Direktorin des Weltbevölkerungsfonds

„Wir haben eine Kondomkrise“

“Frauen müssen frei entscheiden können“: Thoraya Ahmed Obaid

"Frauen müssen frei entscheiden können": Thoraya Ahmed Obaid

21. Oktober 2006 Am Donnerstag und Freitag fand das Herbsttreffen der „Reproductive Health Supplies Coalition“ (RHSC) in Bonn statt. Unter anderem wurde auch über den Mangel an Verhütungsmitteln in den Entwicklungsländern gesprochen, weil die Geberländer in den vergangenen Jahren immer weniger Geld zur Verfügung gestellt haben.

Insgesamt fehlen nach Angaben des Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) rund 500 Millionen Dollar, bis zum Jahr 2015 werden es knapp 750 Millionen sein. Die Folge sind jährlich 265 Millionen ungewollte Schwangerschaften und 110 Millionen unnötige Abtreibungen. Thoraya Ahmed Obaid stammt aus Saudi-Arabien und ist seit Januar 2001 Direktorin des UNFPA und spricht im Interview mit der F.A.Z. über Aids, Nachteile von Kondomen und ihren Wunsch.

Was bedeutet „reproductive health“?

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht es bei „reproductive health“ um die mentale und physische Gesundheit des Menschen - ganz besonders von Frauen - vor, während und nach der fruchtbaren Lebensphase.

„to reproduce“ heißt auf deutsch „sich fortpflanzen“. Sie reden in Bonn aber vor allem über Verhütungsmittel.

Die Fortpflanzung betrifft einen bestimmten Zeitabschnitt im Leben einer Frau. Und Frauen haben das Recht, selbst zu entscheiden, wann sie schwanger werden, wieviele Kinder sie haben wollen und wie groß der Abstand zwischen den Schwangerschaften ist. Dazu brauchen sie Verhütungsmittel.

Welche Rolle spielt Aids bei ihren Überlegungen?

Aids ist nun mal vor allem eine Krankheit, die beim Sex übertragen wird. Für uns ist es daher wichtig, daß Frauen vor, während und nach ihrer Schwangerschaft auch zum Thema HIV und Aids beraten werden. Beides miteinander zu verbinden, bringt eine Reihe von Vorteilen: Es spart Zeit und Geld. Und es hilft Frauen, wenn sie nicht in eine Aidsklinik gehen müssen, sondern sie ein allgemeines Gesundheitszentrum haben. Aidskranke werden ja immer noch stigmatisiert.

Gibt es ein besonders gutes Verhütungsmittel?

Es gibt nicht das beste Verhütungsmittel, Frauen müssen sich individuell entscheiden. Sie sollen sich mit ihrem Verhütungsmittel wohlfühlen. Wichtig ist, daß sie sich frei entscheiden können.

Welche Rolle spielen Kondome?

Kondome für Männer haben den Nachteil, daß Frauen oft keinen Einfluß darauf haben, ob ihre Partner sie verwenden. Das wollen wir ändern. Darum investieren wir zum Beispiel in Mikrobiozide, vaginale Substanzen, die vor HIV schützen. Allerdings wird es wohl noch fünf bis sechs Jahre dauern, bevor sie auf den Markt kommen.

Die Gesundheit von Frauen hängt von ihren Männern ab.

Oft ist da so. Wir müssen leider davon ausgehen, daß ein aidskranker Mann in Afrika im Schnitt fünf bis sechs Frauen infiziert. Und das liegt natürlich nicht nur an der Kondomkrise: Allerdings stehen einem afrikanischen Mann tatsächlich im Schnitt nur zwischen sieben und neun Kondomen im Jahr zur Verfügung, was natürlich viel zu wenig ist. Deswegen fordern wir, daß mehr Geld für die Kondomproduktion ausgegeben wird.

Wie sicher sind Kondome?

Kondome sind noch immer die einzige wirksame Möglichkeit, sich vor HIV zu schützen. Alle Studien belegen, daß Kondome, wenn sie richtig und bei jedem Geschlechtsakt eingesetzt werden, hundertprozentig vor einer HIV-Infektion schützen. Solange nichts Neues entwickelt wird, sind wir von Kondomen abhängig - außer Menschen sind ihr Leben lang abstinent, was unmenschlich ist. Ich rede übrigens nicht nur von Kondomen für Männern, sondern auch von Kondomen für Frauen, die allerdings vergleichsweise teuer und nicht sehr verbreitet sind. Auch sie bieten Frauen die Möglichkeit, das Risiko einer HIV-Infektion so gut wie zu vermeiden.

Wünschen Sie sich, daß Frauen eines Tages nicht mehr von ihren Männern und Kondomen abhängig wären?

Ich wünsche mir vor allem, daß wir die Krankheit Aids ausrotten. Das würde unsere Arbeit erheblich erleichtern.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.



Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite 8
Bildmaterial: UNFPA

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