Medikamentenfälschung

Plagiate mit tödlicher Potenz

Von Corinna Volz-Zang

Viagra wird besonders gerne imitiert - natürlich nicht so eindeutig wie in dieser Montage

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10. Oktober 2007 Mehrere Millionen Euro - das ist der Schaden, der den Krankenkassen entstanden ist. Ob auch Patienten den geldgierigen Pharmahändlern zum Opfer fielen, das weiß in diesem Fall noch niemand genau. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim wegen Verdacht auf Betrug: Zwei Händler und rund 100 Apotheker aus dem ganzen Bundesgebiet werden beschuldigt, in Deutschland nicht zugelassene Medikamente - meist Krebsmittel - vertrieben zu haben. Und es gibt Hinweise, dass sich auch Fälschungen darunter befanden. Das hieße dann Körperverletzung.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind zehn Prozent des Weltmarktes von Arzneimittelfälschungen betroffen. In ehemaligen Sowjetrepubliken sind inzwischen mehr als 20 Prozent aller Medikamente gefälscht, in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas mehr als 30 Prozent. Ein Großteil der Malariamittel in Südostasien stammt aus Fälscherwerkstätten. Ob teure Lifestyle-Medikamente wie Potenz- und Schlankheitsmittel, Hormonpräparate, Antibiotika, Blutdruck-, Cholesterinsenker oder günstige Schmerzmittel - nichts ist vor den Fälschern sicher, die weltweit operieren. Hunderte Kinder in Haiti und Indien starben an Hustensaft, der mit dem Frostschutzmittel Diethylenglykol gepantscht war. In Argentinien erlagen Schwangere falschen Eisenpräparaten. Die Liste der Opfer wird immer länger.

Milliarden Umsätze der Pharmafälscher

Im Kalkül der Pharmafälscher hat der Tod keinen Stellenwert. 35 Milliarden Dollar Umsatz erzielen Kriminelle mit den Arzneiimitaten bereits pro Jahr, schätzt das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL) in Eschborn. Bis 2010 könnte das Volumen auf 75 Milliarden Dollar ansteigen mit Medikamenten, die laut Definition absichtlich und in betrügerischer Weise hinsichtlich Identität und/oder Herkunft falsch gekennzeichnet sind. Das reicht von gefälschten Verpackungen über Präparate, die keinerlei Wirkstoff enthalten, bis hin zu lebensbedrohlichen Substanzen, die überdosiert oder durch Gifte verunreinigt sind.

Dank strenger Regulierung ist der Anteil gefälschter Arzneimittel in Deutschland wie in den meisten Industrienationen gering und liegt unter einem Prozent. Seit 1996 wurden in der Bundesrepublik 33 Fälle bekannt. Im Durchschnitt drei bis vier pro Jahr. Aber „das Problem rückt immer näher“, sagt Harald Schweim, Lehrstuhlinhaber für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn. Ein wesentlicher Grund: der Zuwachsmarkt des illegalen Internethandels mit Medikamenten. Dort ist schätzungsweise die Hälfte der Arzneimittel gefälscht.

Zwölf Anbieter, sechs Betrüger

Mitarbeiter des ZL in Eschborn starteten im vergangenen Jahr Testkäufe im virtuellen Markt. Ein verschreibungspflichtiges Haarwuchsmittel wurde bei dubiosen Anbietern geordert. 19 der 24 ausgewählten Internetadressen, denen allgemeine Geschäftsbedingungen fehlten oder die durch unklare Aussagen verdächtig waren, ermöglichten eine Bestellung. Zwölf Anbieter lieferten ein Produkt, davon sechs eine Fälschung. Und alle ohne Vorlage eines Rezepts.

Europas prominentestes Beispiel für den kriminellen Arzneihandel via Internet ist der Fall Richard Adler. Der siebzigjährige amerikanische Staatsbürger soll mit sechs weiteren Tätern in großem Stil gefälschte Medikamente, insbesondere Potenz-, Schlankheits- und Haarwuchsmittel, europaweit vertrieben haben. Mehr als 40.000 Lieferungen erfolgten vermutlich von April 2002 bis November 2004 über ein Unternehmen im saarländischen St. Wendel. Erst vor drei Monaten wurde Adler in Frankreich gestellt und ausgeliefert. Er gilt als Kopf der Händler, die teilweise bereits zu Haft- oder Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Die Ermittlungen laufen weiter.

Plagiate lauern nicht nur im Internet

Zwar haben sich bei dem Saarbrücker Oberstaatsanwalt Raimund Weyand trotz Aufrufs keine Geschädigten gemeldet. Allerdings dürfte die Hemmschwelle groß sein: Wer meldet sich nach Internetkauf von rezeptpflichtigen Arzneimitteln - ohne Rezept - wegen gesundheitlicher Folgen, vor allem, wenn Potenzmittel gewünscht waren? Ein heikles Thema. Zudem müssten Betroffene erst einmal wissen, dass Rückenschmerzen oder Blutdruckkrisen von dem vermeintlichen Medikament ausgelöst worden sein könnten.

Doch sind Internethändler keineswegs per se dubios. „Das Risiko, bei einer in Deutschland zugelassenen Internetapotheke Fälschungen zu bekommen, ist genauso gering wie in der öffentlichen Apotheke“, sagt der Bonner Experte Schweim. Schwierig kann aber die Unterscheidung zwischen legalen und nicht zugelassenen Apotheken werden. „Wir haben vor einiger Zeit zum Schein eine Apotheke im Internet eröffnet und festgestellt, dass sie tatsächlich für echt gehalten wurde“, erklärt Schweim.

Sicherheitsbestimmungen sollen schützen

Um die Sicherheit im Arzneimittelversand zu erhöhen, hat der Europarat im September eine Entschließung verabschiedet, die bewährte Methoden für den Versandhandel mit Medikamenten festlegt. Und das Bundesgesundheitsministerium empfahl in diesem Zusammenhang allen, die das Internet für Arzneimittelbestellungen nutzen wollen, sicherzustellen, dass mindestens der Name des Apothekenleiters, Adresse und Telefonnummer der Apotheke sowie die E-Mail-Adresse aufgeführt sind.

Die Pharmaindustrie arbeitet global. Herstellungsprozesse finden in Ländern statt, die wiederum selbst von Fälschungen betroffen sind. Steigt dadurch das Risiko für den Verbraucher? Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) weist auf die hierzulande geltenden Sicherheitsbestimmungen hin. Will eine pharmazeutische Firma ein im Ausland produziertes Arzneimittel in Deutschland verkaufen, muss sie das Endprodukt kontrollieren: Identität, Reinheit und Arzneimitteleigenschaften sind zu prüfen. Der „Inverkehrbringer“ trägt zudem die volle Verantwortung.

Fälschungssichere Verpackungen

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen: Illegale Präparate dringen auch in den europäischen Arzneimittelhandel. Das zeigt das Beispiel des verschreibungspflichtigen Cholesterinsenkers „Lipitor“ (deutscher Handelsname Sortis) von Pfizer. Vor zwei Jahren wurden in Großbritannien Fälschungen entdeckt - nur die Hälfte von 120.000 zurückgerufenen Packungen war echt. Wie Martin Fensch, Pressesprecher von Pfizer Deutschland, erläutert, „hatte offensichtlich ein britischer Parallelhändler die Medikamente unrechtmäßig aus einem Land importiert, das nicht der Europäischen Wirtschaftszone angehört, und diese anschließend an einen lizenzierten multinationalen Großhändler weiterverkauft, der die Apotheken mit den gefälschten Medikamenten belieferte“.

Die steigende Flut der pharmazeutischen Plagiate beschreibt nur einen Teilaspekt des Problems. Hinzu kommt, dass es selbst Experten immer schwerer fällt, gefälschte Arzneimittel zu erkennen. Oft erlaubt erst die Analyse im Labor eine eindeutige Aussage. Deshalb bemüht sich die Industrie, fälschungssichere Verpackungen zu entwickeln mit versteckten oder sichtbaren Merkmalen. Hologramme, Mikrodruck oder Markerstoffe sollen Fälscher austricksen. Selbst kleine Chips, die ohne eigene Stromversorgung in einem niederfrequenten Feld eine Kennung aussenden (Radio-Frequenz-Identifikation, RFID), kommen zum Einsatz. Ziel ist, den Vertriebsweg jedes einzelnen Medikaments lückenlos zu dokumentieren.

Entwicklungsländer sind besonders betroffen

Für Industrienationen mag das nur eine Frage der Technik sein, bis eine Schachtel Kopfschmerztabletten auch ihren Werdegang verrät. Für Entwicklungsländer bleibt das erst einmal Utopie. Dort leben die Hauptleidtragenden des Phänomens Arzneimittelfälschung. Ihnen soll das „GPHF-Minilab“ helfen. Es passt in zwei Koffer und ermöglicht ohne Stromversorgung den Nachweis von inzwischen 41 Wirkstoffen. Unabhängig von aufwendigen Laboratorien prüft das Minilab schnell und effektiv die Echtheit von Arzneimitteln. Gemeinsam mit anderen Institutionen wurde es Ende der neunziger Jahre vom German Pharma Health Fund (GPHF) entwickelt, einer Initiative der forschenden Arzneimittelhersteller in Deutschland.

Inzwischen sind 245 dieser Minilabs in 60 Ländern im Einsatz, vor allem in Afrika und Asien. Mit ihrer Hilfe sollen zukünftig Katastrophen verhindert werden wie jenes Drama 1995 in Niger. Damals erhielten 50.000 Menschen Injektionen mit einem gefälschten Impfstoff. 2500 starben daran.

Künftig schärfere Kontrollen

Gefälschte Arzneimittel stellen weltweit eine Bedrohung dar. Um der Gefahr zu begegnen, gründete die WHO Ende 2006 die „International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce“ (Impact), eine Spezialeinheit, die sich aus Vertretern von Regierungen, Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden, Nichtregierungsorganisationen und internationalen Institutionen zusammensetzt. Sie soll das Bewusstsein für Arzneifälschungen erhöhen, die internationale Zusammenarbeit verbessern und die Länder zu einer adäquaten Gesetzgebung bewegen.

Deutschland wurde bereits aktiv: Vor zwei Wochen passierte ein Gesetz den Bundesrat, das dem Bundeskriminalamt in Fällen des international organisierten Handels mit Arzneimitteln die Strafverfolgungsbefugnis überträgt. Auch führt es das gewerbs- und bandenmäßige Herstellen oder In-den- Verkehr-Bringen von gefälschten Arzneimitteln als weitere Regelbeispiele für besonders schwere Fälle an. Diese können mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden. Und im Zuge der Mannheimer Ermittlungen kündigte die Bundesapohekenkammer jetzt schärfere Kontrollen an. Wer sich allerdings ohne Rezept im Internet bedient, den schützen auch sie nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 83
Bildmaterial: M.Weber IMAGEPOWER Montage F.A.S.

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