Von Alfons Kaiser
23. Juli 2008 Die Kundin hatte sich angekündigt. Daher wusste der Betreiber einer Luxusboutique, was auf ihn zukam. Beim letzten Mal hatte die vermögende Frau aus der Nachbarstadt 25 000, beim vorletzten Mal 28 000 Euro für Mäntel, Kleider, Schuhe und Taschen dagelassen. Aber die angekündigte Einkaufstour sprengte alle Maßstäbe: Für 47 000 Euro kaufte sie vor wenigen Wochen den halben Laden leer. Bei manchen Leuten gibt’s kein Limit“, sagt der Chef. Aber seine Kunden hält er in ihrem Rausch natürlich nicht auf.
Anders als Astrid Müller. Die Oberärztin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitäts-Klinikum Erlangen untersucht das Phänomen Kaufsucht – und entwickelte eine Therapie dagegen. 51 Frauen und neun Männer im Alter von 20 bis 61 Jahren wurden bis Mai 2005 behandelt. Die Hälfte von ihnen sei ein halbes Jahr nach Abschluss der Therapie nicht mehr rückfällig geworden, sagte sie am Dienstag. Von Heilung könne man bei einer Sucht zwar nicht sprechen. Aber jetzt können sie Kaufattacken gut kontrollieren.“
Störung der Impulskontrolle
Dieses Ergebnis ist schon deshalb bemerkenswert, weil Kaufsucht oft nicht allein auftritt – sondern mit Komorbiditäten wie Angstkrankheiten, Alkoholsucht oder Depressionen einhergeht. Im Katalog psychischer Erkrankungen wurde die Oniomanie bisher häufig zu den Zwangserkrankungen gezählt, nun aber nach Ansicht Müllers häufiger zu den Störungen der Impulskontrolle – wie das pathologische Spielen oder Stehlen. Gefährlich ist die Kaufsucht auch wegen ihrer Unauffälligkeit. Mit anderen Süchten verbinden sie der Verlust der Selbstkontrolle, die Dosissteigerung, die Entzugserscheinungen. Das Kaufen dient nach einer Hohenheimer Studie aus den Neunzigern als Beruhigungsmittel (um innere Unruhe zu betäuben oder Ängste zu unterdrücken), als Aufputschmittel (um sich Glücksgefühle zu verschaffen und eine innere Leere zu füllen) und zur Bestätigung – als Ersatz für Anerkennung in anderen Lebensbereichen, Trost oder Belohnung.
Insofern muss die Boutiquenkundin nicht einmal unter Kaufsucht leiden. Übersteigerter Konsum sei nicht unbedingt krankhafte Kaufsucht, hebt die Leiterin der Erlanger Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung, Martina de Zwaan, hervor. Für die Diagnose ist entscheidend, dass nicht mehr der Besitz der Güter da Ziel ist, sondern die Befreiung von einem unwiderstehlichen Drang durch den Kaufakt. Müller würde die Luxuskundin fragen: Benötigen Sie die Waren? Benutzen Sie sie? Beglücken die Dinge Sie über den Kaufakt hinaus? Haben Sie das Geld dafür? Die letzte Frage könnte die Kundin wohl mit Ja“ beantworten.
Versuchung durch wachsendes Warenangebot
Ansonsten gehört sie vermutlich zu jenen fünf bis acht Prozent aller Deutschen, die nach der Hohenheimer Studie gefährdet sind. Im Osten konnte man in den Neunzigern eine wachsende Gefährdung nachweisen. Das verdeutlicht die Versuchung durch ein wachsendes Warenangebot. Müller sieht auch Gefahren in den Möglichkeiten, per Kredit oder in Raten zu zahlen sowie online zu bestellen, obwohl man eigentlich nicht zahlen kann.
Das Universitätsklinikum Erlangen bietet nun eine ambulante verhaltenstherapeutische Behandlung für Betroffene an. Die Therapie in Gruppen mit acht Personen dauert drei Monate mit einer 90-Minuten-Sitzung pro Woche. Jeder Patient muss nach einer Ursachenanalyse auch einkaufen gehen. Denn nicht Kaufabstinenz ist das Ziel – sondern die Kontrolle der Sucht. Das erste Mittel: bar bezahlen. Auch die eingeübten inneren Monologe zur Selbstkontrolle sollen helfen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa