25. April 2006 Im Kampf gegen Aids gewinnen Mikrobiozide immer mehr an Bedeutung (Siehe: Interview: "Auch Frauen müssen sich vor HIV schützen können"). Die erstmals in Kapstadt stattfindende Konferenz Microbicides 2006 zeigt das enorme Potential dieser wichtigen Substanzen. Ein Gespräch mit der Medizinerin Kim Dickson aus Ghana, Leiterin der Konferenz und Mitarbeiterin der WHO in Genf.
Worin liegt die Bedeutung der Konferenz Microbicides 2006?
Afrika und vor allem die afrikanischen Frauen sind besonders von HIV und Aids betroffen. Insofern ist es von großer Bedeutung, daß diese Konferenz erstmals auf diesem Kontinent stattfindet. Es geht hier ja um eine Technik, die sich in erster Linie an Frauen richtet, die aber auch Männer, die mit Männern Sex haben, rektal werden nutzen können. Diese Konferenz soll zeigen, daß Afrikaner nicht nur von HIV und Aids betroffen sind, sondern daß afrikanische Wissenschaftler in der Mikrobiozide-Forschung mitarbeiten. Wir sind nicht nur ein Experimentierfeld, auch wenn die meisten Produkte in klinischen Studien in Afrika getestet werden.
Wie groß ist die Unterstützung für Mikrobiozide von seiten der Politik?
Die südafrikanische Regierung unterstützt uns großzügig, nicht nur finanziell. Gleich zwei Minister sind zur Konferenz gekommen: die Gesundheitsministerin und der Wissenschaftsminister. Zudem sind zwei Regierungsmitglieder aus Uganda und aus Ruanda hier und ein Vertreter der Europäischen Kommission. Der Kontakt zu ranghohen Politikern in Europa ist indes schwierig, die finanzielle Unterstützung europäischer und nordamerikanischer Regierungen wiederum ist hoch: vor allem aus Irland, Kanada, Schweden, den Niederlanden.
Was ist mit der deutschen Regierung?
Die deutsche Regierung hat uns bislang nicht unterstützt. Es gab zwar einige Gespräche, und man hatte mich an die Kreditanstalt für Wiederaufbau verwiesen - doch ohne Erfolg.
Welche Entwicklungen stehen in Kapstadt im Zentrum des Interesses?
Sechs vielversprechende Mikrobiozide werden schon in der klinischen Phase III getestet. Erste Ergebnisse liegen vor. Darüber hinaus sind einige Neuentwicklungen Thema, zum Beispiel Mikrobiozide, die auf antiretroviralen Medikamenten basieren. Diese Produkte werden aber noch nicht in großangelegten Studien und an vielen Frauen getestet.
Es gibt verschiedene Formen von Mikrobioziden: Gels, Cremes, Schwämmchen oder auch vaginale Ringe. Welche Form bevorzugen Frauen?
Gels, die farb- und geruchlos sind, werden besonders gut angenommen. Darum werden sie auch besonders schnell weiterentwickelt. Die Schwämmchen hingegen, die eine Zeitlang favorisiert wurden, sind offenbar nicht mehr besonders vielversprechend.
Werden Mikrobiozide von Frauen auf der ganzen Welt akzeptiert werden?
Ja, sie werden zu einem globalen Produkt werden, auch wenn man sie in Afrika oder Asien besonders dringend braucht. Ich glaube sogar, in Europa und Amerika ist es vergleichsweise einfach, Mikrobiozide auf den Markt zu bringen. Dort werden schon seit vielen Jahren Spermizide eingesetzt. Die Frauen werden also schneller verstehen, wie Mikrobizide eingesetzt werden müssen.
Ein Vortrag auf der Konferenz handelt von einer Paar-Studie in Südostasien. Demnach sorgen Mikrobiozide auch für mehr Spaß beim Sex. Wäre das eine mögliche Vermarktungsstrategie?
Warum nicht? Es wäre falsch, wenn man Präparate, die vor einer HIV-Infektion schützen sollen, nur wissenschaftlich betrachtet. Wenn Mikrobiozide tatsächlich angenehmeren Sex ermöglichen, sollten wir durchaus damit werben.
Wie viele Frauen können wann damit rechnen, daß sie Mikrobiozide verwenden können?
Vorsichtige Schätzungen sprechen von fünf, Optimisten von drei Jahren. Viel Arbeit liegt ja schon hinter uns. Doch selbst wenn ein Produkt in drei Jahren marktreif ist, ist heute noch nicht klar, wo und wie es von den Frauen erworben werden kann. Und wie schnell werden die Produkte in den einzelnen afrikanischen Ländern überhaupt zugelassen? Auch darüber versuchen wir uns auf dieser Konferenz Klarheit zu verschaffen.
Werden Mikrobiozide auch auf der Welt-Aids-Konferenz in Toronto im August eine Rolle spielen?
Ganz sicher. Inzwischen wird allgemein akzeptiert, daß in Sachen Aids-Prävention kein anderes Produkt, das so vielversprechend ist, schneller zur Verfügung stehen wird als ein Mikrobiozid.
Das Gespräch führte Peter-Philipp Schmitt.
Text: F.A.Z., 26.04.2006, Nr. 97 / Seite 11
Bildmaterial: AP