Von Christiane Harriehausen
15. Mai 2008 München. Wohnbauten waren lange Zeit vor allem zweckmäßig und bei entsprechenden finanziellen Mitteln auch repräsentativ. Mit der Entwicklung neuer Materialien und den Errungenschaften des technischen Fortschritts boten sich Bauherrn und Architekten seit dem zwanzigsten Jahrhundert ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Wohnhäuser konnten zu zeitgemäßen Kunstwerken werden. Futuristisch anmutende Visionen des Wohnens wurden Wirklichkeit.
In den vergangenen Jahren hat sich das Wohnen im Kunstwerk zu einem zunehmend beachteten Nischenmarkt gewandelt. Hinter dieser Idee, die bereits auf unterschiedlichste Weise interpretiert und definiert wurde, verbirgt sich die Suche nach dem Außergewöhnlichen in Form einer zeitgemäßen und individuellen Wohnkultur, die die eigene Identität widerspiegelt. Gebäude entstehen, die ungewohnte Perspektiven eröffnen, anecken oder zum Dialog auffordern. Wohnen im Kunstwerk kann so den Blick öffnen für neue Wohn- und Lebenswelten, in denen Vertrautes immer wieder auf dem Prüfstand steht.
Symbiose aus Kunst, Design und Architektur
Wie spannend die Symbiose aus Kunst, Design und Architektur ist, beweisen einige Projekte in Deutschland. Mutige Bauherren oder Architekten mit Blick für den Bedarf des Marktes lassen sich einiges einfallen, um die immer anspruchsvolleren Kunden zufriedenzustellen. Vor allem in den großen Städten wie Berlin, Hamburg, Köln, Düsseldorf oder München entstehen Wohngebäude, bei denen das Design und die Wirkung der Räume im Mittelpunkt stehen. Das belebt nicht nur die Diskussion um die Qualität des Wohnbaus in Deutschland, sondern verändert auch das Bild von Straßen und Quartieren.
Zu den spektakulärsten Bauvorhaben, die derzeit umgesetzt werden, zählt der Umbau eines ehemaligen Jesuitenklosters im Münchner Stadtteil Nymphenburg. Der Architekt Paul Schneider von Esleben (1915 bis 2005) hatte das moderne Ordenshaus zwischen 1960 und 1962 geplant. Die meisten von uns Architekten sind Anwender. Nur die allerwenigsten sind Erfinder. Schneider-Esleben war Erfinder, beschreibt der mit dem Umbau beauftragte Architekt Heinz Franke vom in München ansässigen Büro Franke Rössel Rieger Architekten den Planer. Die sechseckige Anlage steht unter Denkmalschutz. Sie gilt mit ihren klaren Betonflächen, die ohne einen einzigen rechten Winkel auskommen, als visionäre Bauskulptur der Nachkriegszeit, erläutert Franke.
Nun werden aus den Zimmern der Patres, der Kapelle und den einstigen Bibliothekstürmen vierzehn luxuriöse Eigentumswohnungen mit Wohnflächen von rund 150 bis 590 Quadratmetern. Die ursprüngliche Fläche der Anlage von 2800 Quadratmetern wird auf 3500 erweitert. Mehrere Baukörper mit golden glänzenden Fassaden stocken die alten Ordensmauern auf und ergänzen die vorhandene puristische Architektur, erläutert Franke. Dass sich daran die Geister scheiden, ist ihm durchaus bewusst. Das Gebäude wird polarisieren. Entweder es gefällt, oder es wird abgelehnt. Schon jetzt gehen die Meinungen hier deutlich auseinander, sagt Franke.
Der Projektname Redukt ist Programm
Für ihn habe die besondere Herausforderung darin bestanden, das Vorhandene zu würdigen und dennoch für den Neubau eine eigene Sprache zu finden. Daher habe er sich bei der Fassadengestaltung des Neubaus für ein anderes Material, eine Legierung aus Kupfer und Aluminium, entschieden, um die Wertigkeit des Gebäudes zu unterstreichen.
Bei den Innenansichten ist der Projektname Redukt Programm. Die Grundrisse sind klar und reduzieren sich auf das Wesentliche. Die Formsprache lässt alles Überflüssige weg und schafft dadurch einen Raum, mit dem der Bewohner oder der Betrachter in Dialog treten kann. Das ist mit der Wirkung eines Kunstwerks vergleichbar, sagt Franke. Um das Gebäude entsprechend zu würdigen, brauchen die künftigen Bewohner Vorstellungskraft und Kreativität, denn jeder Raum ist einzigartig, es gibt kein Muster und keine Wiederholungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Haus ist ein Prozess, der nie abgeschlossen sein wird, selbst dann nicht, wenn man schon einige Jahre in ihm wohnt, prognostiziert Franke. Dazu gehört Mut.
Mut hat auch der Münchner Bauträger Josef Mattusch gezeigt, als er sich im Jahr 2004 dazu entschloss, das Projekt in Angriff zu nehmen. Im Wohnungsbau das nicht Alltägliche zu wagen ist eine Herausforderung und Chance zugleich, weiß auch Christoph Lemp, Geschäftsführer bei der mit der Umsetzung des Vorhabens beauftragten Bauwerk Capital, einem auf den designorientierten Wohnungsbau spezialisierten Dienstleister. In jedem Fall sei der Aufwand höher, sowohl im Hinblick auf die Kosten als auch den Beratungsbedarf bei den Käufern. Dennoch könne ein solches Projekt wirtschaftlich erfolgreich sein. Wir haben bisher rund 50 Prozent der Wohnungen vom Plan verkauft, und das, obwohl sich viele Kunden die Wirkung der fertigen Räume nur schwer vorstellen können, berichtet Lemp. Für ihn sei das auch ein Zeichen, dass Gebäude mit guter Architektur einen Markt haben. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die etwas Besonderes möchten und einen hohen Anspruch an ihr Wohnumfeld haben. Mehrkosten spielten in diesem Segment keine entscheidende Rolle.
Design gewinnt an Bedeutung
Insgesamt gewinnt im Wohnungsbau das Design an Bedeutung, hat Lemp beobachtet. Das sei mit der Entwicklung in der Automobilindustrie vergleichbar. Im Projekt Redukt gebe es Details, die extrem gestaltet seien. Das wird nur von jemandem geschätzt, der einen Sinn dafür hat und sich mit herkömmlichen Gebäuden nicht zufriedengibt, sagt er. Wohnen im Kunstwerk ist für ihn ein spannender, aber kleiner Nischenmarkt. Die Nachfrage nach solchen Produkten zeigt, dass die Emotionalisierung voranschreitet, und Architektur emotionalisiert. Allerdings muss die Qualität stimmen, gibt Lemp zu bedenken.
Ganz anders, aber ebenfalls mit einem bekannten Namen geht die Franconia Eurobau AG an das Thema Wohnen im Kunstwerk heran. Im Düsseldorfer Medienhafen entwickelt das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Petzinka Pink und dem Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie, Markus Lüpertz, unter dem Projektnamen Königskinder zwei durch einen öffentlichen Platz voneinander getrennte 63 Meter hohe Wohntürme mit acht Meter hohen Lüpertz-Skulpturen. Das oberste, 18. Geschoss soll der Kunst von Lüpertz gewidmet werden.
Bau- und Kunstwerk sind in ihrer Aussage verbunden und verschmelzen so zu einer Größe, die dennoch keinesfalls monumentale Züge aufweist, erläutert Uwe Schmitz, Vorstandsvorsitzender der Frankonia. Damit hätten Künstler und Architekten es geschafft, Grenzen und scheinbar Trennendes zu überwinden. Der Kreis zum jahrhundertealten Mythos der durch das tiefe Wasser voneinander getrennten Königskinder, der auch im bekannten Gedicht von Hoffmann von Fallersleben seinen Ausdruck fand, schließe sich. Und da es heute keine Burgen mehr gibt, die die Leute trennen, haben wir eben Häuser, die aber auf der gleichen Ebene, beschreibt der Künstler Markus Lüpertz die Idee für dieses ungewöhnliche Baukunstwerk. Durch die Figuren, die sich einander zuwenden, entstehe eine Verbindung zwischen den beiden Häusern. Also eine Art romantische Beziehung zwischen zwei Fixpunkten, zwei Hochhäusern, die sich nicht nähern können, aber die die Sehnsucht mental besitzen, interpretiert Lüpertz das ungewöhnliche Bauvorhaben.
Die Kunst erreicht das alltägliche Leben
Baustart für die 120 Wohnungen und Lofts ist im Sommer dieses Jahres. Nach Angaben des Bauherrn werden die zukünftigen Bewohner nicht nur in einem Kunstwerk von internationaler Reputation leben, sondern auch einen unverbaubaren Panoramablick haben. Im Hafenbecken entsteht zudem eine Marina, so dass mit Booten direkt vor der eigenen Haustür angelegt werden kann.
Wohnen im Kunstwerk zeigt sich hier als Ausdruck einer bisher wenig bekannten Form der Verlagerung von Kunst ins Alltagsleben. Warum sollten sich Zeichensprache und Symbolkraft moderner Architektur und Kunst auch nur auf spektakuläre Museumsbauten, Regierungssitze oder Unternehmenszentralen beschränken? Wohnungsbau, der etwas mehr kann, als Raum zum Leben zu bieten, ergänzt damit das herkömmliche Wohnraumangebot für eine allerdings überschaubare Zielgruppe. Das ist eine spannende Entwicklung für all jene, denen die herkömmlichen Vorstellungen vom Wohnen in zu engen Grenzen verliefen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Animationen Bauwerk, Frankonia Eurobau
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