Influenza

Ganz Deutschland ist vergrippt

Von Peter-Philipp Schmitt

28. Januar 2009 Meist erst Mitte bis Ende Februar erreicht die alljährlich wiederkehrende Grippewelle ihren Höhepunkt. In diesem Jahr aber begann die Saison schon im Dezember, und der Peak (Scheitelwert) könnte kurz bevorstehen. Dafür spricht die fast vollkommen rot eingefärbte Karte der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI), die wöchentlich erstellt wird. Demnach ist die Aktivität der akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE) bis auf wenige Ausnahmen in allen Regionen Deutschlands stark erhöht. Zu den Atemwegserkrankungen, die von etwa 900 Arztpraxen regelmäßig an die AGI gemeldet werden, gehören die Pharyngitis (Rachenentzündung), Bronchitis und Pneumonie (Lungenentzündung). Auch wenn sie nicht mit einer Influenza einhergehen, so stellen die respiratorischen Erkrankungen doch einen Marker für die Stärke der Grippesaison dar. Zugleich werden Rachenabstriche genommen, um Influenzaviren im Referenzlabor am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin nachzuweisen. Darüber hinaus sind Grippefälle gemäß dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

Dominierender Subtyp der laufenden Grippewelle ist A/H3N2. Und gerade dieser Influenzavirus-Subtyp verheißt nichts Gutes. In den vergangenen Jahrzehnten zirkulierten in der menschlichen Bevölkerung Viren der Subtypen A/H1N1 und A/H3N2 sowie des Typs B. Bei schweren Grippewellen mit vielen Toten überwog fast immer A/H3N2. Meist folgt eine eher milde Saison auf eine schwere und umgekehrt. Erklären lässt sich das mit der abnehmenden Immunität, aber auch mit dem Variantenreichtum der Subtypen, die sich ständig verändern. Im Winter 2004/2005 etwa gab es zwischen 12.000 und 15.000 Grippetote in Deutschland. Ein A/H3N2-Subtyp machte mit 54 Prozent den Hauptanteil der am RKI typisierten Isolate aus. Im besonders schweren Grippewinter 1995/1996 (der Anteil des A/H3N2-Subtyps lag bei 55 Prozent) starben zwischen 26.000 und 31.000 Menschen an der Influenza.

1,2 Millionen zusätzliche Arztbesuche wegen Influenza

Zehn bis 14 Tage benötigt der Impfschutz, bis er durch das Immunsystem aufgebaut wird

Zehn bis 14 Tage benötigt der Impfschutz, bis er durch das Immunsystem aufgebaut wird

Viel scheint also dafür zu sprechen, dass diese Grippesaison besonders schwer ausfallen könnte. Denn sie begann nicht nur ungewöhnlich früh, es herrscht auch wieder ein A/H3N2-Subtyp vor. Zudem dominierte im vergangenen Winter ein A/H1N1, die Influenza verlief mild und war demgemäß auch kein großes Thema in Deutschland. Eine Influenza-Übersterblichkeit lässt sich bislang für 2007/2008 nicht nachweisen, was nichts anderes bedeutet, als dass es keine nennenswerten Grippetotezahlen gab. Trotzdem sind diese Indizien keine eindeutigen Beweise für eine massive Influenza mit vielen Toten in diesem Winter. „Die Grippewelle könnte sogar schon wieder abklingen“, sagt Silke Buda vom RKI. Die Wissenschaftlerin, die für die AGI die Wochenberichte zusammenstellt, warnt vor voreiligen Schlüssen.

Unterschätzen aber sollte man die Grippe nicht, die zu den Infektionskrankheiten mit den höchsten bevölkerungsbezogenen Sterblichkeiten gezählt wird. Im vergleichsweise schwachen Grippewinter 2007/2008 verzeichnete die AGI immerhin noch 1,2 Millionen zusätzliche Arztbesuche, 550.000 Meldungen von Arbeitsunfähigkeit und 4500 zusätzliche Krankenhauseinweisungen, die der Influenza zusgeschrieben werden konnten, wie Silke Buda berichtet.

Oft Verwechslung mit harmloser Erkältung

Die Influenza, die durch Tröpfchen- oder Kontaktinfektion übertragen wird, wird oft mit einer eher harmlosen Erkältung verwechselt. Wer die Grippe hat, erkrankt meist plötzlich und so massiv, dass er tagelang das Bett hüten muss. Hohes Fieber und Schüttelfrost sind unter anderem die Symptome. Besonders gefährlich vor allem für Patienten mit bestehenden Lungenerkrankungen, mit Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems und auch für Diabetiker sind bakterielle Sekundärinfektionen – etwa eine Lungenentzündung. Grippeviren wiederum können zum Beispiel den Herzmuskel schädigen, was ebenfalls zu den schweren Komplikationen einer Influenza-Infektion gezählt werden kann.

Da der Impfschutz zehn bis 14 Tage benötigt, bis er durch das körpereigene Immunsystem aufgebaut wird, sollten in der laufenden Saison nur noch Risiokopatienten einen Arzt aufsuchen und sich nach einer Grippeschutzimpfung erkundigen. Ziel der Weltgesundheitsversammlung ist es, eine Impfrate von 75 Prozent innerhalb der älteren Bevölkerung bis zum Jahr 2010 zu erreichen – in Deutschland liegt sie zur Zeit bei gut 50 Prozent. Die große Mehrheit der grippebedingten Sterbefälle ereignen sich in der Altersgruppe der Über-Sechzigjährigen. An der Grippe starben nach Angaben der AGI zwischen 2001/2002 und 2006/2007 mehr als 31.000 Personen, die älter als 60 Jahre waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

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