31. Juli 2007 Die Chinesen trinken mehr Milch und treiben dadurch sogar die Preise in Deutschland in die Höhe – wie kommt’s? Denn der größte Teil der Weltbevölkerung hat im Erwachsenenalter eine Milchzuckerunverträglichkeit. Die Laktoseintoleranz (auch als Kohlenhydratmalabsorption bezeichnet) ist nicht etwa angeboren, sie entwickelt sich im Laufe des Lebens. Jeder Säugling besitzt das Enzym Laktase, das Milchzucker spaltet. Diese angeborene und notwendige Fähigkeit geht bei einem großen Teil der Weltbevölkerung im Erwachsenenalter verloren.
Mittel- und Nordeuropäer haben sich in den vergangenen 8.000 Jahren, seit sie milchgebendes Nutzvieh halten, genetisch angepasst und produzieren bis ins Erwachsenenalter hinein Laktase. Bei gut 90 Prozent der Afrikaner und Asiaten jedoch und auch bei jedem zweiten Bewohner der Mittelmeerländer geht die Enzymaktivität zurück oder ganz verloren. Auch etwa 15 Prozent der Mittel- und Nordeuropäer haben eine Laktaseinsuffizienz, in seltenen Fällen auch eine angeborene absolute Laktoseintoleranz.
Zuviel an Milchzucker verursacht Blähungen
Das Enzym Laktase spaltet Milchzucker in die für den Menschen verwertbaren Zuckerarten: Galaktose und Glukose. Fehlt die Laktase, so gelangt der Milchzucker ungespalten in den Dickdarm, wo er von Bakterien fermentiert wird. Bei einem Zuviel an Milchzucker kommt es zu Blähungen und Durchfall. Das ist so, als wenn man in der Zwetschgenzeit plötzlich eimerweise Pflaumen isst“, sagt der Direktor des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kiel, Jürgen Schrezenmeir.
Das führt auch zu Bauchschmerzen und Durchfall, weil die Dickdarmbakterien mit der Menge an löslichen Ballaststoffen überfordert sind.“ Trinkt ein Mensch mit einer Laktaseinsuffizienz jedoch wieder regelmäßig Milch, so stellen sich die Dickdarmbakterien darauf ein, und die Beschwerden verschwinden häufig.
Einen halben Liter Milch am Tag für jedes Kind
Auch Asiaten können sich also dauerhaft an europäische Milch gewöhnen. Aus Haltbarkeitsgründen wird sowieso kaum frische oder pasteurisierte Milch importiert, sondern vor allem Milchpulver, das häufig aus technologischen Gründen Snacks auf Milchbasis oder anderen sogenannten Convenienceprodukten zugesetzt wird. Das Milchpulver wird somit in geringeren Mengen und häufig in fester Form konsumiert und ist auch besser verträglich als flüssige Milch. Produkte wie Käse und andere fermentierte Milchprodukte sind zudem laktosefrei.
Damit allerdings der Traum von Ministerpräsident Wen Jiabao, der jedem Chinesen, besonders unsere Kinder“, mit einem halben Liter Milch am Tag versorgen will, Wirklichkeit wird, muss die Volksrepublik wohl selbst Kühe millionenfach auf ihren Weiden grasen lassen. Dann wären auch die 400 Liter Milch, die den 69 eingeschlossenen Bergleuten in der Zhijian-Grube in der Provinz Hunan durch einen Belüftungsschacht geschickt wurden, kein Luxus mehr.
Text: pps. / F.A.Z.
Bildmaterial: dpa