Medikamentenskandal

Auch in Deutschland viele Vioxx-Opfer?

10. Oktober 2004 Vor dem Rückruf Ende September hat das Schmerzmittel Vioxx vermutlich auch in Deutschland zahlreiche Todesfälle verursacht. Nach Hochrechnungen hat das Präparat bei bis zu 2.700 Patienten zu Schlaganfällen, Thrombosen und Herzinfarkten geführt. Das sagte Peter Sawicki, Leiter des neuen Instituts für Qualität im Gesundheitswesen, am Wochenende. "Ein Teil dieser Menschen wird diese gefährlichen Nebenwirkungen nicht überlebt haben."

Den Berechnungen liegen die von den Krankenkassen erstatteten 125 Millionen Tagesdosen des Jahres 2003 zugrunde. Demnach gibt es in Deutschland bis zu 430.000 Vioxx-Patienten. Das Präparat der amerikanischen Pharmafirma Merck wurde Ende September auf der ganzen Welt vom Markt genommen. In einer Studie war zuvor eine Verdoppelung von Herzattacken und Schlaganfällen nachgewiesen worden, wenn das Mittel mehr als 18 Monate lang eingenommen wurde. Sawicki bezog sich bei seinen Berechnungen auf die Ergebnisse dieser Studien. Für die Vereinigten Staaten wird hochgerechnet, daß statistisch 27.785 Herzattacken und Herztode zwischen 1999 und 2003 vermutlich hätten verhindert werden können, wenn die Patienten statt Vioxx andere Mittel genommen hätten.

Nebenwirkungen waren bekannt

Hinweise auf die Nebenwirkungen gab es offenbar schon seit 1999, als Vioxx, das zuletzt in 80 Ländern vertrieben wurde, zunächst in den Vereinigten Staaten zugelassen wurde. So hatte es die amerikanische Zulassungsbehörde FDA Merck untersagt, das Mittel mit einer vermeintlich besseren Verträglichkeit zu bewerben. Der Bremer Pharmakologe Peter Schönhöfer sagte im "Spiegel", daß die deutschen Zulassungs- und Aufsichtsbehörden auf die Berichte der amerikanischen Kollegen nicht adäquat reagiert hätten. Fachleute hatten schon lange vor der Thrombosegefahr durch Vioxx gewarnt, und das Unternehmen habe davon gewußt.

Ähnliche Medikamente stehen nun im Verdacht, ebenfalls gravierende Nebenwirkungen zu haben. Es gehe um die gesamte Wirkstoffgruppe der sogenannten Cox-2-Hemmer, sagte Bruno Müller-Oerlinghausen von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Mediziner hätten bisher mehr als 1.000 Meldungen über Komplikationen mit Vioxx an die Ärztekammern geschickt, davon 198 über Herz- und Kreislaufprobleme. In 28 Fällen werde über Herzversagen bei Vioxx-Patienten berichtet.

Erste Sammelklage in Amerika

Der deutsche Merck-Ableger MSD Sharp & Dohme GmbH widersprach dem Vorwurf der Vertuschung. Man habe Ärzte und Behörden stets frühzeitig informiert. In der Approve-Studie, die zur freiwilligen Marktrücknahme von Vioxx geführt habe, sei keine erhöhte Todesfallrate aufgetreten. Die nun veröffentlichten Zahlen seien Spekulation und entbehrten einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.

Der Opferanwalt Andreas Schulz macht inzwischen im Namen von Angehörigen eines verstorbenen Vioxx-Patienten Schadenersatzansprüche gegenüber MSD geltend, wie "Focus" meldet. Der herzkranke Mann habe zweieinhalb Jahre lang Vioxx genommen und sei im Dezember 2002 an einer Lungenentzündung und an Herzrhythmusstörungen gestorben. Im Auftrag mehrerer angeblich Vioxx-Geschädigter prüft Schulz nun, ob man sich einer Sammelklage in Amerika anschließen kann. In den Vereinigten Staaten ist derweil die erste Sammelklage gegen das Pharmaunternehmen eingegangen. Darin wird dem Konzern vorgeworfen, die Öffentlichkeit und Gesundheitsdienstleister nicht über die Risiken von Vioxx informiert zu haben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004, Nr. 237 / Seite 9

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