06. Januar 2006 Gegen Krebs wird es im kommenden Jahr einen Impfstoff geben. Die aufsehenerregende Nachricht ist nicht allgemeingültig. Sie gilt aber für den Gebärmutterhalskrebs, die zweithäufigste Krebserkrankung und dritthäufigste Krebstodesursache bei Frauen. Die Entwicklung des hochwirksamen Impfstoffs birgt für die betroffenen Unternehmen angesichts der zu erwartenden Nachfrage viele Chancen: Die britische Glaxo Smith Kline (GSK) und die amerikanische Merck & Co. haben einen Markt im Visier, der schon im Jahr 2010 ein Volumen von rund 8 Milliarden Dollar erreichen soll.
An einer Zulassung durch die zuständigen Behörden in Amerika und Europa wird von Fachleuten nicht gezweifelt. Dafür sorgt zum einen die Wirksamkeit des Impfstoffs, zum anderen die hohe Zahl tragisch verlaufender Fälle, die es gibt, obwohl die Krankheit durch regelmäßige Abstriche im frühesten Stadium erkannt werden kann. Jedes Jahr sterben an Gebärmutterhalskrebs 230 000 Frauen auf der Welt.
Erkenntnisse aus Heidelberg
An dem wahrscheinlichen medizinischen und wirtschaftlichen Erfolg hat die deutsche Grundlagenforschung einen entscheidenden Anteil. Die Erkenntnisse, auf denen die Impfstoffe basieren, hatten Mitte der siebziger Jahre Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg gewonnen. Dort mußte Harald zur Hausen die damals neue Annahme, der Krebs werde durch ein Virus ausgelöst, jahrelang gegen eine große Zahl von Fachkollegen vertreten. Inzwischen sind die Erkenntnisse Allgemeingut. Und nach den Worten des GSK-Vorstandsvorsitzenden Jean-Pierre Garnier ist der Erfolg des neuen Impfstoffs, der bei den Briten Cervarix heißt, programmiert: Er ist hundertprozentig wirksam. Die Zulassung in Europa, der 2007 die Markteinführung folgen soll, wird in den kommenden Monaten beantragt werden.
In weniger als drei Jahren auf dem Markt
Auch auf anderen Märkten der Welt sei damit zu rechnen, daß das Produkt in weniger als drei Jahren auf dem Markt sei. Garnier würde es nach eigenen Worten nicht schrecken, wenn der Wettbewerber Merck & Co. mit dem Produkt schneller auf den Markt käme als Glaxo. Der Bedarf wird so groß, da schadet es nicht, wenn es zwei Anbieter gibt, sagt Garnier. Tatsächlich hat Merck & Co. beziehungsweise das Gemeinschaftsunternehmen Sanofi Pasteur MSD, an dem Merck & Co. und der französische Sanofi-Aventis-Konzern zu gleichen Teilen beteiligt sind, bei der europäischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde Emea schon im Dezember den Zulassungsantrag für seinen Impfstoff Gardasil eingereicht, der dem von Glaxo in der Wirkung grundsätzlich vergleichbar ist, auch wenn die Unternehmen gegenüber der Fachöffentlichkeit graduelle Unterschiede herausstellen.
Aus deutscher Sicht ist der zu erwartende Markterfolg der ausländischen Pharmakonzerne angesichts der Saat aus der hiesigen Grundlagenforschung nicht ganz ohne bitteren Beigeschmack. "Deutschen Unternehmen haben wir das lange vergeblich angeboten", hat Otmar Wiestler, der Leiter des DKFZ, schon beklagt. Andererseits gibt es nur noch wenige große Impfstoffhersteller auf der Welt - und Sanofi Pasteur MSD hat immerhin noch Wurzeln, die sich bis zur alten Frankfurter Hoechst AG zurückverfolgen lassen.
Für Mädchen im Alter von 10 bis 15
Grundsätzlich geht es bei der Impfung um den Schutz vor dem sogenannten Humanen Papillomvirus (HPV). Da die Viren in erster Linie durch sexuelle Aktivitäten übertragen werden, gilt es als sinnvoll, Mädchen im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren zu impfen. Einige Forscher regen inzwischen an, die Impfung sogar noch früher vorzunehmen, so lange nämlich, wie die Betroffenen den Arzt ohnehin noch im Rahmen ihres normalen Impfzyklus aufsuchten, um die umfassende Versorgung sicherzustellen. Sicher ist, daß der Impfstoff gegen die Erreger nichts mehr ausrichten kann, wenn sie sich nach dem ersten Geschlechtsverkehr erst einmal in den Zellen des Gebärmutterhalses eingenistet haben.
Die Impfung schützt gegen die gefährlichsten Virenstämme 16 und 18 sowie im Fall von Merck & Co. wohl auch gegen HPV 6 und HPV 11, die vor allem Genitalwarzen verursachen. 70 Prozent aller sexuell aktiven Menschen werden einmal in ihrem Leben mit HPV infiziert, bei einem Teil von ihnen kommt es zu einer chronischen Infektion. Bei Frauen kann das zu Gebärmutterhalskrebs führen. Die meisten der rund zweihundert Virustypen sind für Menschen völlig harmlos. Das gilt allerdings nicht für die Typen 6, 11, 16 und 18. Man weiß heute, daß mehr als 99 Prozent aller Gebärmutterhalskarzinome von HP-Viren verursacht werden, sagt Torsten Strohmeyer, Leiter der Abteilung Forschung und Medizin bei Glaxo Smith Kline. In 70 bis 80 Prozent der Fälle seien es die Typen 16 oder 18 - und genau gegen diese Typen sei der von GSK entwickelte Impfstoff vollständig wirksam. Noch ist unklar, wie lange der für jeweils rund 800 Millionen Euro entwickelte Impfschutz anhält. Da die frühesten Patientenstudien erst vor gut sechs Jahren angelaufen sind, wird es noch einige Zeit dauern, bis man hierüber Klarheit erhält.
Text: Kno., F.A.Z., 6. Januar 2005
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