Von Peter-Philipp Schmitt
25. März 2008 Das Zimmer im St. Mary's Hospital in Paddington hatte keine Vorhänge - nur Gitterstäbe vor den Fenstern. Das sei normal, hieß es. Aber bald schon würde er neue Vorhänge bekommen, versprachen die Schwestern. Es sei Routine, sie nach jedem Patienten auszutauschen. Ich konnte an nichts anderes denken, sagt Paul Thorn. Meine Gedanken kreisten darum, ob sie wirklich neue Vorhänge für mich aufhängen würden. (Damals ahnte Thorn nicht, wie wichtig Vorhänge für ihn werden würden.) Thorn war soeben isoliert worden. Was das für ihn bedeutete, erklärte ihm zunächst niemand. Ich hatte Angst, dass ich den Raum nie mehr verlassen könnte, dass sie mich für immer wegschließen würden.
Die Isolation traf Thorn völlig unerwartet: Und so verstand er in den ersten Tagen auch nicht, warum er ohne Kontakt zur Außenwelt in dem Londoner Krankenhaus leben musste. Die Ärzte redeten zwar mit mir, doch ich konnte die Informationen irgendwie nicht in meinem Kopf speichern. Dass er an Tuberkulose litt, war ihm klar. Dass er sich mit einer nur schwer zu behandelnden Form infiziert hatte, dass er zudem hochansteckend war und die Ärzte ihm kaum Überlebenschancen gaben, begriff der Fünfundzwanzigjährige erst im Nachhinein.
Tagelang atmeten wir ein, was der Mann aushustete
Paul Thorn hatte sich im April 1995 im Londoner Chelsea and Westminster Hospital mit multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) infiziert, mit Mykobakterien, die mindestens gegen die beiden Antituberkulotika Isoniazid und Rifampicin resistent sind. Damit standen Thorns Ärzten zwei der vier meist in Kombination und als Standardtherapie eingesetzten Medikamente nicht zur Verfügung. Die Behandlung einer MDR-TB ist langwierig und kann bis zu zwei Jahre dauern. Eine Isolierung der Patienten ist zu Beginn der Therapie unabwendbar. Mehrfach kam es in den neunziger Jahren zu MDR-TB-Ausbrüchen, unter anderem in New York, und häufig bei Aidspatienten, deren Immunsystem geschwächt und für Tuberkulose besonders anfällig ist. Die bakterielle Infektionskrankheit, nach ihrem Entdecker auch Morbus Koch genannt, gilt Medizinern als aidsdefinierende Erkrankung.
Paul Thorn hatte sich 1990 mit HIV infiziert, fünf Jahre später war er aidskrank. Fortan war er regelmäßig im Chelsea and Westminster Hospital, in dem damals gut 20 Prozent der in England registrierten Aidspatienten behandelt wurden. Im April 1995 verbrachte er ein paar Tage auf der HIV-Station des Krankenhauses - wegen Magen-Darm-Problemen. Ich lag in einem Sechs-Betten-Zimmer, erzählt Thorn. Einer der Patienten, ein Brasilianer, hatte eine Lungenkrankheit. Er hustete die ganze Zeit. Gegen die Richtlinien wurde bei dem Mann der sogenannte Sputum-Test im Zimmer vorgenommen - im Beisein der anderen Patienten. Von dem Auswurf wurde eine Kultur angelegt, damit sie auf mögliche Keime hin untersucht werden konnte. Tagelang, sagt Thorn, atmeten wir ein, was der Mann aushustete. Die Folge: Alle in dem Zimmer steckten sich mit MDR-TB an. Soweit ich weiß, gab es nur einen Überlebenden: mich.
Drei Monate wurde Thorn im Krankenzimmer isoliert
Zunächst aber durfte Thorn im April wieder nach Hause gehen. Der junge Schriftsteller arbeitete an seinem ersten Buch und half nebenher ehrenamtlich in einer Organisation aus, die sich um Menschen mit HIV kümmert. Im Juni fühlte sich Thorn schwach, er hatte Brustschmerzen und nachts erhöhte Temperatur. Daraufhin wurden seine Lungen geröntgt, und von seinem Sputum wurde eine Kultur angelegt. Ende Juli, Thorn hatte gerade sein Buch fertiggestellt, bekam er einen Anruf: In seiner Probe hätten sich Bakterien vermehrt, die auf Tuberkulose hindeuteten. Er solle sofort ins Krankenhaus kommen. Ich hatte wahnsinnige Angst, vor allem, als mir die Ärzte sagten, ich solle eine Liste mit allen Personen anfertigen, mit denen ich seit April Kontakt hatte.
Thorn geriet in Panik: Die meisten Menschen, die er kannte, waren HIV-positiv. Zugleich war er in Dutzenden Restaurants gewesen, in Bussen und U-Bahnen und sogar im Urlaub. Eine Übertragung von HIV lässt sich vergleichsweise leicht vermeiden, Tuberkulose aber verbreitet sich einfach durch die Luft, durch Tröpfchen. Womöglich hatte ich alle meine Freunde und Verwandte infiziert. Was würden sie denken, wenn sie davon erführen? Ich schämte mich furchtbar. (Soweit Thorn weiß, hat er niemanden angesteckt.)
Paul Thorn wurde isoliert. Drei lange Monate saß er in dem vergitterten Zimmer im St. Mary's Hospital, in dem ihm keine Dusche und nur kaltes Wasser zur Verfügung stand. Ich fühlte mich die ganze Zeit dreckig. Zwar begann er, seinen Tag genau zu planen, er trainierte mit Gewichten, aß zu festen Zeiten, schrieb Tagebuch. Irgendwann aber starrte er Stunden um Stunden auf seinen Fernseher. Ich ging in meinem Käfig auf und ab wie ein Tier im Zoo. Wie ein Mensch sei er sich da schon nicht mehr vorgekommen.
Dankbar, überlebt zu haben
Drei Jahre lang wurde er mit einer Vielzahl von Medikamenten therapiert. Mit ihren Nebenwirkungen - andauernde Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit und Diarrhöe - musste er zurechtkommen. Nachdem er nicht mehr ansteckend war, wurde er in ein provisorisches Quartier gebracht, wo sonst nur Flüchtlinge leben. Dort gab es nicht einmal Messer und Gabel. Als er endlich, 1998, in sein gewohntes Leben zurückkehren konnte, hatten sich viele seiner Freunde und Kollegen von ihm abgewandt. Sie mieden mich dauerhaft aus Angst, ich könnte sie noch immer anstecken. Einfachste Dinge seien ihm schwergefallen - telefonieren zum Beispiel, kochen oder auch nur, über eine Straße zu gehen. Vor allem hatte Paul Thorn Geldsorgen: Finanzielle Unterstützung oder gar eine Entschädigung hat er von einer Behörde nie bekommen.
Der Achtunddreißigjährige sagt, dass er dankbar ist, überlebt zu haben. Vor zwei Jahren, am 24. März 2006, dem Welttuberkulosetag, hat Paul Thorn das Tuberculosis Survival Project ins Leben gerufen. Schon kurz nach seiner Genesung hatte er in seinem Handbuch The Tuberculosis Survival (er schrieb es unter dem Namen Paul Mayho) genau dargestellt, wie man die schwere Infektionskrankheit am besten überlebt. Thorn geht ausführlich auf seine Isolation ein und wie wichtig ein Gefühl für Zeit ist, auch wenn sie nicht verrinnen will. Ziehen Sie, schreibt Thorn, jeden Morgen die Vorhänge auf und abends wieder zu, damit Sie wissen, wann es Tag und wann es Nacht ist. Und: Besorgen Sie sich eine Uhr, die nicht tickt. Die Wanduhr in seinem Krankenhauszimmer habe getickt. Darum habe er sie irgendwann zerschlagen. Sie tickte nie wieder, aber fortan wusste ich auch nicht mehr die genaue Uhrzeit. Das war noch schlimmer als das Ticken der Uhr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat
