Aids in Deutschland

Zahl der HIV-Neuinfektionen steigt weiter

Von Peter-Philipp Schmitt

30. Mai 2007 Auch im vergangenen Jahr ist nach Angaben des Robert-Koch-Institus (RKI) in Berlin die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland noch einmal um vier Prozent gestiegen. Mit 2611 Erstdiagnosen im Jahr 2006 – im Vorjahr waren es 2500 gewesen – ist seit Beginn der Erfassung 1993 ein neuer Höchststand erreicht.

Wie das RKI am Mittwoch weiter mitteilte, ist die Zahl der erfassten neu diagnostizierten HIV-Infektionen zwischen 2001 (1443) und 2006 um 81 Prozent gestiegen. Dabei sind noch immer Männer, die mit Männern Sex haben, besonders betroffen: 1358 infizierten sich im vergangenen Jahr mit dem HI-Virus, 2001 waren es nur 533 gewesen. Allerdings war vor sechs Jahren auch ein Tiefststand erreicht worden, den es weder in den neunziger Jahren noch danach gegeben hat.

Hierzulande Frauen nicht stärker betroffen

Während Aids auf der ganzen Welt inzwischen mehrheitlich zu einer Frauenkrankheit geworden ist, so hat sich zumindest in Deutschland dieser Trend auch im vergangenen Jahr nicht bestätigt. Insgesamt sind 2006 zwar die HIV-Neuinfektionszahlen noch einmal leicht um vier Prozent gestiegen, von 2500 auf 2611. Der Anteil der Frauen ist aber mit 494 neuen Fällen (2005 waren es 483) nahezu gleich geblieben und liegt weiterhin bei 19 Prozent. Im Unterschied zur Entwicklung in den Ländern der Dritten Welt oder Osteuropas ist der Frauenanteil an den HIV-Erstdiagnosen sogar rückläufig: Im Jahr 2001 machte er noch 26 Prozent aus.

Generell ist zu beobachten, dass die Zahl der Meldungen aus Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern prozentual am stärksten ansteigt. Das gilt für Männer, die angeben, sich bei homosexuellem Kontakt infiziert zu haben, genauso wie für Personen, sich bei einem heterosexuellem Kontakt angesteckt haben. Die stärksten Zuwächse in der Betroffenengruppe der Männer, die Sex mit Männern haben, verzeichneten 2006 Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Am Ende der Liste steht Sachsen. Bezogen auf die Altersverteilung erfolgte die größte Zunahme an Meldungen in der Altersgruppe der Vierzig- bis Sechzigjährigen.

Mehr Ansteckung bei heterosexuellen Kontakten

Angaben zum Infektionsweg lagen für 85 Prozent der HIV-Erstdiagnosen vor. Die meisten Fälle lassen sich auf einen homosexuellen Kontakt zurückführen (61 Prozent), an zweiter Stelle folgen erstmals seit dem Jahr 2001 Menschen, die sich bei heterosexuellen Kontakten infiziert haben (17 Prozent). Sie haben die Gruppe der Personen aus sogenannten Hochprävalenzländern vom zweiten Platz verdrängt. Die Zahl der HIV-positiv getesteten Migranten, die vor allem aus Ländern des südlichen Afrikas stammen, ist 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 44 Fälle auf 306 zurückgegangen. Dabei ist nach Angaben des RKI allerdings davon auszugehen, dass der überwiegende Teil von ihnen sich bereits im Herkunftsland angesteckt hat.

Die Ursachen für den starken Anstieg von HIV-Erstdiagnosen um 81 Prozent seit 2001 sind vielfältig. Dazu beigetragen hat sicherlich eine Umstellung des Meldesystems. Die Qualität der eingehenden HIV-Meldungen sei kontinuierlich verbessert worden, heißt es beim RKI. „Wir können nun viel besser zwischen einer erstmaligen Diagnose und einer wiederholten Testung bei einer schon als HIV-positiv bekannten Person unterscheiden“, sagt Ulrich Marcus vom RKI. Früher kam es durchaus vor, dass ein Fall mehrfach in Statistiken verschiedener Jahre einging. Auch das massive Werben für einen Aidstest spielt sicherlich eine Rolle. Gerade die Aidshilfen haben in den vergangenen Jahren mit entsprechenden Kampagnen zu HIV-Tests aufgerufen. „Wir bieten inzwischen Bluttests bei schwulen Straßenfesten an“, sagt der Medizinreferent der Deutschen Aidshilfe, Armin Schafberger. Auch freiwillige Blutabnahmen in schwulen Kneipen oder Saunen seien keine Seltenheit mehr.

Tatsächlicher Anstieg angeblich bei 40 Prozent

Dass die Testbereitschaft zugenommen hat, kann das RKI an einigen neu eingeführten Parametern auf den Meldebögen ablesen. Unter anderem sollen die Ärzte nun angeben, wie hoch die Zahl der T-Helferzellen zum Zeitpunkt der Diagnose ist. Je weniger dieser Zellen sich im Blut nachweisen lassen, desto stärker ist die Immunabwehr geschwächt und desto länger liegt die HIV-Infektion zurück. „Wenn wir die Entwicklung der Jahre 2001 bis 2006 betrachten, dann stellen wir fest, dass die Diagnosen früher gestellt werden“, sagt Ulrich Marcus vom RKI. Früher hätten sich Patienten oft erst testen lassen, wenn sie sich schon richtig krank gefühlt hätten. Marcus weist aber auch daraufhin, dass eine verstärkte Testung und ein verbessertes Meldesystem allein nicht die starke Zunahme von HIV-Neudiagnosen erklären könnten. „Nach unserer Einschätzung dürfte der tatsächliche Anstieg der HIV-Erstdiagnosen zwischen 2001 und 2006 etwa 40 Prozent betragen.“

Trotzdem müsse man den Anstieg ernst nehmen, sagt die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Elisabeth Pott: „Wir befinden uns in der Präventionsfalle.“ Die intensive Aufklärung in den frühen neunziger Jahren habe zwar dazu geführt, dass die HIV-Infektionszahlen in Deutschland stetig sanken. Zugleich aber habe sich in vielen Köpfen festgesetzt, dass „das alles ja nicht so schlimmist“. Vor 15 Jahren hätten noch knapp 60 Prozent der Deutschen Aids als sehr gefährliche Krankheit eingestuft. Heute seien es weniger als 40 Prozent. „Wir könnten jetzt verspielen, was wir in den neunziger Jahren erreicht haben“, sagt Pott. Das habe inzwischen auch die Bundesregierung verstanden und erstmals nach vielen Jahren wieder mehr Geld für die Prävention zur Verfügung gestellt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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