Oprah-Winfrey-Show, Zwillinge lägen in ihrer Familie, auch ihre Urgroßmutter habe Zwillinge gehabt. Und der Vater von Jennifer Lopez, die im Februar die Zwillinge Emme und Max zur Welt brachte, sagte in einem Fernsehinterview, es gebe einen Hang zu Zwillingsgeburten in der Lopez-Familie. Tatsächlich können Zwillinge familiär gehäuft auftreten. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass bei älteren Frauen mehr Eizellen gleichzeitig reifen als bei jüngeren. Als Ursache für den Zwillingsboom werden auch Stress und unregelmäßige Arbeitszeiten diskutiert. Sie können den Zyklus von Frauen so stören, dass Hormongaben notwendig werden - zumal es in Hollywood feste Drehtermine erforderlich machen, eine Schwangerschaft genau vorausplanen zu können.

Marcia Cross war 44 Jahre alt, als ihre Zwillinge geboren wurden

Marcia Cross war 44 Jahre alt, als ihre Zwillinge geboren wurden

Nur wenige Stars berichten so offen über ihre Erfahrungen mit der Reproduktionsmedizin wie die Schwestern Martie Maguire und Emily Robison. Die Mitglieder der Frauen-Country-Band „Dixie Chicks“ ließen sich von „Conceive“ befragen - einem Magazin, in dem es nur um Elternschaft geht. Maguire, heute 38, und Robison, heute 35 Jahre alt, bekamen jeweils Zwillinge nach künstlicher Befruchtung. „Wir ließen drei Embryonen einsetzen, und ich wurde mit Zwillingen schwanger“, sagt Robison schlicht. Heute ist sie Mutter von Julianna und Henry, die drei Jahre alt sind. Auch ihre ältere Schwester Martie Maguire wurde erst nach künstlicher Befruchtung schwanger. Sie hat die heute vierjährigen Zwillinge Eva und Kathleen. „Etwa die Hälfte unserer Freunde befinden sich in irgendeiner Art von Fruchtbarkeitsbehandlung“, sagt Emily Robison.

„Familienplanung läuft anders als vor 50 Jahren“

Mediziner machen in erster Linie das gestiegene Alter der Eltern dafür verantwortlich, dass die Reproduktionsmedizin immer häufiger in Anspruch genommen werden muss. „Je älter die Frau ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die befruchtete Eizelle sich in die Gebärmutterschleimhaut einnistet“, sagt Jan Krüssel. Marcia Cross war 44, Holly Hunter 47 und Geena Davis 48, als sie ihre Zwillinge zur Welt brachten. In den Vereinigten Staaten ist eine von fünf Geburten von Frauen ab 45 Jahren eine Zwillingsgeburt; bei Frauen unter 20 sind es dagegen weniger als zwei Zwillingspaare unter 100 Geburten. „Wir sollten uns daran gewöhnen, dass Familienplanung bei vielen Frauen anders läuft als noch vor 50 Jahren, nämlich nach hinten verschoben“, sagt Susanne Holst. Es sei eine ganz persönliche Entscheidung, ob Paare dabei die Unterstützung der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen wollen oder nicht. „Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr über dieses Thema sprechen werden. Wir können also ruhig schon mal damit anfangen, uns daran zu gewöhnen, dass wir Zwillinge künftig öfter sehen werden.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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