02. September 2006 Der neuerliche Gammelfleischskandal nimmt immer größere Dimensionen an. Der betroffene Fleischhandel aus München habe Gastronomiebetriebe in ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern beliefert, sagte ein Sprecher des Kreisverwaltungsreferats am Freitag in München: Das ganze Ausmaß ist noch nicht absehbar. Die zuständigen EU-Behörden seien informiert. Das bayerische Landesgesundheitsamt geht nach ersten Untersuchungen nicht von einer Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher aus.
Am Freitag wurde ein weiterer Fall in Niederbayern bekannt. Dort wurden bei einem Unternehmen in Metten im Landkreis Deggendorf mehr als 40 Tonnen möglicherweise verdorbenes Fleisch sichergestellt. In beiden betroffenen Betrieben waren die Haltbarkeitsdaten der Fleischprodukte zum Teil um mehrere Jahre überschritten. Einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen sieht die Polizei aber nicht.
Ein weiterer Vorfall: In einem Kühlhaus in Regensburg lagerten 37 Tonnen Fleisch verschiedenster Art, das über die Niederlande nach Hongkong verschifft werden sollte. Ein bereits beladener Transporter wurde von der Polizei gestoppt, teilten die Behörden mit. In einem nicht genehmigten Kühlraum unter einer Garage im Landkreis Deggendorf fanden die Ermittler eine weitere Tonne Fleisch.
Täterbetriebe nennen, Strafen verschärfen
Angesichts der Häufung von Fleischskandalen in der jüngeren Vergangenheit hat der neuerliche Vorfall eine politische Dimension angenommen. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) kritisierte die Bundesländer scharf. Ich weise seit Monaten darauf hin, daß die Lebensmittelkontrollen in Qualität und Dichte in Deutschland verbesserungsbedürftig sind. Die meisten Bundesländer haben sich dem bislang widersetzt, sagte er, ohne dabei einzelne Länder konkret zu nennen.
Die Grünen warfen der bayerischen Staatsregierung erschreckende Lücken im Verbraucherschutz vor. Die Bundesregierung zeigte sich verärgert über die Informationspolitik der bayerischen Behörden. Der Gammelfleischfund sei seit einer Woche bekannt, doch die Informationen kämen nur tröpfchenweise beim Bund an, kritisierte der Staatssekretär im Bundesverbraucherschutzministerium, Gert Lindemann.
Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU), den die Kritik vor allem treffen sollte, kündigte an, mit aller Konsequenz und Härte der Gesetze gegen die Verantwortlichen vorzugehen. Die Grünen im Landtag warfen Schnappauf vor, den Bürgern nach den vergangenen Skandalen eine Scheinsicherheit vorgegaukelt zu haben.
Für Verbraucherschützer Thilo Bode sind die bisherigen Gesetze generell nicht ausreichend, um Verbraucher vor Gammelfleisch zu schützen. Es müssen endlich Gesetze her, die für mehr Transparenz sorgen. Die Namen der Gammelfleischbetriebe müssen veröffentlicht werden und die Strafen müssen härter werden, sonst wird sich nichts ändern, sagte der Vorsitzende der Verbraucherorganisation Foodwatch im ZDF. Es ist wichtig zu verstehen, daß es sich hier um ein politisches Problem handelt und die Verbraucher viel weniger Rechte haben als die Nahrungsmittelindustrie, sagte Bode.
Grünlich und ekelerregend
Bei dem am Donnerstag sichergestellten Fleisch in dem Münchner Kühlhaus bestätigte sich der Verdacht auf verdorbene Ware bei Untersuchungen am Freitag. Nach dem Auftauen hätten mehrere Proben des Fleischs grünlich und ekelerregend ausgesehen, sagte ein Sprecher des zuständigen Kreisverwaltungsreferats.
Das bayerische Landesgesundheitsamt bezeichnete die Ware als ranzig, muffig, alt und fremdartig. Trotzdem habe es bisher keinen Hinweis auf Gesundheitsgefährdung gegeben, sagte der Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Volker Hingst, in Erlangen. Wenn das Fleisch verdorben ist, müsse dies nicht bedeuten, daß es auch gesundheitsgefährdend ist. Es wird einem in aller Regel nichts ausmachen, versuchte Hingst die Verbraucher zu beruhigen. Das Amt hat zunächst 20 Proben aus dem Münchner Betrieb untersucht. Auch aus Niederbayern ist schon Fleisch zu dem Amt nach Erlangen gebracht worden.
Der Geschäftsführer der Münchner Firma war nach Angaben der Polizei am Freitag nach einem Verhör wieder auf freiem Fuß. Zunächst müsse geklärt werden, ob das verdorbene Fleisch tatsächlich an Kunden geliefert wurde, sagte ein Sprecher. Wir müssen die genauen Vertriebswege klären. Der Großhändler belieferte vor allem Döner-Imbisse mit Fleisch. Aber auch Asia-Shops und bayerische Restaurants gehörten zu seinen Kunden. Rheinland-pfälzische Behörden stellten in Betrieben in Mainz und Kaiserslautern schon eventuell verdorbene Lebensmittel sicher. Die Unternehmen sind nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums in Mainz von einer bayerischen Firma beliefert worden, bei der in dieser Woche verdorbene Lebensmittel gefunden worden waren.
Ermittlungen wegen Betrugverdachts
Gegen den 53 Jahre alten Inhaber der Fleischzentrale im niederbayerischen Metten mit Schlacht- und Zerlegebetrieb wird schon wegen Betrugsverdachts und Verstößen gegen das Lebensmittelrecht ermittelt. Die Fahnder sind nach eigenen Angaben vor wenigen Tagen durch einen Zeugenhinweis auf den Fleischunternehmer aufmerksam geworden. Nun müsse bei der Untersuchung von Proben herausgefunden werden, ob das beschlagnahmte Fleisch noch zum Verzehr geeignet ist oder nicht, sagte Polizeisprecher Manfred Brückl. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang. Es handele sich ausschließlich um tiefgefrorene Nahrungsmittel.
Schon im vergangenen Jahr hatten mehrere Fleischskandale in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Unter anderem waren bei einem Deggendorfer Fleischhändler teilweise faulige Fleischproben gefunden worden. Gegen einen Fleischhändler in Gelsenkirchen erhob die Staatsanwaltschaft Essen inzwischen Anklage. Als Konsequenz aus dem Skandal hat die Bundesregierung die Rechte für Verbraucher verbessert und ein Gesetz durchgesetzt, das unter anderem Behörden zu mehr Auskünften über Lebensmittel verpflichtet.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
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