25. September 2008 Türkisfarbenes Meer, unverbaute Landschaft, erlesene Nachbarn - diese Perspektiven machen den Nordosten Sardiniens zum Traumziel sowohl für Italiener als auch den Geldadel aus aller Welt. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat hier ein Refugium und auch manch russischer Ölmilliardär. Das hat zur Folge, dass in der prominenten Nachbarschaft auch ein schlichtes Ferienhäuschen zum Millionenobjekt wird.
Eine Villa mit 200 Quadratmetern Wohnfläche, Garten und Pool nahe am Zentrum von Porto Cervo für 4 Millionen Euro bietet Daniela Ciboddo, Büroleiterin der sardischen Niederlassung des deutschen Immobilienmaklers Engel und Völkers. Eine Villa etwas oberhalb des Ortes, der das Zentrum der Costa Smeralda ist, offeriert Meerblick, 320 Quadratmeter Wohnfläche, 5000 Quadratmeter Garten und soll 6,5 Millionen Euro kosten. Wenn es um Anwesen direkt am Meer geht, kann man das Ausrechnen von Quadratmeterpreisen ohnehin gleich bleiben lassen, sagt der unabhängige Immobilienmakler Giulio Maria Durio. Über den Daumen gepeilt, könne man dort 10 Millionen Euro pro Schlafzimmer veranschlagen.
Für 850.000 Euro lebt man beengt
Luisa Novello, die von Anfang an als Maklerin den Aufstieg der Costa Smeralda begleitet hat, bietet 300 Quadratmeter Villa mit sechs Schlafzimmern für 5,5 Millionen Euro. Ein Häuschen in der zweiten Reihe an einem der teuersten Flecken der Costa namens Romazzina, zudem in hübscher Lage, soll mit 220 Quadratmetern und vier Schlafzimmern 11 Millionen Euro kosten. Wer sich bescheidet, kann in einer Wohnanlage mit Pool ein Zweizimmerappartement mit 80 Quadratmetern für 850.000 Euro erstehen.
Diese Ecke von Sardinien ist teuer, aber dafür eine sichere Anlage, man könnte mit dem Slogan der Diamantenwerbung sagen: ein unvergänglicher Wert, urteilt Immobilienvermittlerin Ciboddo. Das liegt unter anderem in den rigiden Bestimmungen für Neubauten. Während in anderen Ferienregionen immer noch die Küsten zubetoniert werden, hat die Regionalregierung der Insel Neubauten in einer Entfernung von weniger als zwei Kilometern zur Küste verboten. An der Costa Smeralda haben sich viele der kleinen Villensiedlungen in Jahrzehnten kaum verändert. Und so werde es auch in den kommenden zwanzig Jahren bleiben, schwören die Immobilienmakler, Lokalpolitiker und die Vertreter der Regionalregierung.
Das Entwicklungskonzept hat sich bewährt
Dass die Costa Smeralda relativ unberührt blieb und damit zum teuersten Immobilienstandort Sardiniens wie auch ganz Italiens wurde, liegt am Entwicklungskonzept: Zu Beginn der sechziger Jahre war diese Küste noch menschenleer, denn die sardischen Bauern lebten im Binnenland. Der Aga Khan, Milliardär, Fürst und Oberhaupt der Religionsgemeinschaft der Ismaeliten, hatte die unberührte Küste entdeckt, die Sarden von seinem Konzept mit sanfter Entwicklung und Luxustourismus überzeugt und 3000 Hektar Land erworben. Der 55 Kilometer langen Küste gab er damals wegen der Farbe ihres Wassers den Namen Costa Smeralda. Bebaut wurden seither in diesem Gebiet nur 500 Hektar.
Um die Frage, ob der Immobilienbestand zumindest noch ein wenig weiterentwickelt werden kann, ringt hinter den Kulissen der amerikanische Immobilieninvestor Tom Barrack, der das sardische Reich des Aga Khan erworben hat. Er hat noch eine relative Mehrheit am Konsortium Costa Smeralda, das für die Gegend wie der Verwalter einer Hausgemeinschaft fungiert.
Gepflegtes Grün, Wachdienst und ein Löschhubschrauber
Die anderen 3850 Immobilieneigner und Teilhaber kommen aus aller Welt. 70 Prozent von ihnen sind Ausländer und von diesen wiederum ein Drittel aus Deutschland. Für eine stattliche Verwaltungsgebühr, die für ein Häuschen etwa 3500 Euro im Jahr beträgt, bietet das Konsortium eine Vielzahl von Leistungen, die in Italien in weit abgelegenen Feriensiedlungen staatliche Institutionen sonst nur lückenhaft organisieren: Es gibt gepflegte Grünflächen, Wachdienst, eine ärztliche Notfallstation und einen Löschhubschrauber für etwaige Waldbrände. Auch die Erschließung mit Straßen, Wasserversorgung, Mülltransport hat anfangs allein das Konsortium organisiert und nur einen Teil der Leistungen an die Gemeinde namens Arzachena weitergegeben.
Für Rechtsanwalt Renzo Persico, der als Präsident des Konsortiums einer Vielvölkergemeinschaft mit zahlreichen Berühmtheiten vorsteht, liegt die Hauptaufgabe jedoch nicht in den Dienstleistungen, sondern in der Bewahrung des natürlichen Charakters der Küste. In den achtziger Jahren war hier schon alles fertig gebaut, sagt er. Und viel will er daran nicht ändern. Für jede bauliche Veränderung, sogar für Antennen auf dem Dach, müssen die Hausbesitzer bei Persico und einer Kommission aus Architekten um eine Genehmigung bitten. Mit dieser Regel, eingeführt vom Aga Khan, können die Hausbesitzer sicher sein, dass nicht wie anderswo der Nachbar die wunderschöne Aussicht zerstört.
Mehr Häuser zu verkaufen als sonst
Trotz der für Italien paradiesischen Verhältnisse stehen derzeit mehr Immobilien zum Verkauf als sonst. Die wirtschaftliche Flaute hinterlässt Spuren. Doch die Makler schwören, dass deswegen die Preise nicht nachgegeben hätten. Allenfalls müsse man etwas mehr Geduld haben bei der Suche nach einem Käufer. Entscheidend sei oft nicht die finanzielle Lage, sondern die familiäre Situation des Besitzers, sagt Luisa Novello, etwa wenn die Kinder und deren Familien nicht mehr zum Urlaub nach Sardinien kommen, und die Erben andere Interessen haben. Eine Reihe von Häusern habe sie in ihren 40 Jahren an der Costa Smeralda schon mehrfach weiterverkauft.
Dafür, dass die Preise hoch bleiben und Villen direkt an der Küste immer noch schwer zu finden sind, an der Costa Smeralda wie auch in benachbarten Gegenden, sorgt das ungebrochene internationale Interesse am Nordosten Sardiniens. Zuletzt hat Silvio Berlusconi mit seinem Wochenendsitz bei Porto Rotondo und Staatsgästen von Wladimir Putin bis Tony Blair Sardinien ins Rampenlicht gebracht. Für das kommende Jahr ist die nahe gelegene Insel La Maddalena zum Veranstaltungsort des Weltwirtschaftsgipfels auserkoren worden.
Feste Adresse für Jetset und Geldadel
Schon seit der Aga Khan gleich in den Anfangsjahren die Beatles, Gunter Sachs oder Mitglieder des britischen Königshauses zu sich nach Sardinien eingeladen hatte, ist Sardinien bei Jetset und Geldadel eine feste Adresse. Auf eine Welle von britischen Investoren folgte eine deutschsprachige Gemeinde, die heute noch vom früheren Volkswagenchef Carl Hahn bis zur österreichischen Unternehmerfamilie Swarovski reicht. Nun steht die Region im Mittelpunkt des Interesses russischer Millionäre und Milliardäre. Roman Abramowitsch etwa hat sich gegenüber dem Hotel Cala di Volpe eingekauft und lässt das Dutzende Millionen teure Anwesen gerade renovieren.
Wer jedoch nicht direkt am Strand investieren will, sondern etwas weiter entfernt, kann sich derzeit über mehr Auswahl freuen. In der zweiten Reihe seien die Anwesen etwa 35 Prozent billiger, in der dritten etwa die Hälfte, sagt Makler Giulio Maria Durio. Zudem weichen manche Investoren auf die Siedlungen aus, die nicht mehr direkt an der Costa Smeralda liegen, sondern knapp dahinter. Doch Vorsicht ist geboten. Denn kurz dahinter beginnt das ziemlich menschenleere Binnenland Sardiniens. Und Häuser mit dem Blick ins Grüne sind nicht immer leicht zu verkaufen, wie ein Ladenhüter von 180 Quadratmetern Wohnfläche für 700.000 Euro im Angebot von Engel und Völkers beweist.
Schatzsucher unter den Maklern
Facettenreich wie die Kunden sind auch die Immobilienmakler, die sich in dem reichen Markt tummeln: Luisa Novello hat den Aufstieg der Küste erlebt, kennt die Besitzer und wird für manche Neulinge zum Freund und festen Bezugspunkt, der viele Probleme lösen hilft. Engel und Völkers, seit einem Jahr in Porto Cervo, bietet Objekte in ganz Nordsardinien an und zudem die Diskretion eines gesonderten Service für die Besitzer teurer Villen, die nicht ins Gerede kommen und auch keine Neugierigen zur Besichtigung empfangen wollen.
Giulio Maria Durio wiederum verkörpert den Schatzsucher, der mit einem Netz von Informanten frühzeitig von attraktiven Gelegenheiten Wind bekommen will. Einig sind sie sich im Lob über die Gastregion. Sardinien bietet nicht nur Sicherheit und Ordnung, sondern auch gastfreundliche Einheimische, die Neuankömmlinge auch einladen. Die Sarden sind offen für Fremde, sagt Giulio Maria Durio. Wenn man eingeladen ist, darf man nur nicht vergessen, sich hinterher ausdrücklich zu bedanken.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Tobias Piller