Anders Wohnen (1)

Mit der Geschichte auf Du und Du

Von Birgit Ochs

21. Juni 2008 Vom Himmel regnet es Bindfäden, und unten auf dem Pflaster der Krämerbrücke drängen sich die Schulklassen. Kinder lauschen den Referaten ihrer Mitschüler, die von der Geschichte der Brücke als Teil der Via Regia, der mittelalterlichen Handelsstraße erzählen.

Ein buntes Dach aus Schirmen schwebt über den Menschentrauben in der schmalen Gasse. Wo ist nur die Nummer 4, das Haus „Zum bunten Löwen“? Egon Zimpel winkt ab, als er die Tür öffnet und die Menge sieht. Seit 36 Jahren lebt er im Obergeschoss von Nummer 4 - und so auch mit den Touristen.

Das hat nicht einmal Florenz zu bieten

„Eine bewohnte Brücke, das ist eben einzigartig“, sagt der Maler. „Das hat nicht mal die Ponte Vecchio in Florenz zu bieten.“ Von Montag bis Sonntag flanieren die Besucher an den rausgeputzten Häuserzeilen zwischen Wenigemarkt und Fischmarkt entlang. Mit Bussen kommen sie in die thüringische Landeshauptstadt, besichtigen den Dom, das Rathaus und auch die Krämerbrücke, mit ihren Cafés, den Kunsthandwerksgeschäften, dem Buchladen.

Seit 1325 überspannt der Bau mit seinen sechs steinernen Bögen die Arme der Gera. Über ihn zogen die Händler und Kaufleute auf dem Weg von Kiew Richtung Paris und zurück. Oft hatte das Feuer gewütet und die hölzerne Vorgängerkonstruktion samt den Verkaufsbuden zerstört, bis sich der Stadtrat entschied, auf Stein zu bauen: 125 Meter lang und mit Fachwerkhäusern auf beiden Seiten.

Keine Wohnhäuser, sondern ein Handelsplatz

„Das waren keine Wohnhäuser“, erzählt Zimpel während er die schmale Treppe hinauf zu seiner Wohnung steigt. Die Brücke, ihr Name verrät es, war Handelsplatz für Tuch-, Samt- und Seidenhändler, Zuckermacher, Goldschmiede und Apotheker. Im Erdgeschoss der Häuser machten die Händler Geschäfte, in den oberen Etagen lagerten sie die Waren.

Was heute wie ein einziges schmales Haus aussieht, beherbergte ursprünglich gleich mehrere Häuser. Unter dem Dach des „Bunten Löwen“ befanden sich noch das Haus zum „Grünen Schild“ und das „Hufeisen“.

Nichts aus einem Guss

Oben in der Wohnung ist nichts aus einem Guss. Knapp 60 Quadratmeter umfasst sein Zuhause. Ein großes Zimmer, Küche, Bad und Flur - kein Raum liegt auf der gleichen Höhe. Das Gebälk hat sich im Laufe der Jahrhunderte verzogen und die Etagen in schiefe Ebenen verwandelt. Das Architektenpaar, von dem Zimpel die Wohnung Anfang der siebziger Jahre übernahm, hat die Unebenheiten mit Stufen überbrückt.

„Vorsicht“, ruft der Hausherr Besuchern zu, die er in sein Wohnzimmer gebeten hat. Denn im Dämmerlicht sind die Schwellen kaum zu sehen. An einem so trüben Vormittag dringt auf der Westseite der Wohnung nur wenig Licht durch die kleinen Fenster. Als Atelier nutzt Zimpel daher die Diele vor der Wohnung.

Freier Blick auf die Gera

Von dort hat er einen freien Blick auf die Gera und die Überreste der Mikwe, das jüdische Ritualbad, das man kürzlich durch Zufall entdeckt hat. An der Wand im Flur hängen Bilder, die für eine Ausstellung vorgesehen sind. Auf dem großen metallenem Schrank liegen die Plakate für das Theaterstück, das im September Premiere im Erfurter Kaisersaal feiert, und dessen Inszenierung Zimpel mit organisiert hat.

Viel Platz ist hier nicht. Viel Platz brauche er auch gar nicht, versichert der 65-Jährige. Doch in der kleinen Wohnung wird es eng. Der Maler ist auch Sammler, das Wohnzimmer voller Erinnerungsstücke an Reisen, Freunde und Weggefährten. Die Wände sind, dort, wo keine Bilder, Fotos oder Instrumente hängen, längst hinter Bücherregalen verschwunden: Auf ganze Reihen voller Kunstbände folgen philosophische Werke, Belletristik, nicht zuletzt und die Werke von DDR-Autoren wie Heiner Müller, Christoph Hein und Brigitte Reimann. „Die Brigitte und ich waren Nachbarskinder“, erzählt der Künstler. Aus Burg in Sachsen-Anhalt stammt er, nach dem Studium in Greifswald kam er nach Erfurt. Zufällig auf die Krämerbrücke ins „Haus zum bunten Löwen“. Einen besseren Wohnort, könne er sich nicht denken.

Zimpel liebt die vielen Geschichten um die Brücke

Andere jedoch kommen und verlassen die Brücke bald wieder. „Wenn man mit der Geschichte nicht auf Du und Du steht, bist du schnell wieder weg“, sagt Egon. Er liebt die Geschichte des Hauses, der Brücke, ihrer Bewohner, die Geschichten vom Feuer, den Händlern, der alten Jüdin, die im Hinterzimmer eines Blumenladens das Dritte Reich überlebte, die Geschichten, die „Wacki“, sein alter Nachbar, ihm vor seinem Tod erzählte. Er liebt den dumpfen Geruch, der in den alten Häusern hängt, nach Holz und Fluss und ein bisschen nach feuchtem Putz.

Eine gewisse „Nervigkeit“ brauche man, um das zu ertragen, wenn nicht gar zu schätzen, sagt Zimpel: „Diese Bauten sind wie ein alter, kranker Mann, voller Gebrechen.“ 32 Häuser zählt das Denkmal Krämerbrücke. Von den Brückenbögen bis zu den Dächern - die Sanierung ist ein Fass ohne Boden: Die Holzsprossenfenster, die Decken, die Bohlenstuben, das Fachwerk, die Natursteinmauern, Stuck , Malerarbeiten, die Installation moderner Leitungen - die Liste ist lang.

Die Stadt wollte den Sanierungsfall loswerden

Schon bald nach der Wende hätten sich Investoren aus dem Westen auf der Brücke gedrängt, erinnert sich der Künstler. Runtergekommen waren die Häuser. Die Stadt hätte nichts dagegengehabt, den Sanierungsfall loszuwerden. Zimpel engagierte sich dafür, dass das Ensemble weitgehend über eine 1996 gegründete Stiftung in kommunalem Besitz blieb.

Verwaltet werden die Häuser von der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt. Sie kassiert die Miete. Bei ihr können sich auch Mietinteressenten bewerben. Die meisten Häuser sind bewohnt. „Wir haben sogar Kinder, das war nicht immer so“, sagt Brückenbewohner Zimpel nicht ohne Stolz. Eine ganze Weile hätten nur Erwachsene hier gelebt.

Schmale Wohnungen, niedrige Decken, kleine Räume

Während in früheren Jahren Familien mit bis zu elf Personen auf einer Etage lebten, entsprechen die schmalen Wohnungen mit den niedrigen Decken keineswegs heutigen Ansprüchen. Wohnkomfort mit lichten Räumen, flexiblen großzügigen Grundrissen, barrierefrei sieht anders aus. In den historischen Mauern zu wohnen hat seinen Preis: man muss sich bescheiden. Die kleinen Räume taugen weder für Wellness-Bäder noch für Sofalandschaften. Und so steht in Maler Zimpels Wohnzimmer gerade mal ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Sessel wären schon zu wuchtig. Gemütlich ist es, ein bisschen wie in einer Puppenstube.

Der Hausherr mag es genau so. „Neue Wohnungen sind oft maßlos. Wenn ich da reingehe, habe ich immer das Gefühl, nicht anzukommen“, sagt er. Der Regen hat aufgehört, und unten vorm „Haus zum bunten Löwen“ löst eine Seniorenreisegruppe die Schulklasse ab. „Für die Besucher ist die Krämerbrücke putzig, für uns Bewohner das Zuhause“, sagt Zimpel.

Der zweite Teil der Serie „Anders Wohnen“ erscheint am 29. Juni in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z. / Roger Hagmann, F.A.Z./ Roger Hagmann, ZB

 
Ein einzigartiges Bauwerk: die Krämerbrücke in Erfurt Schmale Räume, niedrige Decken - auch in seiner Küche muss sich der Maler Ego... Egon Zimpel liebt die vielen Geschichten rund um die Krämerbrücke in Erfurt Leben wie im Puppenhaus - moderne Wohnungen sind Egon Zimpel ein Gräuel Verschiedenste Bücher stapeln sich scheinbar wild durcheinander in Zimpels Flur Wer wie Egon Zimpel in einem der Häuser auf der Krämerbrücke lebt, darf keine...