Gesundheit

Die mysteriöse Gelbe Karte

Von Magnus Heier

Der Körper wehrt sich gegen Stress: Matthias Platzeck

Der Körper wehrt sich gegen Stress: Matthias Platzeck

17. April 2006 Eine Ferndiagnose ist immer unseriös. Aber in diesem Fall passen die Bausteine schon sehr gut zusammen: Matthias Platzeck, seit fünf Monaten SPD-Chef, hatte in einer Phase wachsender Kritik an seiner Führung ganz offensichtlich keinen großen Spaß mehr an seinem Amt. Die Zeit, in der der SPD-Vorsitz als schönster Job nach dem des Papstes galt, ist längst vorbei. Frustration und Überforderung waren für den Brandenburger offensichtlich Stress pur.

Eine klassische Ausgangssituation für den Hörsturz: Der typische Patient ist um die 50, männlich, beruflich und privat unter Druck - und dabei dünnhäutig gebaut. So das Klischee. Aber auch Jugend ist keine Sicherheit - schon Abiturienten trifft es.

Warum gehören Stress und Hörsturz zusammen? Darüber wird viel spekuliert, aber niemand kennt die Antwort. Schon die Definition der Krankheit sagt alles: „Ein Hörsturz ist ein plötzlicher Hörverlust ohne erkennbare Ursache.“ Die gängigsten Theorien sind unbewiesen, aber vielfältig: Ist der Hörsturz eine Durchblutungsstörung im Innenohr oder eine Entzündung? Eine Störung von Ionenkanälen oder eine Fehlsteuerung des Immunsystems? Eine Verletzung oder eine Infektion? Oder ist er etwas ganz anderes?

Pelziges Gefühl der Ohrmuschel

Selbst ob es sich beim Hörsturz überhaupt um eine einheitliche Erkrankung handelt oder ob verschiedene Krankheiten unter einem Namen laufen, ist unklar. Denn schon die Begleitsymptome unterscheiden sich erheblich: Oft tritt der Hörverlust mit einem Druckgefühl im Ohr auf oder mit einem pelzigen Gefühl der Ohrmuschel. Manchmal mit ausgeprägtem Schwindel. Und in etwa 80 Prozent der Fälle wird die Hörminderung oder der Hörverlust von einem dauerhaften Klingeln, einem Tinnitus, begleitet.

Aber auch der Hörverlust selbst verläuft völlig unterschiedlich - vom Totalschaden bis zur Verschiebung der Tonwahrnehmung. Die präziseste Beschreibung der Ausfälle kommt naturgemäß von Musikern. Die zweiundvierzigjährige Patricia Hensel erlebte ihren Hörsturz als beinahe punktuellen Verlust eines sehr kleinen Frequenzbereichs. Aber die Berufsmusikerin beobachtete die Entwicklung mit professioneller Präzision: Zusätzlich zu ihrem Ausfall hörte sie plötzlich Obertöne.

Und schließlich veränderte sich das Krankheitsbild, der Ausfall wurde geringer, dafür aber breitbandig: Über mehrere Oktaven konnte sie nur noch dumpf hören. Ganz anders beim achtunddreißigjährigen Peter Slowik, ebenfalls Musiker: Bei ihm fiel das ganze Hörvermögen des rechten Ohres aus - in allen Frequenzen und nahezu vollständig. Häufig ist auch eine Verschiebung der Wahrnehmung: Töne fallen nicht einfach aus, sondern werden höher oder tiefer wahrgenommen.

Ausfälle im Tieftonbereich

Nicht nur für einen Musiker eine Katastrophe. Und ebenso tragisch wie häufig: „Wer sich im Orchester für längere Zeit krank meldet, der ist entweder schwanger, oder er hat einen Hörsturz“, heißt es unter Musikern. Zwei, drei Ausfälle in einem großen Ensemble sind durchaus normal. In diesem Beruf ist der Hörsturz relativ häufig. Vielleicht wegen der Belastung bei öffentlichen Auftritten, vielleicht aber auch, weil Musikern Veränderungen auffallen, die andere stillschweigend ignorieren oder gar nicht erst bemerken.

Entsprechend unterschiedlich sind dann auch die Angaben über die Häufigkeit von Hörstürzen: Jährlich 16.000 Deutsche erwischt es - oder auch 240.000. Genaue Zahlen kennt niemand, die Dunkelziffer ist offenbar groß.

So unterschiedlich wie die Symptome sind auch die Verläufe der Krankheit. Meist wird es spontan ohne jede Behandlung besser. Die Zahlen dieser Spontanheilung liegen zwischen 31 und 89 Prozent - je nach Studie. Allerdings gibt es nur wenige Indizien darauf, wer mit einer spontanen Heilung rechnen kann. Meist erleben diejenigen eine deutlichere Besserung, bei denen die Ausfälle eher im Tieftonbereich liegen. Wer dagegen höhere Töne nicht mehr hören kann, hat eine schlechtere Prognose, so die Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde. Warum das so ist? Das weiß wiederum niemand.

Zwangspause im Bett

Vieles spricht für die Theorie der Durchblutungsstörung, aber die Auflösung computertomographischer oder kernspintomographischer Bildgebungen ist noch weit davon entfernt, etwaige Durchblutungsstörungen der winzigen Gefäße im Innenohr darstellen zu können. Aber die Arteria labyrinthi, die das Innenohr mit Blut versorgt, ist eine Endarterie - es gibt keine Umleitung für das Blut. Ein Gefäßverschluß würde auf jeden Fall zu erheblichen Hörausfällen führen. Entsprechend ist die gängigste Behandlung, die blutverdünnende Infusionstherapie, immerhin plausibel.

Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Chef der HNO-Uniklinik in Köln, sieht die Behandlung sehr pragmatisch auch als eine Chance, hyperaktive Patienten aus ihrem Stressverhalten herauszuholen: „Wir wissen nicht genau, ob die Infusion selbst hilft, aber während der zwei, drei Stunden, in denen die Infusion läuft, muß der Patient im Bett liegen.“ Und das zählt: Die meisten Patienten, die der Hörsturz in einer ausgeprägten Stressphase erwischt, profitieren davon. „Am ersten Tag liegen sie sehr angespannt im Bett, am zweiten sind sie schon ruhiger - und am dritten genießen sie die Zwangspause im Bett“, sagt Hüttenbrink.

Ist das überhaupt ein Fall fürs Krankenhaus? Aus dem „Notfall“ früherer Zeiten ist heute ein „Eilfall“ geworden - der Kostendruck im Gesundheitswesen wie auch die noch immer völlig unklare therapeutische Situation haben zu einer anderen Einschätzung der Krankheit geführt. „Wir nehmen Patienten auf, deren Gehör so stark betroffen ist, daß die Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist“, sagt Hüttenbrink.

Zeichen des überforderten Körpers

„Wenn die Wahrnehmungsschwelle 30 bis 40 Dezibel beträgt, dann nehmen wir die Patienten auch auf.“ Sonst bekommt die Klinik Ärger mit den Kassen. Wenn der Patient aufgenommen wird, dann ist der Hörsturz an der Kölner Uniklinik knapp 2000 Euro wert - so viel zahlt die Kasse an die Uniklinik. Andere Kliniken bekommen andere Beträge, das System ist kompliziert.

Wenn sich die Symptome nicht zurückbilden, nicht durch eine Behandlung und nicht spontan, dann suchen verzweifelte Patienten ihre Behandlung auch jenseits der Schulmedizin. Das Angebot ist groß: Von der Ozontherapie bis zur UV-Licht-Behandlung, von der Lasertherapie bis zur Eigenblutbehandlung wird von Ärzten und anderen Therapeuten alles angeboten, was irgendwie modern klingt, von den Kassen in der Regel aber nicht bezahlt wird. Eine Wirkung kann nicht nachgewiesen werden, die Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde spricht von obsoleten Behandlungen. Gefäßerweiternde Substanzen können die Krankheit sogar noch verschlimmern, da es zu einem sogenannten Steal-Effekt kommen kann: Gesunde Blutgefäße reagieren auf das Medikament und weiten sich, die kranken reagieren nicht, so daß von dort sogar noch Blut vom Innenohr abgezogen wird.

Ob Immunreaktion, Infektion oder Durchblutungsstörung: Ein Hörsturz wird von Ärzten meist als Gelbe Karte eines überforderten Körpers gedeutet. So wie wohl auch bei Matthias Platzeck, der mit dem Rücktritt als SPD-Vorsitzender seinen vermutlich größten Stressfaktor ausgeschaltet hat. Platzeck jedenfalls zeigt in seinem Verzicht Vernunft: Denn die Krankheit ist nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance - der Hörsturz ist eben eine Gelbe, keine Rote Karte.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.04.2006, Nr. 15 / Seite 70
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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